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EM-Stadt Lemberg: Anpfiff in der Vielvölkerstadt

Die Unesco-Welterbestadt Lemberg, in der Ukraine Lwiw genannt, empfängt die deutsche Elf zu zwei EM-Spielen in ihrem nagelneuen Stadion. Wir haben Tipps für Fußballfans, die in den unbekannten Osten aufbrechen.

Von Nina Jeglinski, Lemberg

Noch wenige Wochen vor Beginn der Fußballeuropameisterschaft wurde in der historischen Altstadt von Lemberg, in der Ukraine Lwiw genannt, an jeder Ecke gebaut, eingerichtet und gepflanzt. Obwohl das Stadtzentrum mit seinen teilweise 600 Jahre alten Häusern bereits sehr einladend wirkte, legten sich die Lemberger noch mal richtig ins Zeug. Der parteilose Bürgermeister, Andrej Sadowy, betonte: "Die Stadt ist gut vorbereitet, wir freuen uns auf unsere Gäste".

Kaum eine andere ukrainische Großstadt wirkt auf den ersten Eindruck europäischer als Lemberg. Kein Wunder, denn seit dem 13. Jahrhundert haben vor allem Polen und Österreicher die Stadt geprägt. Bis zum Zweiten Weltkrieg galt Lemberg als Schmelztiegel vieler Völker und Kulturen: Russen, Ukrainer, Deutsche, Juden, Polen und Armenier lebten jahrhundertelang zusammen. Der Naziterror und die Stalin-Diktatur zerstörten diese Gemeinschaft. Hitlers Schergen töteten fast die gesamte jüdische Bevölkerung, die vor 1939 ein Drittel der Bewohner ausmachte.

In den 1950er-Jahren wollten die Sowjetführer, die nach 1945 die Ukraine beherrschten, die gesamte Innenstadt abreißen. Diese Pläne wurden zum Glück nie umgesetzt. Aber anders als in den zu disneyhaft wirkenden Innenstädten wie Dresden oder Prag erwartet den Besucher in Lemberg an vielen Stellen ein Flair, als ob die Stadt die letzten 70 Jahre im Dornröschenschlaf verbracht hat.

30.000 Besucher in der Fanmeile

Nun wollten die Stadtväter möglichst alles richtig machen. Internationale Partner wie das Bundesland Tirol und die deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) halfen den Lembergern, möglichst viel vom historischen Potential der Stadt zu erhalten. Ein Quantensprung wurde rechtzeitig zur EM 2012 gemacht: Der internationale Flughafen ist startklar. Von dort werden viele europäische Großstädte direkt angeflogen. Ab München beträgt die Flugzeit rund 100 Minuten.

Während der Fußball-EM müssen die meisten Besucher vor allem in Hostels oder auf Campingplätzen übernachten. Es wurden zwar jede Menge neuer Hotels eröffnet, doch reichen die 6000 Zimmer in der Stadt und weitere 12.000 in der Region nicht aus. Einen Zeltplatz mit 1000 Plätzen hat bereits der dänische Fußballverband für seine Fans reserviert. An Spieltagen rechnen die Veranstalter in der zentralen Fanmeile in der Innenstadt mit 30.000 Besuchern. Insgesamt wartet die Stadt Lemberg mit drei Fanzonen auf, die anderen beiden liegen am Stadion und im Nachbarstadtteil Sichiw. Dort leben 200.000 der rund 750.000 Bewohner.

Sichiw ist der komplette Gegenentwurf zur Innenstadt. Jugendstil- oder Barockfassaden sucht man vergeblich, stattdessen stehen hier Hochhäuser aus den 1970er-Jahren. Auch Lemberg hat seine sowjetische Seite. In jeder Großstadt der GUS finden sich solche anonymen Schlafstädte mit zehnstöckigen Häusern. Zwischen den Häuserblöcken mit verwahrlosten Grünanlagen führen Männer ihre Kampfhunde spazieren. Bürgermeister Sadowy will diese Trabantenstadt lieber heute als morgen gegen moderne Wohnquartiere austauschen.

Jeder, der zur Europameisterschaft in die Lwiw Arena fährt, wird sich über das viele Brachland rund um das 220 Millionen Euro teure Stadion wundern. Auf den 250 Hektar soll in den nächsten Jahren ein neuer Stadtteil entstehen. Auch deshalb sei die Arena so teuer geworden. Die Elektro-, Wasser und Abwasser-Anschlüsse seien bereits verlegt worden, heißt es von Seiten der Stadt. Die Fans werden nicht mit alten Trolleybussen wie in Sichiw, sondern mit modernen Bussen südkoreanischer Bauart zum Stadion gebracht. Die Fahrt von der Innenstadt oder vom Flughafen dauert keine 30 Minuten.

Hinaus ins Grüne

Wer genug von der Fanzone, Stadion und Innenstadtkneipen hat, kann sich vor den Stadttoren im zwölf Kilometer entfernten Buchta Vicky am Badesee entspannen. In dem Campingressort gibt es ein paar Restaurants, außerdem kann dort gegrillt werden. Für alle, die sich einen historischen, kulturellen oder gastronomischen Überblick über die Stadt und die Region verschaffen möchten, können unter www.lviv.travel verschiedene Touren buchen.

Die meisten Hotels bieten englischsprachige Fremdenführer an. Auch lohnt sich ein Ausflug in den benachbarten Gebirgszug, die Karpaten. In den Sommermonaten kann man in fast unberührter Natur wandern oder eine Radtour unternehmen.

Das Problem mit der Unterkunft

Die Achillesferse für die meisten Fans und Besucher, die während der EM 2012 nach Lemberg kommen, werden die Unterkünfte sein. Denn die über 12.000 Hostelbetten in Universitäten und anderen Einrichtungen erinnern an die DDR oder Sowjetunion. Die Zimmer sind klein, auf 13 Quadratmeter muss man sich bis auf Bett und Nachttisch alles teilen, also auch Dusche, Waschbecken und Toiletten, bei 50 oder 60 Mitbewohnern pro Etage.

Da sollte wenigstens der Preis stimmen. Offenbar hat man die Kritik über die überteuerten Unterkünfte in Kiew erhört. In der Westukraine sollen die Betten in Studentenwohnheimen nicht mehr als 30 Euro pro Nacht kosten. Wer bei hochsommerlichen Temperaturen jedoch eine Klimaanlage oder einen Kühlschrank auf dem Zimmer erwartet, muss enttäuscht werden. Aber für alle, die nicht so zimperlich sind und sich an Schulausflüge und Jugendherbergen in den 1970er Jahren erinnern, könnte ein solcher Trip das Richtige sein.

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