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Fußball-Bundesliga: Sieg für Dortmunds junge Himmelsstürmer

Die Dortmunder demütigen den Rekordmeister und Titelverteidiger FC Bayern beim 3:1 im eigenen Stadion, im Siegestaumel geht lediglich die Brille von Trainer Jürgen Klopp zu Bruch. Die Münchner gratulieren dem BVB bereits zur Meisterschaft.

Von Patrick Strasser, München

Beim ersten Mal war alles gut. Nuri Sahin, der Kapitän und Macher der Dortmunder, sprang nach seinem Kunstschuss zum 2:1 gegen den FC Bayern und einem Jubellauf über den halben Platz seinem Trainer Jürgen Klopp an der Seitenlinie in die Arme. Keine besonderen Vorkommnisse in jener 18. Minute– außer, dass der türkische Nationalspieler mit seinem Schlenzer die Partie entschieden hatte.

Beim zweiten Mal dagegen ging's schief. Und schon passte die oft zitierte Fußballer-Floskel "Wir können uns nur selbst schlagen". Nach dem Schlusspfiff, als der 3:1-Triumph der Dortmunder in München perfekt war, stürmte Klopp auf den Platz, es bildete sich eine schwarz-gelbe Glückstraube. Wieder sprang Sahin auf seinen Trainer, diesmal unvermittelt von hinten. Klopp wurde die Brille von der Nase gehauen, unter dem rechten Auge erlitt er zwei kleine Kratzer. Mitten im Jubelgetümmel suchte er die Brille, doch das Glas samt Fassung war hinüber. Klopp: "Das ist kein Problem, ich habe immer eine Ersatzbrille dabei, bin ja Vollprofi." Er lachte und sagte: "Vielleicht steht mir die zweite sowieso besser. Die Kratzer unter dem Auge wurden vom BVB-Arzt per Pflaster versorgt.

Es sollte ein Imagespiel für die Bayern werden

Dabei waren es eigentlich die Bayern, die ihren Gästen am Samstagabend so richtig weh tun wollten. Die Münchner hatten sich vorgenommen, ihr wahres Gesicht zu zeigen im Spiel der Spiele dieser Bundesliga-Saison. Frische Motivation hatten sie jenseits der Alpen getankt mit dem wirklich beeindruckenden 1:0 im Achtelfinal-Hinspiel der Champions League bei Inter Mailand. Das verbale Getöse der Bayern, es war die ganz große Klaviatur, hervorgeholt aus einer Zeit, in der das noch funktionierte. Früher konnte man Kölner, Bremer oder Leverkusener mit diesen Attacken beeindrucken, die Dortmunder scheinen immun dagegen zu sein. Präsident Uli Hoeneß etwa hatte getönt: "Wir sind die bessere Mannschaft. Im eins gegen eins haben die Dortmunder keine Chance. Ein Unentschieden oder eine Niederlage halte ich für ausgeschlossen. Wir gewinnen 2:0." Davon angestachelt legte Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge in Mailand nach: "Ich gewinne auch gerne höher als 2:0 gegen Dortmund." Er nannte es "ein Imagespiel". Ob der nun entstandene Schaden diesmal klug macht?

Nach der zweiten Niederlage der Saison gegen den Tabellenführer, das Hinspiel hatten die Bayern 0:2 verloren, verweigerte Hoeneß mit zusammen gekniffenen Lippen jeden Kommentar, und Rummenigge, der als Blitzableiter herhalten musste, gestand kleinlaut: "Wir wollten die Mannschaft nach dem Mittwoch-Spiel dadurch noch einmal pushen, haben aber korrekterweise verloren." Doch nicht aufgrund der fehl gezündeten Verbalattacken, nein, verloren haben die Bayern auf dem Platz. Von Dortmunds jungen Himmelsstürmern wurde man überrumpelt, auch taktisch hatte Bayerns Trainer Louis van Gaal gegen Klopp eine Lehrstunde hinnehmen müssen. Was für die Münchner ein Muskelspiel um die wahre Nummer eins im deutschen Fußball bedeutete, war für die Dortmunder eine simple Nummer: Wichtig ist auf'm Platz.

