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Krisen-Tourismus Leeres Paradies: So erlebten wir unseren Mallorca-Urlaub in Zeiten von Corona

Auf den sonst vollen Touri-Meilen herrscht gähnende Leere
Auf den sonst vollen Touri-Meilen herrscht gähnende Leere
© Malte Mansholt / stern.de
Kann man in Zeiten von Corona entspannt Urlaub auf der Lieblingsinsel der Deutschen machen? Ja, fanden stern-Redakteur Malte Mansholt und seine Familie. Und stellten sich auf einige Einschränkungen ein. Doch die Ferien-Erfahrung war dann doch ganz anders, als man sich das vorstellte.

Wird das was mit dem Sommerurlaub? Diese Frage stellten sich angesichts der Corona-Krise Millionen von Deutschen. Wir uns auch. Wie so viele wollten wir nach Monaten des Homeoffice und Heimunterricht mit zwei Schulkindern nur noch raus. Und erlebten auf Mallorca einen etwas anderen Urlaub als gewohnt.

Als die Krise losging, war es für uns noch alles andere als klar, ob wir die Reise wirklich antreten wollten. Ausgerechnet Spanien hatten wir Ende des letzten Jahres gebucht, im Frühjahr eines der am schlimmsten von Covid-19 betroffenen Länder. Während um uns herum alle ihre Urlaube gestrichen bekamen oder selbst stornierten, hielten wir an der Hoffnung fest. Als dann feststand, dass ab Juni die Touristen nach Mallorca zurückkehren durften, war auch für uns klar: Wir machen das.

Social Distancing am Pool

Ganz einfach war uns die Entscheidung natürlich nicht gefallen. Mallorca ist mit knapp über 2000 Fällen auf die gut 1,2 Millionen Einwohner weniger stark betroffen als Hamburg, das Risiko auf der Insel selbst war also überschaubar, wägten wir ab. Auch die Flüge aus Hamburg schätzten wir als relativ sicher ein, schließlich war das Einzugsgebiet des Flughafens insgesamt kein Covid-Hotspot gewesen.

Und dann war da natürlich noch unser Lieblings-Hotel: Die Anlage aus Appartmenthäusern mit höchstens drei Stockwerken, weitläufigem Gelände und einem großzügigen Poolbereich hatten wir auch deshalb zu lieben gelernt, weil man sich selbst zu Hochzeiten gegenseitig nicht zu sehr auf der Pelle hockt. Besser als dort konnte man Social Distancing und Urlaub kaum miteinander vereinen.

Die verwaisten Hotelanlagen taugen kaum als Infektionsherd
Die verwaisten Hotelanlagen taugen kaum als Infektionsherd
© Malte Mansholt / stern.de

Kein unbesorgtes Reisen

Kurz vor der Reise kam dann doch langsam ein mulmiges Gefühl auf. Was, wenn die Corona-Warn-App wenige Tage vor dem Flug anschlägt? Was, wenn die Fiebermessung mit Wärme-Kameras am Flughafen von Palma uns erstmal in Quarantäne schickt? Was, wenn sich jemand im Flugzeug im Nachhinein als krank erweist?

Am Tag der Abreise waren diese Gedanken aber der Vorfreude gewichen. Die dann beim Check-in erstmal kurz erlosch: Während wir uns leere Sitzreihen oder wenigsten leere Mittelsitze als Sicherheitsmaßnahme vorgestellt hatten, war von dieser Fantasie im Flieger nichts mehr übrig: Jeder Platz war besetzt. Und mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern blieb mir wenig übrig, als eng neben einer sehr netten, aber mir völlig fremden Dame zu sitzen. Uff. Immerhin trugen die Mitpassagiere alle ihre Masken, selbst ausgepackte Nasen konnte ich keine sehen.

Einmal gelandet, waren die Folgen der Krise sofort zu sehen, auch jenseits der obligatorischen Gesundheitskontrolle und Abgabe des Contact-Tracing-Formulars. Der Flughafen war so gut wie ausgestorben. Nur am einzigen aktiven Gepäckband waren Menschen ohne Uniformen zu sehen, der Transferbus war genauso leer wie die Straßen zur anderen Seite der Insel. Als selbst die sonst emsige Tourimeile im Ortskern komplett leergefegt war, wurde uns endgültig bewusst: Ein normaler Urlaub ist das gerade nicht. Ein Urlaub mit Corona, nicht von Corona, wie es Frank Ulrich Montgomery, Vorsitzender des Weltärztebundes, auf den Punkt brachte.

Corona überall - aber nur in den Köpfen

Selbst am wunderbar leeren Pool war das Thema allgegenwärtig. Schnell drehten sich Gespräche mit anderen Gästen darum. Gegenseitig bestärkte man sich, trotzdem die richtige Entscheidung getroffen zu haben, trauerte um die vielen geschlossenen Lieblingsrestaurants in der Gegend und spekulierte über die möglichen wirtschaftlichen Spätfolgen. 

Dass die kommen werden, war auch auf Ausflügen schnell zu spüren. Viele Läden, Cafés und Restaurants sind nach wie vor verbarrikadiert, die beschaulichen Gässchen von Alcudia und Sollér wie ausgestorben. Es fühlt sich an wie ein Off-Season-Besuch bei strahlendem Sommerwetter. Selbst in Palma sah man fast nur Einheimische durch die Altstadt flanieren. Dass die meisten Bewohner das im Sommer noch nie so erlebt hatten, spürte man auch an den vielen Blicken: Als Tourist fiel man auf einmal auf.

Die Pools auf Mallorca waren wohl noch keinen Sommer so leer wie diesen
Die Pools auf Mallorca waren wohl noch keinen Sommer so leer wie diesen
© Malte Mansholt / stern.de

Leeres Paradies

Diese Leere ist der wohl bleibendste Eindruck unserer Reise. Von einigen Ausnahmen wie den Wochenmärkten einmal abgesehen, war die sonst bis zum Bersten mit Touristen gefüllte Insel wie im Dornröschenschlaf. Das spiegelte sich auch im Verhalten der Menschen wieder. Während die Mallorquiner sonst – durchaus nachvollziehbar – gerne mal etwas genervt von den Touristen wirken, war diesmal oft echte Freude zu spüren, dass sich endlich mal jemand in den Laden verirrt hatte. So verzweifelt, wie einem mancher Händler seine Waren anpreisen wollte, bekam man fast ein schlechtes Gewissen, wenn man von der Wortflut überfordert irgendwann dankend aus dem Laden flüchtete, ohne etwas gekauft zu haben.

Durch die fehlenden Menschenmengen fühlte sich auch die größte Einschränkung des Urlaubs oft sinnlos an. Seit Mitte Juli muss man in Spanien im öffentlichen Raum eine Maske tragen, selbst für Kinder ab sechs Jahren ist sie Pflicht. Bei 32 Grad gibt es durchaus Schöneres, als beim Verlassen des Appartments oder dem Aussteigen aus dem Auto sofort ein Stück Stoff ins Gesichts zu packen. Selbst wenn es zum eigenen Schutz ist.

Der öffentliche Raum ist dabei großzügig definiert: Überall dort, wo man Menschen treffen könnte, muss die Maske aufgesetzt werden. Die Folgen sind teils reichlich absurd. Während man auf den menschenleeren Straßen oder dem kurzen Fußweg im Hotel die Maske tragen muss, darf man sie am Pool oder im Restaurant absetzen. Also genau dort, wo dann auch andere Menschen sind. Auch an den am Wochenende prall mit Einheimischen gefüllten Stränden muss man keine Maske tragen. 

Strenge Regeln am Pool

Im Hotel war das schon strenger. Bei unseren Kindern machte sich schnell Enttäuschung breit, als die Rettungsschwimmerin das erste Mal die Luftmatratze im Pool verbot. Auch Bälle, Tauchringe und ähnliches wurden verbannt. Selbst dann, wenn sie nur innerhalb der Familie benutzt werden. Die durch die Schulschließungen ohnehin schon vorhandene Wut der Kinder auf das Virus wurde so nicht kleiner. Ein "Scheiß Corona" hörten wir nicht nur von unserem Nachwuchs öfter. Zum Glück lassen sich im Wasser aber ja auch noch genügend andere Dinge anstellen. Und die Sandburg am Strand blieb auch erlaubt. 

Dass es auch sorgloser geht, merkten wir vor allem bei den Mallorquinern. Das liegt sicher auch an den dortigen Fallzahlen. Die Ansteckungsraten sind niedrig, mehr als 70 Prozent der Gemeinden vermeldeten in den letzten Woche keinen einzigen aktiven Fall. Da wundert es nicht, dass wie in Deutschland auch größere Gruppen junger Menschen am Strand eng zusammensitzen und sich sicher fühlen. Von Touri-Exzessen wie am Ballermann bekamen dagegen auch wir nur aus der Zeitung mit. Betrunkene in der Öffentlichkeit sahen wir in keinem einzigen Ort, den wir besuchten. Im Alltag hielten sich die meisten besser an die Regeln als in der Heimat. Was sicher auch mit den bis zu 100 Euro Strafe bei Nichttragen der Maske zu tun hatte. Die hier diskutierte Zwangsquarantäne für Spanienurlauber wirkte aus Sicht der beschaulichen Familienurlauber um uns herum wie ein Hohn. 

Unsicherheit nur auf der Rückreise

Wirklich unwohl fühlten wir uns tatsächlich nur ein einziges Mal. Als es frühmorgens mit dem Transfer zum Flughafen ging, musste der Bus plötzlich anhalten – weil der Jungspund in der Reihe vor uns sich übergeben musste. Und auch wenn er die Ladung bis vor die Bustür im Magen behielt, zogen wir lieber ein paar Reihen nach hinten. Sich noch einmal komplett abzuschießen, wenn man um vier Uhr morgens im Bus sitzen muss, strahlt dann doch kein besonders ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein aus. Immerhin war danach der Flieger nur halb besetzt, die Plätze neben uns blieben leer.

Zuhause kam dann die größte Überraschung: Nachdem uns vor der Reise höchstens ein schöner Urlaub gewünscht wurde und es keinerlei negative Bemerkungen gab, hagelte es plötzlich Kommentare, wie unverantwortlich das doch gewesen sei. Teils von denselben Personen. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass das Wetter an der Ostsee in den letzten Wochen doch schlechter war als auf den Balearen.


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