HOME

Genua: Zeitgeist in barocker Pracht

Die italienische Hafenmetropole war im vergangenen Jahr Kulturhauptstadt, was reichlich Stress brachte. Das ist vorbei. Kenner besuchen Genua jetzt - und genießen in Ruhe das attraktive Miteinander von Tradition und Moderne.

Aus der Bar dringt die melancholische Stimme von Fabrizio De André. Als könnte es nicht anders sein hier in Genua, der Heimat des legendären Chansonniers. Sechs Jahre ist er jetzt tot, aber in "Zena", wie die Genueser zu ihrer Stadt sagen, wird er nie sterben. Es duftet nach Kaffee und Pesto, dem basilikumgeschwängerten Sugo, den sie hier erfunden haben und den es in Trattorien wie "Da Maria" auf einem Teller Nudeln noch zu Preisen gibt, von denen man in Venedig oder Florenz nur träumen darf. In Genua kann man die ganze Welt riechen, gratis. In der Via dei Macelli di Soziglia, mitten im Genueser Altstadt-Sukh, spaltet der marokkanische Metzger Mohamed seine Hammelhälften, nebenan wässert Signora Lina ihre Stockfische. In der Antica Drogheria Torielli, dem Kolonialwarenladen in der Via San Bernardo, debattieren gepflegte Frauen die Vorzüge von iranischem und spanischem Safran, lassen sich aus handbeschrifteten Gläsern kandierte Früchte, Kichererbsenmehl und Stern-Anis in Tüten abfüllen, grammgenau: Die Genueser, heißt es, sind sparsam bis zum Geiz. Drüben, im afrikanischen Friseursalon in der Via del Campo, flechten junge Nigerianerinnen ihren Kundinnen die schwarzen Zöpfe schon mal gratis, wenn die Damen klamm sind. Multikulti war nie Mode in Genua, sondern nüchterner Tribut an die Gegebenheiten einer Hafenstadt.

Ein paar Schritte hinunter nur, und man steht am alten Hafen. In Schlangen warten Schulklassen dort auf den Eintritt in eines der modernsten Meeresaquarien Europas, um Haie und Delfine zu bestaunen. Vor nicht mal 100 Jahren standen hier arme Schlucker aus dem Süden für eine Schiffspassage nach Argentinien und die Hoffnung auf ein neues Leben an. Und an der Hafenmole, wo heute die "Bolla" des Genueser Stararchitekten Renzo Piano als gläsernes Weltraum-Terrarium im Sonnenlicht glüht und schicke Typen in zu Szenebars umgewandelten Lagerhäusern ihren Prosecco trinken, wurden einst koloniale Schätze aus hölzernen Fregatten entladen. Umschlagplatz war ein Pavillon an der Piazza Banchi, wo heute junge Künstler ausstellen. Damals feilschten hier die Kaufleute um den Preis von Safran und Seide, tauschten edle Ware gegen die eigene Währung, was sie zu den ersten Bankleuten der Geschichte machte und ihren Ruf als Levantiner begründete. Es waren Kolumbus Zeiten vor gut 500 Jahren, als die Stadt Genua ihre Blüte erlebte, auch, weil ihr Seefahrersohn gerade die Neue Welt entdeckt hatte.

