Lourdes Wunder gibt es immer wieder


Pilgern ist die älteste Form des Reisens - und seit Hape Kerkelings Dauerseller "Ich bin dann mal weg" knackmodern. Sechs Millionen Menschen zieht es jährlich nach Lourdes. Vor 150 Jahren soll hier Maria einem Kind erschienen sein. Das wird jetzt gefeiert.
Von Holger Fuß

Die beiden Frauen stehen an der rauchgeschwärzten Felswand der Grotte. Sie mögen Mitte vierzig sein, tragen Anoraks und reiben unermüdlich mit blauen und roten Tüchern am Gestein, als wollten sie hier mal gründlich sauber machen. In der zwei Meter hohen Felsspalte über ihren Köpfen erstrahlt das Sinnbild der Makellosigkeit - eine weiße Marmorstatue der Jungfrau Maria. Vor 150 Jahren soll hier die Mutter Jesu dem unbedarften Hirtenmädchen Bernadette erschienen sein. Auf dem Sockel verkündet eine Inschrift jene Worte, mit der sie sich einst im ortsüblichen Dialekt zu erkennen gegeben hat: "Que soy era immaculada Councepciou", zu Deutsch: Ich bin die Unbefleckte Empfängnis.

Seit endlosen Minuten wienern die Frauen den Felsen. Zwischendurch halten sie inne und drücken sich ihre Tücher auf Gesicht und Schläfen - sie betupfen sich mit ihrer Energie.

Es ist vier Uhr morgens an der Erscheinungsgrotte von Lourdes. Nur eine Handvoll pilgernder Nachtschwärmer verirrt sich zu dieser Stunde hierher. Als ich diese Höhle endlich einmal ohne die täglichen Menschenmassen erleben kann, wird mir klar, weshalb dieser Ort angeblich schon in vorchristlicher Zeit eine heidnische Weihestätte war. Darum also laden sich die Menschen heute mit seiner Wunder wirkenden Kraft auf, darum erhoffen sie hier Genesung von vielerlei Gebrechen: Dieser Felsen, der sich 27 Meter hoch über der Grotte erhebt, ist quicklebendig. Das Lebenselixier Wasser sprudelt nicht nur im Inneren der Höhle aus einer Quelle - es durchzieht in unzähligen Adern das Gestein. Die Wände der Grotte schwitzen. In Rinnsalen perlt das Wasser hinab und glitzert im Schein der Kerzen und Punktstrahler.

Sechs Millionen Menschen aus 170 Ländern strömen jedes Jahr in die südwestfranzösische, gerade mal 15.000 Einwohner große Stadt am Rande der Pyrenäen. Gebetsfrohe Pilger, schaulustige Touristen und an die 80.000 Kranke und Behinderte. Sie alle wollen den Ort bestaunen, an dem der Himmel die Erde berührt haben soll, als am 11. Februar 1858 in der Grotte Massabielle die Jungfrau Maria einem armen 14-jährigen Mädchen erschienen ist. Bis zum 16. Juli zeigte sich die Gottesmutter noch 17 weitere Male der Bernadette Soubirous, die von Papst Pius XI. 1933 schließlich heilig gesprochen wurde. Nun feiert Lourdes ein Jahr lang das 150. Jubiläum dieser Erscheinungen.

Blinde wurden sehend

Auf Geheiß der weiß gekleideten "Schönen Dame", wie Bernadette sie nannte, grub das Mädchen jene Quelle aus dem Erdreich, deren Wasser seither für allerlei Wunderheilungen verantwortlich gemacht wird: Blinde wurden sehend, Lahme konnten gehen, und Geschwüre verschwanden. Bis heute hat das Ärztebüro der Wallfahrtsstätte an die 7000 Dossiers über medizinisch unerklärliche Heilvorgänge aufgezeichnet. 66 Fällen hat die katholische Kirche offiziell den Wunderstatus zugebilligt.

Im Sonderzug des Euro-Express glaubt keiner so recht an Wunder. Wie seltsam: Hier sind 540 Pilger des Bistums Trier unterwegs zum "größten Marienwallfahrtsort der Christenheit", wie der kirchliche Reiseveranstalter Arche Noah Reisen verkündet. Aber auch der ranghöchste Geistliche im Zug, der 44-jährige Trierer Weihbischof Stephan Ackermann wischt die Marienerscheinungen beiseite. Der promovierte Dogmatiker mit leutseligem Charme sagt in seinem moselfränkischen Singsang: "Die Erscheinungen sind kein kirchliches Dogma. Man braucht also nicht daran zu glauben und kann trotzdem ein guter Katholik sein."

