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Herbstmetropole: Paris en blog

Mit Laptop unterm Arm und Handy in der Hand streifen die Flaneure des 21. Jahrhundert durch die Straßen von Paris. Eindrücke und Entdeckungen stellen sie sofort ins Internet. Auch die Top-Bloggerinnen Meg Zimbeck und Ana Lee stellen so ihre Stadt vor.

Eine rote Markise beschirmt Megs Lieblingsplatz, und in großen roten Lettern leuchten zwei Worte - Aux Folies. Was so viel heißt wie: "Zum Wahnsinn". Oder auch: "Zu den Verrücktheiten." Was Belleville, wie Meg Zimbeck findet, ziemlich präzise auf den Punkt bringt, jenes Viertel, in dem viele Künstler und Lebenskünstler, aber auch Arbeiter und Einwanderer leben. Meg mag Belleville, weil es dort "zwangloser zugeht als im Rest von Paris". Im "Aux Folies" lässt sie den Stehtresen, die geschwungenen Neonröhren und den Daddelautomaten links liegen und setzt sich vor die Tür. Mitten unter die Kundschaft aus Rastamähnen, Späthippies und Neo-Existenzialisten. Meist lungern auch ein paar "Bobos" herum, wie Meg erläutert: "Bourgeois Bohemians", Menschen, die von ihrem Kontostand her ganz und gar bourgeois sind, aber gern den antibürgerlichen Bohémien geben.

Die Amerikanerin musste sich erst daran gewöhnen, dass die Stühle in Paris alle in gleicher Richtung stehen: mit Blick zur Straße. Heute weiß sie es zu schätzen. "Weil man so wunderbar Menschen beobachten kann", sagt sie, weil dies den Gehweg in eine Bühne verwandelt. "Schau dir den Hut an!" Meg zeigt auf einen Mann mit goldfarbener Motorradkappe. Hinter ihm schleppen Asiaten riesige Einkaufstüten, der chinesische Supermarkt liegt ein paar Häuser weiter. In der Rue de Belleville gibt es indische Frisöre, Graffiti an fast jedem Haus, koschere Schlachter und Couscous. Auch der Eiffelturm ist zu sehen, am Ende der Straßenschlucht, in weiter Ferne. Gerade so, als gehörte er zu einer anderen Welt. "Belleville war immer Außenseiter", sagt Meg, "der rebellischste Teil der Stadt." Die Arbeiter und kleinen Leute aus dem Pariser Osten kämpften für die Pariser Kommune, die 1871 von Regierungstruppen in blutigen Straßenkämpfen niedergeschlagen wurde. Belleville hielt am längsten stand. In der Rue de Belleville Nr. 72 erblickte auch der "Spatz von Paris" das Licht der Welt. Eine Gedenktafel erinnert daran: "Auf den Stufen dieses Hauses wurde am 19. Dezember 1915 in größter Armut Edith Piaf geboren, deren Stimme später die Welt eroberte." Meg erzählt: "Hier, wo heute diese Bar ist, trat sie auf."

Meg sieht Belleville als eine Art "Seminar in Sachen Einwanderung". In den Zwanzigern zogen Griechen her, deutsche Juden kamen in den Dreißigern, in den Sechzigern Algerier und Tunesier, in den Achtzigern Asiaten. Seit einiger Zeit siedeln sich in den Seitenstraßen immer mehr schicke Boutiquen und Bistros an. "Es ist freundlich hier", findet Meg, "unkompliziert". Als sie umzog und ihre Taschen durch die Rue de Belleville schleppte, packten die Leute einfach mit an. Anderswo in Paris wäre ihr das wohl nie passiert.

Meg Zimbecks Geheimtipps

Bar Aux Folies:

Einst trat Edith Piaf hier auf, heute ist es der Mikrokosmos von Belleville. Und das Bier ist günstig.
8, rue de Belleville, Metro: Belleville,

La Bellevilloise:

Alles in einem: Bar, Restaurant, Club, Konzertbühne und Ausstellungsfläche. Das Beste ist die Dachterrasse für den Drink mit Blick auf die Stadt.
19/21, rue Boyer, 20. Arr., Metro: Pelleport od. Ménilmontant, www.labellevilloise.com

Künstlerfestival:

Jedes Jahr im Mai glänzt Belleville mit seinem Kunstfestival, www.ateliers-artistes-belleville.org