Über 120 Renaissance-Paläste ließen sich die reich gewordenen Adelsfamilien, die Doria und Balbi, die Pallavicino und Spinola, in die engen Gassen quetschen, mit prächtigen Barockfassaden, die doch nicht prächtig genug waren, um die Kunstschätze in ihrem Innern erahnen zu lassen. Die Herrschaften überschlugen sich im Mäzenaten-Wettstreit mit Aufträgen für die Künstlerelite jener Zeit, für Rubens, Van Dyck oder Caravaggio. Erst neuerdings öffnet die Stadt ihr einzigartiges Weltkulturerbe dem gemeinen Volk, und man ahnt, warum Genua "La Superba" heißt. Man kann das mit "die Großmütige" oder "die Hochmütige" übersetzen - und liegt in beiden Fällen richtig. Aufstieg und Fall hat die ligurische Hafenstadt seit Kolumbus immer wieder durchlebt, so steil wie ihre geografische Lage. Erfühlen lässt sich das am besten bei einer Fahrt im Kabinenaufzug des "Bigo", Renzo Pianos achtbeiniger Riesenspinne aus Stahl im Porto Antico: Sanft ruckelnd erhebt man sich über die palmenflankierte Mole und das Gassengewirr der Altstadt, und während man aufsteigt, vorbei an den pastellfarbenen Bürgervillen der Halbhöhenlage, den Mietblocks in der Oberstadt, bis in Sichtweite der Gehöfte an ihrer bergigen Peripherie, öffnen sich hinter einem der Industriehäfen mit seinen Raffinerien, Stahlwerken und Reedereien die Riviera und die Endlosigkeit der See. Eingezwängt zwischen Meer und Appenin-Massiv lässt sich erahnen, dass sich diese Stadt auf ein Dasein im Zangengriff zwischen oben und unten eingerichtet hat. "Zurzeit", sagt Marco Buscaglia, "ist Genua mal wieder ganz weit oben."

Buscaglia, Althumanist und besessener Liebhaber seiner Stadt, hat das hautnah erfahren. Es ist noch nicht lange her, da lungerten Huren und Junkies unter seinem Fenster an der Piazza Matteotti. Die einen warteten auf Kunden, die anderen auf Stoff; und wenn es kalt war, wärmten sie sich gemeinsam an kleinen Feuerstellen. Plätze und Fassaden waren heruntergekommen, der alte Dogenpalast verrammelt, in den Arbeitervorstädten gingen Werften und Stahlfabriken vor die Hunde, kein Tag ohne Demonstrationen, ohne Übergriffe afrikanischer Dealergangs. "Tiefer", sagt Buscaglia, "konnte Genua nicht fallen." Heute laden sich Freunde gern selbst in seine Wohnung ein, denn sie bietet einen Logenplatz mit Blick auf die neu erstrahlte Piazza und den weißen Palazzo Ducale, einst Herrschersitz der Dogen, heute lebhaftes Ausstellungszentrum mit Bars, Bücherei und der Online-Redaktion "Mentelocale", die der Stadt und ihrer aufblühenden Szene den Puls fühlt. Chefredakteurin Laura Guglielmi nennt das, was in den vergangenen 15 Jahren mit der Stadt passiert ist, die große Umwandlung vom abgewrackten Industriehafen zur putzmunteren Trend- und Kulturstadt.

Zu verdanken ist das einer Reihe wichtiger Ereignisse, für die über eine Milliarde Euro zur Sanierung in die 700.000-Einwohner-Metropole flossen: Erst das Kolumbus-Jahr 1992, für das Renzo Piano den alten Hafen zu einer futuristisch anmutenden Flaniermeile verwandelte, dann der G-8-Gipfel 2001, der Genua ein erstes Lifting seiner Altstadt, aber als Opfer im blutigen Frontenkrieg zwischen Staatsgewalt und No-Global-Aktivisten zugleich ein Trauma bescherte. Vollendet wurde Genuas Schönheitsoperation erst im vergangenen Jahr. Mit weiteren 230 Millionen Euro ließ die Kulturhauptstadt 2004 aus ihren historischen Werftanlagen und Palästen eine moderne Museumslandschaft schaffen. Bis weit ins Kulturjahr hinein erwartete die Besucher allerdings eher nervender Baustellen-Slalom als inspirierendes Kunstflanieren. Inzwischen sind alle Hüllen gefallen, und Genua präsentiert sich schöner und aufregender denn je. "Wahre Genießer", sagt Reedererbe Eugenio Musso, "kommen jetzt." Musso gehört zu einer Hand voll Jungunternehmern, die ihr Geld nicht mehr ins krisengeschüttelte Geschäft der Väter mit Schiffen und Raffinerien stecken. Sie haben das Potenzial ihrer Heimatstadt als Trendmetropole erkannt, haben ehrwürdige Paläste in edel designte Bed&Breakfast-Residenzen umgewandelt, eröffnen schicke Bars und Clubs. "Viel zu lange hat uns unser Provinz-Komplex gelähmt", sagt Musso. Neidisch habe man auf die kalte, geschäftstüchtige Schwester Mailand gestarrt und für die wenigen Touristen, die sich in die Altstadt verliefen, nur eine Erklärung gefunden: "Die haben ihre Fähre nach Sardinien verpasst." Inzwischen aber gibt's immer mehr Restaurants, Theater, Designerläden und Galerien. Nicht mehr Mailand ist Vorbild, eine Kreuzung aus Berlin und Barcelona will Genua heute sein. Kreative Mittelmeer-Metropole im Renaissance-Gewand, quirlige Grenzstadt mit dem Süden vor der Nase und Mitteleuropa im Rücken.

Also lässt man sich tags durch Genuas barocke Prachtmeile Via Garibaldi treiben, vorbei an den Fresken der Palazzi Rosso und Bianco, träumt in den hängenden Gärten des Palazzo Tursi. Oder man schlüpft im Palais an der Piazza Pellicceria für eine Stunde in die luxuriöse Vergangenheit der Marchesi Spinola mit ihren Spiegelsälen und von Gold-Putten getragenen Tischen unter Kristall-Lüstern, die größer sind als ein Fiat Cinquecento. Streifzüge durch die neue Genueser Szene sollte man erst am späten Nachmittag starten, wenn schräge Galerien und schrille Modeläden öffnen. Allerdings setzen sie, warnt Musso, der Gastro-Unternehmer, die Kondition eines gestandenen Nightclubbers voraus. Da schiebt sich ab Wochenmitte jeden Abend buntes Jungvolk durchs Kneipengedränge um die malerische Piazze delle Erbe im Univiertel, durchgestylte Mittdreißiger stehen Schlange für einen Tisch im Maxelà, einer ehemaligen Metzgerei, während reifere Bohemiens ihren Auftritt zwischen Säulen, Samt und Kandelabern im "Histoire Café Garibaldi" inszenieren oder in der freskenbemalten Loggia des "H.O.P. Altrove" tafeln, einer gut gemachten Mischung aus Theater und Enoteca in den Ruinen des Palazzo Cambiaso.

"Genua ist wie ein großer Inkubator", sagt Gigi Picetti und knallt kleine Schnapsgläser auf den Tresen, "eine Stadt mit vielen Gesichtern und einer unberechenbaren Subkultur, die eine Menge ausbrütet." Gigi, Ex-Schauspieler und Wirt der alten "Ostaja dei Banchi", ist Zeremonienmeister der Genueser Künstlerszene: Kabarettisten, Maler, vor allem aber Liedermacher verkehren bei ihm. Genua ist ihre Stadt, ohne ihre Musik ist hier die Nacht nicht vollkommen. Doch anders als Lissabon mit seinen Fado-Lokalen singen Genuas Chansonniers eher im Verborgenen. Bei Gigi kann es zwei Uhr früh werden, bis einer die Gitarre vom Schrank holt. Dann schenkt der Wirt giftgrünen Basilikumschnaps aus, und alle werden still. "Dai diamanti non nasce niente, dal letame nascono i fior", da sind sie wieder, die wehmütigen Lieder von Fabrizio De André. Auf dem Heimweg kann man die salzige Meeresluft schmecken, und das Lied geht einem nicht mehr aus dem Kopf: "Aus Diamanten wird niemals etwas wachsen, doch aus dem Dreck, da sprießen Blumen."

Daniela Horvath / print

Wissenscommunity