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Kommentar zu Ryanair: Der irre Ire und die Dicken

Ryanair erhitzt mal wieder die Gemüter. Die aktuelle Diskussion um teurere Tickets für Dicke und Klo-Gebühr kaschiert nur die nach oben hin offene Aufpreisliste. Der Billigflieger hat uns in den letzten zehn Jahren eine Reihe von Lektionen erteilt.

Von Till Bartels

Bei Lektion eins besteht kein Zweifel: Ryanair hat das Fliegen in Europa billiger gemacht. Davon profitieren allein 40 Millionen Passagiere, die in den vergangenen zehn Jahren in Deutschland an Bord einer Ryanair-Maschine stiegen. Tickets zum Preis von einem Euro gibt es wirklich. Doch die Kehrseite der Medaille sind versteckte Kosten. Die irreführende Werbung der Iren bringt Verbraucherschützer regelmäßig auf die Palme. Denn der Passagier weiß nicht, welche Zeche er am Ende zahlen muss. Durch eine seit November letzten Jahres geltende EU-Verordnung haben die Iren ihre Homepage nachgebessert und an Preistransparenz zugelegt. Aber für Dinge, die bei anderen Fluggesellschaften selbstverständlich sind, hält Ryanair die Hand auf. So schlagen ein vorher im Internet nicht angemeldetes Gepäckstück mit 20 Euro oder der Check-in am Flughafen mit 40 Euro zu Buche.

Lektion zwei: Der Billigflieger erteilt uns permanent falschen Erdkundeunterricht. Denn wer mit Ryanair nach Barcelona fliegt, landet im 100 Kilometer entfernten Girona. Der Flughafen Hahn liegt bei den Iren nicht im Hunsrück, sondern ganz dicht an Frankfurt. Über diese geographische Unschärfe wurde sich schon vor Gericht gestritten. Im Flugplan wird Memmingen einfach als München-West bezeichnet, die beiden Hansestädte Lübeck und Hamburg sind fast identisch. Daher gibt es bei manchen Passagieren nach der Landung ein böses Erwachen. Sie sind noch lange nicht am Ziel. Hauptsache, der Flug war billig.

Lektion drei besteht aus einem inszenierten Luftfahrt-Theater. In der Hauptrolle Michael O’Leary. Bei Presseterminen spielt der Ryanair-Boss vor Fotografen gerne den Grimassen schneidenden Hampelmann. Dieser Tage hat er seinen jüngsten Coup gelandet, indem er einfach den Spieß umdreht. Nicht der Billigflieger ist der Böse, der ständig neue Aufpreise ausheckt, sondern der kreative Kunde - ohne dass er es merkt. 100.000 User haben auf der Airline-Website an einem Wettbewerb teilgenommen und über Vorschläge abgestimmt, wie die Gebührenschraube weiter angezogen werden kann. Zu den Favoriten gehörten "zwei Euro Korkgeld für mitgebrachte Getränke und Essen" oder "drei Euro für Nutzung einer Raucherkabine an Bord". Sieger wurde die "Fat Tax", der Aufpreis für Dicke. Noch ist nicht entschieden, ob Gewicht, Umfang oder Body-Mass-Index den Kauf eines weiteren Tickets erforderlich machen. Wirksamer und billiger als eine kommerzielle Werbekampagne ist die Aktion allemal.

Wie wunderbar. Eine Win-win-Situation für alle? Die zusätzlichen Einnahmen erhöhen die Rendite. So bleiben auch die Flugpreise günstig. Ryanair ist ein börsennotiertes Unternehmen, das auch in Krisenzeiten Gewinne abwirft. Im Gegensatz zu manchem Airport, den Ryanair anfliegt. Zum Beispiel schreibt der durch Ryanair groß gewordene Kleinstflughafen Hahn seit Jahren tiefrote Zahlen. Die größte deutsche Ryanair-Basis muss ein Fass ohne Boden sein. Denn Airportbetreiber Fraport hat im Februar diesen Jahres seinen Anteil von 65 Prozent am Flughafen Hahn für einen symbolischen Euro an das Land Rheinland-Pfalz abgetreten. 140 Millionen Euro versenkte Fraport bei seinem Engagement im Hunsrück. Nun muss das Land für die jährlichen Verluste der ehemaligen US-Airbase in zweistelliger Millionenhöhe aufkommen. Die bittere vierte Lektion lautet: Der Steuerzahler wird zur Kasse gebeten und subventioniert so indirekt das als Schnäppchen gebuchte Billigticket.

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