Galerie unter freiem Himmel

Von der Hauswand glotzen kantige Käferchen, die hier Asyl gefunden haben. Einst wurde diese Spezies im Computer gejagt, in einem Spiel der siebziger Jahre. "Die sind vom Space Invader", sagt Ana Lee, "einem Straßenkünstler." Der heißt wie das Spiel und klebt die Aliens als Mosaike an Fassaden. Wie diese Käfer sollte man durch die Stadt laufen, findet Ana: die Augen weit aufgesperrt. Denn Paris ist eine Galerie unter freiem Himmel. Hier sieht man Kunst, vor allem zeitgenössische, nicht nur in Museen und Galerien, man trifft sie auch auf der Straße. Der Space Invader, ein Franzose, postiert seine Wesen aus bunten Quadraten nicht mehr nur in Paris, sondern in der ganzen Welt. Auf einer Website kann man den Stand der Invasion ablesen. Paris, aktuell: 704 Motive.

Schon ist mit dem Betrachter etwas geschehen. Hat man die Figuren - Quallen, Totenköpfe, Käfer - einmal wahrgenommen, entdeckt man sie überall: an Häuserwänden, Brücken, Mauern. Dann läuft man mit anderen Augen durch die Stadt, bemerkt Werke weiterer Künstler: Graffiti, Tierchen, Sprüche auf dem Gehweg; neben einem Garagentor ein küssendes Paar oder die entschlossenen Frauen, welche die Künstlerin Miss.Tic bereits seit den Achtzigern auf Hauswände zaubert, mit Sprüchen wie: "Was mir nicht gegeben wurde, nahm ich mir." Oder Némo, der schwarze Männer mit Hut und roten Regenschirmen malt, die Wände entlanglaufen oder auf ihnen turnen. Ständig kommt Neues hinzu, nehmen sich Künstler freie Flächen und machen sie sich zu eigen.

Ana, die an der Sorbonne studiert, kann das gut verstehen. An der Universität sei der Zugang zur Kunst recht streng, überall in Paris spüre man Tradition, Geschichte, Prunk. "Das reizt einen doch, etwas Chaotisches zu tun", sagt sie. "Irgendwo müssen Künstler ihre Ideen ja verwirklichen." Ana rät, sich neben den großartigen Galerien im Haut Marais, etwa in der Rue des Coutures Saint Gervais, auch einmal die Rue Dénoyez in Belleville anzusehen: eine winzige Straße gleich neben der "Bar Aux Folies". Diese Straße ist ein einziges Graffito, ein Flash der Farben. Die Kunst macht dort auch nicht vor den Mülleimern halt. Von einer grünen Tonne grinst das Konterfei von Barack Obama. Der Künstler, der ihn gesprüht hat, heißt Pedro, hat sein Atelier nebenan und ist ein schlaksiger Typ mit Baseballcap, unter der lange Haare hervorschauen. Er verkauft Pflastersteine - mit Jimi Hendrix darauf, Notenblätter, auf denen Billie Holiday prangt, eine alte Waage mit dem Gesicht von Marilyn Monroe oder eben auch Barack Obama auf einem kenianischen Kaffeesack. Pedro lebt seit 20 Jahren in Belleville, erzählt er. Er hat auch schon in Berlin gewohnt und im Kulturzentrum "Tacheles" ausgestellt. Wenn Leute von dort vorbeikommen, kramt er gern ein paar deutsche Sätze heraus und sagt zum Abschied: "Tschüssi".

Ana Lees Geheimtipps

Palais de Tokyo:

Zur Weltausstellung 1937 gebaut. Hier trifft sich junges Kunstvolk bei Videoinstallationen und Modeschauen.
13, avenue du Président Wilson, Metro: Iéna, www.palaisdetokyo.com
8, rue de Belleville, Metro: Belleville,

La Perle:

Sympathische Café-Bar, in der Studenten die neuesten Kunsttheorien diskutieren.
78, rue Vieille du Temple, 3. Arr., Metro:Saint-Sébastien-Froissart

Galerie Magda Danysz:

Die Galeristin arbeitet intensiv mit Straßenkünstlern zusammen, holt deren Werke in die Kunstszene.
78, rue Amelot, 11. Arr., Metro: Saint-Sébastien-Froissart, www.magda-gallery.com

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kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(