Kantabrien Unterwegs im Pilgerstrom


Die spanische Provinz feiert das Heilige Jahr von Liébana, der viertgrößten Pilgerstadt der Welt. Altertümlicher Charme, exzellentes Essen und die einzigartige feierliche Stimmung versprechen wertvolle Erlebnisse.

"Willkommen in Santillana del Mar, einem der schönsten Orte Kantabriens, aber auch Stadt der drei Lügen", begrüßt Luis die Gäste. "Der Name täuscht", fügt der Spanier in ausgezeichnetem Deutsch hinzu, als er die fragenden Gesichter sieht. "Unsere Stadt ist weder heilig (sant), noch liegt sie im Flachland (llano) oder am Meer (mar)."

Kaum, dass sich die Gruppe in Bewegung gesetzt hat, gilt es, sich zu entscheiden. Die Hauptstraße "Calle de la Carrera" teilt sich plötzlich wie ein Ypsilon: Links der politische Teil mit dem eindrucksvollen Rathaus aus dem 17. Jahrhundert. Wir folgen dem Religiösen und gehen rechts auf der grob gepflasterten Seite weiter, bis sie auf einen Platz mündet. Jetzt wird es nun doch ein wenig heilig, denn hier erhebt sich die romanische Stiftskirche "Santa Juliana", deren Ursprünge auf das 9. Jahrhundert zurückgehen. Vermutlich leitet sich von Juliana auch der Stadtname ab.

In dem Gassengeflecht, wo stolze Familienwappen die teilweise über 500 Jahre alten Häuser schmücken, die neben Barock- und Renaissancebauten stehen, reiht sich Laden an Laden. Es fällt schwer, sich von den regionalen Produkten loszureißen. Einige bleiben vor Anchovis und Wein stehen, bewundern die an den Ladentüren hängenden Holzschuhe "Albarcas" mit drei Stützen und die Vielfalt an Keramik- und Emaillekrügen. Andere lassen sich vom Duft der Seifen anlocken und haben nicht einmal einen Blick für die "fliegenden Nelken", die die Blumenpracht auf den Balkons dominieren. "Fliegende Nelken gibt es nur bei uns", sagt Luis, und meint, dass die Blumen so aussehen, als flögen sie.

Altamira genießen und mit dem Segen des Papstes feiern

Keine zwei Kilometer vom nordspanischen "Lügenort" entfernt treffen wir auf die Höhle Altamira mit ihren bedeutenden Steinzeitmalereien. Besichtigen dürfen wir aber nur eine Nachbildung. "Anders lassen sich die wertvollen Felsmalereien nicht schützen", erklärt Luis. Dass die originalgetreue Kopie aus Sand und gar Plastik besteht, ist vergessen, als die ersten Höhlenbewohner auftauchen. Eine 3-D-Animation zeigt gekonnt das Leben und Arbeiten vor etwa 20 000 Jahren. Die Augen gewöhnen sich langsam an das Zwielicht. Stehende oder liegende Bisons, Hirsche und Pferde an der Höhlendecke fesseln den Blick. Sie wurden geschickt mit rotem Eisendioxid und schwarzer Kohle auf die Felsausbuchtungen gebracht.

Echte Felsvorsprünge dagegen gibt es in der massiven Gebirgslandschaft Picos de Europa zu bestaunen, wo sich Glockenblume und Gämse wohl fühlen. Im Nordwesten Kantabriens führt die kurvenreiche Straße durch den Nationalpark und die Schlucht von Hermida. Gemächlich schlängelt sich der Fluss Deva weiter bis ins Tal von Liébana, dem Ziel unserer Reise. Viele Besucher machen sich wie wir auf den Weg durch die bezaubernde Natur hierher zum Kloster Santo Toribio. Neben Jerusalem, Rom und Santiago de Compostela ist es einer der vier heiligen Orte der christlichen Welt, die mit päpstlichem Segen ein Heiliges Jahr begehen dürfen. So feiert Liébana seit 1512 immer dann, wenn der 16. April auf einen Sonntag fällt, wie 2006. Besonders in diesen "Heiligen Jahren" pilgern Gläubige und Touristen gleichermaßen nach Liébana.

Von der Kreuzreliquie im Kloster zur Seilbahn

"Innerhalb von 90 Minuten trafen heute 4000 Besucher ein", sagt Lontxo Oiartzabal. Der Professor, der in der Ruhe des Franziskaner-Klosters seine Seminare vorbereitet, hat sie gezählt. Kost und Logis verdient er sich mit Orgelspiel während der Messen. Doch heute kann er nicht spielen, denn er führt uns durch die Museumsräume des Klosters, das wertvolle Handschriften mit Miniaturzeichnungen ausstellt. Geduldig warten indes die Pilger in einer Schlange vor dem Kloster auf den Einlass. Nach dem gemeinsamen Glaubensbekenntnis bildet sich sofort die nächste Warteschlange, um die Kreuzreliquie küssen zu dürfen. Das Kloster verwahrt ein Holzstück von Jesus' Kreuz in einem vergoldeten und mit prächtigen Saphiren und Amethysten geschmückten ellengroßen Kruzifix. Während sich Pilger für Pilger ehrfürchtig zur Reliquie niederbeugt, singt der Abt mit dunkler Stimme eine Liturgie nach der anderen. In das Amen stimmen alle ein.

Die nächste Attraktion erwartet uns in Fuente Dé, dem meistbesuchten Touristenort der Picos. "Hier überwindet die mit 1600 Metern längste einspännige Seilbahn Europas und weltweit drittlängste Seilbahn ohne Zwischenstützen den Höhenunterschied von etwa 800 Metern", sagt Luis. Nach nur vier Minuten Fahrt genießen wir von 1850 Metern ein herrliches Panorama.

Juliane Höhling/DDP DDP

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