Gletscher Jostedalsbreen Himmelsstürmer


In Norwegen ist man entweder ganz unten oder ganz oben: Unten im Fjord, wo die mächtigen Felsen den Blick einengen, oder oben, wie auf dem Gletscher Jostedalsbreen, wo man selbst Zeuge der brachialen Naturgewalten werden kann.

Der Jostedalsbreen ist mit einer Fläche von fast 500 Quadratkilometer der größte Gletscher auf dem europäischen Festland. Seine Nebenarme bieten einen perfekten Einstieg in die unendlichen Landschaften aus Eis und Schnee.

Das Eis glänzt türkisblau. Bei jedem Schritt knirschen die schimmernden Kristalle unter meinen Steigeisen. Mit dem erfahrenen Bergführer Arve Tvedt will ich an diesem Tag und strahlendem Sonnenschein einen Seitenarm des Gletschers, den Nigardsbreen, bezwingen. Es ist eine glänzende, wuchtige Masse aus weißem und blauem Glas, eine kalte Welt des Lichts, die sich da vor mir erstreckt.

Während in den Alpen und Nordamerika die Gletscher schmelzen, wachsen in Norwegen die Gletscher. Wer vor 20 Jahren dem Jostedalsbreen zuletzt einen Besuch abgestattet hat, reibt sich heute die Augen. Haushohe Eismassen rücken kontinuierlich vor. Seit dem Ende der 80er Jahre sind daraus Hunderte von Metern geworden. Der Grund: Die Gletscherzungen verschlucken Eisseen, die noch in den achtziger Jahren den Boden bis zur Endmoräne gefüllt hatten. Ein Ende ist nicht abzusehen. Denn der bisherige Vorstoß des Eises geht auf starke Schneefälle in den 70er Jahren zurück. Sechs Jahre dauert es in diesen Breiten, bis sich die Schneekristalle so verdichten, dass sie sich in Gletschereis verwandeln. Die noch stärkeren Schneefälle der achtziger Jahren werden erst in den kommenden Jahren für weiteren Druck sorgen.Mit dumpfem Getöse brechen Eisblöcken vom Hochplateau ab und stürzen in die Tiefe. "Passieren kann uns aber nichts", versichert mir Arve, denn unser Aufstieg ist auf einem sicheren Teil der Gletscherzunge. Trotzdem sichert er mich an steilen Stellen mit einem Seil. Nur mit Steigeisen an den Schuhen und einer Spitzhacke in der Hand können wir uns sicher auf dem Eis bewegen.

Würde mein Steigeisen brechen, müsste mich Arve tragen, versichert er mir. Fachkundig geführt, klettern wir zwei Stunden lang über Furchen, steigen über Bäche und stehen vor riesigen Eisplatten. Nur ab und an gönnt mir Arve eine kurze Verschnaufpause, um den gigantischen Ausblick bis tief hinein in den Sognefjord genießen zu können. In den einzelnen Felsspalten schimmert das Eis blau-grün hervor. Die Erklärung dafür ist vereinfacht so: Das Gewicht presst den Sauerstoff aus den gefrorenen Kristallen heraus. Die grauschwarzen Flecken, denen wir überall begegnen, sind der Dreck vergangener Zeiten, historischer Staub, der wieder ausgespuckt wird.

Auf halber Strecke oben angekommen, zehrt das Tempo und der beschwerliche Aufstieg schon an meinen Kräften. "Keine Sorge", versichert mir Arve, "der Abstieg wird leichter". Doch bevor es wieder nach unten geht setze ich mich für zehn Minuten in das in der Sonne glitzernde Eis, genieße den Ausblick und vor allem die absolute Stille und Einsamkeit. Denn das ist es, was Norwegen so besonders macht.

Weitere Informationen:

Jens Maier

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker