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Kulturhauptstadt Europas 2014: Riga glänzt mit Pioniergeist

Die Letten überlassen den frischen Wind nicht allein der Ostsee: Sie haben ihre Hauptstadt mustergültig renoviert und geben einer jungen Generation Raum, die auch Traditionen in die Zukunft befördert.

Von Wolfgang Röhl

Elīna Dobeles, eine studierte Architektin, feiert als Schuh-Designerin Erfolge. Ihr schlichter Werkstatt-Laden "ZoFA" gilt bei Modefans aus aller Welt als begehrte Adresse.

Elīna Dobeles, eine studierte Architektin, feiert als Schuh-Designerin Erfolge. Ihr schlichter Werkstatt-Laden "ZoFA" gilt bei Modefans aus aller Welt als begehrte Adresse.

Rechts ist ihr schwarzes Haar lang, links kurz geschnitten und gekonnt auf zauselig getrimmt. Die Jacke wirkt schlabberig und elegant zugleich - Elīnas Stil könnte als Edelpunk durchgehen. Die zierliche Frau steht in ihrem Atelier und spricht von ihrer großen Leidenschaft: "Schöne Schuhe hab' ich immer geliebt". So sehr, dass sie heute selbst welche herstellt.

Elīna Dobeles Schuhmanufaktur "ZoFA" liegt in einem mausgrauen Wohnblock nahe dem Sportstadion, gegenüber einem Parkplatz voller Schlaglöcher. Unter Kennern ist die Antonijas-Straße 22 eine heiße Adresse in der lettischen Hauptstadt Riga. Hier entstehen in kleinen Serien die originellsten, fantasievollsten, schrägsten Fußkleider des Baltikums. Um manche Modelle zu tragen, benötigt man Mut, egal ob Damen oder Herren. Andere sind einfach schön, dabei auch noch praktisch. Etwa solche mit anknöpfbaren Gamaschen gegen nordisches Winterwetter. "Das hier", zeigt Elīna, "ist mein Autofahrerschuh. Der hat besonders strapazierfähiges Leder an der Ferse."

Eigentlich ist die Schuhschneiderin Elīna Dobele Architektin. Doch als dieser Beruf mit dem Wirtschaftscrash des Jahres 2008 brotlos wurde ("Plötzlich drehte sich in Riga kein einziger Kran mehr"), sattelte die damals 29-Jährige auf Schuhe um. In ihrer Ladenwerkstatt duftet es nach Leder aus halb Europa. Hinten tackert gemütlich ein tonnenschweres Nähmaschinenmonster, das einst in Wuppertal stand. Vorne zücken Schuhfreaks die Kreditkarten. Darunter Künstler, Schauspieler, Politiker. Elīnas Schuhwerk ist eine Marke - mittlerweile bekannt bis Japan und Kanada. Keine ganz wohlfeile: Manche Paare verschlingen mit 400 Euro beinahe das Monatseinkommen eines lettischen Normalverdieners. Ihre Eltern waren anfangs wenig begeistert von ihrem Jobwechsel. "Doch ein Glück, dass ich das Wagnis eingegangen bin!"

Die Art-Nouveau-Hauptstadt

Seiner kreativen Szene aus jungen Machern, Unternehmern und Künstlern hat Riga eine dicke Broschüre gewidmet. Sie handelt von Menschen, Projekten und Vierteln, welche die einstige Russenkolonie ziemlich hip gemacht haben. Manche werden wir noch kennenlernen. Doch vorher geht es in die berühmte Altstadt. Die lockt mit Abstand die meisten Besucher an.

Rigas Gründerszene: Das Café "MIIT" ist gleichzeitig ein Fahrradverleih, was sich auf der Stelle durch die Wanddeko vermittelt.

Rigas Gründerszene: Das Café "MIIT" ist gleichzeitig ein Fahrradverleih, was sich auf der Stelle durch die Wanddeko vermittelt.

Wenige Gehminuten von der "ZoFa" entfernt beginnt das vielleicht opulenteste Jugendstil-Quartier der Welt. Allein die Alberta-Straße beherbergt Dutzende Patrizierhäuser. Viele sind derart verschwenderisch verziert mit Erkern, Türmchen, Brüstungen, Balkonen, Frauen- und Tierfiguren, dass man kaum weiß, wohin man zuerst gucken soll. In den sandfarbenen, fünfstöckigen ehemaligen Großbürgerresidenzen logieren heute die Nouveaux Riches der Stadt, auch Botschaften, Planungsbüros, Anwaltskanzleien. Die Häuser entstammen einem kurzen Baurausch zwischen dem Ende des 19. Jahrhunderts und dem Beginn des Ersten Weltkriegs. Riga bietet mehr Art Nouveau als Paris, Barcelona oder Wien.

Potpourri aus Stilen und Einflüssen

Das Privathaus von Konstantīns Pēkšēns, einem der führenden Architekten jener Tage, ist jetzt ein Jugendstil-Museum. Wer in der Alberta-Straße 12 Pēkšēns' bis zur letzten Küchenfliese durchgestylte Räume und das Treppenhaus bestaunt, den fliegt vielleicht eine Ahnung an, warum der Jugendstil nur kurz währte. Sein radikaler Wille zum fein Verkünstelten überzog selbst die banalsten Gebrauchsgegenstände. Wunderhübsch! Aber etwas anstrengend.

Rigas Altstadt zwischen dem breiten Daugava-Fluss und dem Parkgürtel erdrückt einen fast in ihrer historischen Bedeutungsschwangerschaft. Backstein-Neogotik aus dem 19. Jahrhundert trifft Mittelalter, orthodoxe Kirchen stehen neben alter Hanse-Herrlichkeit, niederländischer Renaissanceprunk bei Palazzo-Formen aus Venedig. Kein Wunder, dass Riga mit seinem Potpourri aus Stilen und Einflüssen, 1201 gegründet, jahrhundertelang auch von Deutschen dominiert, dieses Jahr europäische Kulturhauptstadt wurde.

Europäische Kulturhauptstadt des Jahres

Anna Muhka schuftet seit mehr als einem Jahr für die Marathonveranstaltung. Ungezählte Events müssen organisiert werden. Anna ist Mitte 50, spricht außer Lettisch auch Deutsch, Schwedisch, Englisch. Sie kennt jeden Winkel der Stadt, das Schöne und den Schein. "Täuschen Sie sich nicht", sagt sie. "In manchen Häusern ist höchstens der erste Stock bewohnt. Die Häuser wurden nach der Sowjetzeit reprivatisiert. Aber die Besitzer haben kein Geld, sie zu sanieren."

Sowjetzeit. Das Wort fällt unvermeidlich, wenn Letten Ausländern ihr Land erklären. Das Wort zieht eine Grenze, markiert eine Zeitrechnung. Es scheidet die bleierne Ära der sowjetischen Okkupation ab 1940 streng von der Zeit nach der "Singenden Revolution" im Jahre 1991. Kaum ein Lette wünscht sich die Besatzungszeit zurück - ungeachtet der Härten, die auch die Marktwirtschaft vor allem für die Alten bedeutet.

Die vielen in Lettland verbliebenen Russen jedoch (in Riga stellen sie die Bevölkerungsmehrheit) finden sich in den neuen Verhältnissen viel weniger gut zurecht. Wer zum Beispiel den Einbürgerungstest verweigert oder nicht besteht, erhält nicht die lettische Staatsbürgerschaft. Wer aber den russischen Pass behält, darf nicht wählen. "Letten und Russen schlagen sich nicht die Köpfe ein", sagt Anna. "Doch herzlich ist das Verhältnis nicht. Man lebt so nebeneinander her."

Markthalle im Hangar

Russen sehen russisches Fernsehen, lesen russische Zeitungen, sprechen oft kaum ein Wort Lettisch. Ihre Popstars lassen sie aus dem Osten einfliegen. Die Alten unter ihnen träumen immer noch davon, dass sich der Wind der Geschichte wieder zurückdrehen möge. Die Vernünftigen beider Lager setzen auf die Jugend. Doch ein Selbstläufer ist das Zusammenwachsen nicht.

Riga triumphiert im Abendkleid, gesehen vom Radisson Blu Hotel aus.

Riga triumphiert im Abendkleid, gesehen vom Radisson Blu Hotel aus.

Wir stehen auf der obersten Plattform der Akademie der Wissenschaften. Es riecht schwach nach Meer. Sehen kann man es nicht, doch es kann nicht fern sein. Das Stufenhochhaus im Zuckerbäckerstil, vom Volksmund "Stalins Geburtstagstorte" getauft, wirkte einst wie ein Menetekel der Russifizierung. Stalin siedelte hunderttausende Russen nach Lettland um. Die meisten kamen nur zu gern. Das Land galt als beinahe westlich, eine Insel im Ozean sowjetischer Trübsal.

Von der Akademie blickt man aus 65 Meter Höhe hinab auf eine weitere Landmarke. Nahe dem Bahnhof brummt unter fünf gewaltigen Rundbogendächern an jedem Tag des Jahres (außer Neujahr) der größte, bunteste Markt des Baltikums. Alles, was Äcker, Gärten und Gewässer des Nordostens hergeben, hier liegt es auf den Tischen: Beeren und Pilze, Tomaten, Äpfel, Stockfisch, Räucheraal. "Die Markthallen waren mal deutsche Zeppelinhangars", erzählt Anna. Ihre Familie flüchtete einst nach Schweden. Dort wurde Anna 1956 geboren. Sie zog als junge Frau nach Münster, damals ein Zentrum für Exil-Letten, studierte dort Marketing. Nach der Unabhängigkeit Lettlands übersiedelte sie 1994 in die Heimat ihrer Familie. Ein typisch lettisches Migrations-Zickzack. "Letten sind Überlebenskünstler", sagt sie, "kleine Nationen müssen so sein."

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