Van Gaal: "Wir waren heute nicht schlau"

Lucas Barrios nutzte die erste Lücke nach einem schlimmen Patzer des seltsam häufig indisponierten Bastian Schweinsteiger und einer tollen Vorarbeit von Kevin Großkreutz zum 0:1 (9.). Kurz danach glichen die Bayern aus. Eckball Franck Ribéry, Volleyschuss Luiz Gustavo (16.) zum 1:1. Es sollte beinahe der einzige Fehler der Dortmunder in einem Spiel bleiben, das als Lehrfilm für künftige Bayern-Gegner verwendet werden kann. Geschickt zog man den Flügelakrobaten Ribéry und Arjen Robben den Zahn. Derart aus dem Spiel genommen fiel den Münchnern nicht mehr viel ein. Klingt einfach, doch man muss es eben erstmal umsetzen. Nach Sahin 2:1 erhöhte Innenverteidiger Mats Hummels per resolutem Kopfball nach der Pause auf 3:1 (60.) – das war es dann. "Es war ein großer Tag für uns. Wir wollten ein besonderes Spiel machen und das ist uns gelungen. Ich bin hochzufrieden", freute sich Klopp. Der Rest war ein schwarz-gelber Triumphzug in der Münchner Arena, kleine Dellen im Überschwang inklusive.

16 Punkte liegen nach 24 Spielen nun zwischen den beiden Klubs, die tatsächliche Überlegenheit auch im direkten Duell wollte van Gaal nicht wirklich anerkennen: "Wir waren heute nicht schlau. Die ersten beiden Gegentore waren große individuelle Fehler, schade, dass das gegen Dortmund passiert", lamentierte der Niederländer, "sie haben in den richtigen Momenten die Tore geschossen." Die Titel-Tore? Von Seiten der Bayern hießen die Gratulanten Rummenigge und Kapitän Philipp Lahm, auch in Dortmund traut man sich jetzt: Sie sagen ja zur Meisterschaft. "Wir befinden uns jetzt an einem Punkt, an dem wir sagen können: Wir wollen und können Deutscher Meister werden", stellte BVB-Boss Hans-Joachim Watzke fest. Da helfen ein paar Fakten, den frischen Meinungsumschwung zu untermauern: Dortmund schaffte den ersten Sieg in München seit fast 20 Jahren (zuletzt Oktober 1991), stellte mit nun elf Siegen den Auswärts-Rekord von Werder Bremen und dem Hamburger SV ein – und liegt jetzt 13 Punkte vor Leverkusen (Sonntag in Bremen). Dazu kommt: Mit 22,3 Jahren im Schnitt stand am Samstag die jüngste BVB-Mannschaft aller Zeiten auf dem Platz.

Es passte alles beim Tabellenführer

Wozu auch ein unbekanntes Gesicht, ein Milchbubigesicht, seinen Teil beitrug: Mitchell Langerak, ein Australier, bisher nur mit Regionalliga-Erfahrung. Wer den Dortmunder Torhüter sah, der den verletzten Roman Weidenfeller vertreten musste, konnte auf den ersten Blick meinen, da steht ein Teenager im Tor – doch Langerak ist 22 Jahre, nun steht in seiner Vita ein Sieg beim FC Bayern zum Bundesliga-Debüt. Er war das Gesicht des Spiels, bezeichnend, dass er kaum geprüft wurde. Das zweite Bild, das hängen bleibt, ist das des gezeichneten Trainers. Jürgen Klopp – früher ein TV-Gesicht, Deutschlands liebster TV-Analytiker, bald erstmals Meistertrainer. Ersatztorwart, Ersatzbrille. Es passte alles beim Tabellenführer.

Und die Bayern? Schwer gedemütigt sind sie jetzt sogar Vierter hinter Überraschungsteam Hannover 96, nächsten Samstag kommt es in Niedersachsen zum direkten Duell. Da geht es um die Champions-League-Qualifikation, um die Plätze auf dem Treppchen der Liga – Silber, Bronze oder Blech. Mit Gold hat der FC Bayern Ende Februar schon nichts mehr zu tun. So weit ist es schon gekommen.

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