Ich bin kein Katholik. Das merke ich spätestens, als ich zusammenzucke, während die Stimmen der begleitenden Priester über den Abteillautsprecher Gebete und fromme Gesänge erschallen lassen. Öffentliches Beten ist mir peinlich. Als Kind wurde ich evangelisch-lutherisch getauft. Als Jugendlicher bin ich aus der Kirche ausgetreten. Inzwischen ist aus mir eine Art romantischer Naturmystiker geworden, für den die Welt seit Kindheitstagen etwas wundersam Geheimnisumwittertes behalten hat. In 160 Liegewagenabteilen hebt wogender Gesang an: "Gegrüßet seist du, Königin, o Maria,/ erhabne Frau und Herrscherin".

Eine Wallfahrt ist keine Vergnügungsreise

Warum habe ich bloß keine Flugwallfahrt gebucht? In knapp zwei Stunden wäre ich am Fuße der Pyrenäen gelandet und müsste nicht mehr als 20 Stunden lang in der Enge eines Liegewagenabteils 1300 Kilometer quer durch Frankreich rumpeln, in stickiger Luft auf einer schmalen Pritsche. Um 6 Uhr 45 scheppern die Lautsprecher wieder los. Unser Vorbeter droht für 7 Uhr 30 die Laudes an, das Morgengebet. Ich rede mir ein, dass eine Wallfahrt keine Vergnügungsreise sein darf. Wenn’s Spaß macht, ist’s kein Pilgern.

Mein Abteilnachbar Rudi, der gesellschaftspolitische Bischofsreferent, ist auch ohne Morgentoilette prächtig gelaunt. Ein braun gebrannter Mittfünfziger, für den der katholische Glaube derart selbstverständlich ist, dass er weder mitbetet noch mitsingt. In Lourdes wird er in einem der Pilgerhotels den Reiseleiter geben. Das bedeutet eine Woche bezahlten Urlaub, strahlt der fest angestellte Kirchenlaie. Für Übersinnliches hat er nichts übrig. Für den Papst auch nicht. Mit Benedikt XVI. liegt er über Kreuz. Die Sexualmoral, die Kondomfrage, die Abtreibungspolitik - nicht sein Ding. An die Erscheinungen der Gottesmutter glaubt er nicht. Lourdes ist ein Ort, an dem die Menschen Kraft finden. Basta. Rudi ist gelernter Bankkaufmann.

Am vorderen Zugende fahren die Lazarettwagen. Hier betreuen 40 Angehörige der Deutschen Assoziation des Malteserordens rund 50 Kranke. Die Herren, zumeist adeligen Geblüts, tragen beigefarbene Einreiher mit roter Armbinde und markantem weißem Malteserkreuz. Sie ziehen verantwortungsvolle Gesichter und sind ansonsten bemüht, den jungen Saalschwestern nicht im Wege zu stehen.

Die Pflegerinnen huschen in grauen Kitteltrachten und weißen Häubchen umher. In den Abteilen umsorgen sie die Bettlägerigen, geistig und körperlich Schwerstbehinderte, die sich kaum rühren, mitunter kaum artikulieren können. Nirgends fühle ich mich mit meinem Notizblock so fehl am Platz wie hier. Wenn ein barmherziger Gott in diesem Sonderzug gegenwärtig ist, dann hat er in diesen Damen Quartier genommen. Der Vorbeter krächzt durch die Lautsprecher: "Wir wollen unser Pilgerbuch bereithalten, um uns einzustimmen." Wir beten den Rosenkranz, singen: "Königin des Friedens, Mutter des Erlösers, hilf, dass alle Frieden finden!", und: "Alleluja, Alleluja, Alleluja!" Noch 30 Minuten bis Lourdes.

Eine mehrtägige Lourdes-Wallfahrt erinnert ein bisschen an den amerikanischen Kinofilm "Und täglich grüßt das Murmeltier". Dort spielt sich jeder Tag auf die gleiche Weise ab, sodass die Hauptperson ihr Leben stets aufs Neue einüben und verbessern kann. Hier in Lourdes soll uns eine tägliche wiederholende Abfolge von Messen und Prozessionen auf einen gottgefälligen Bewusstseinszustand einstimmen: beten, essen, schlafen. Mehr braucht es nicht, um "sich bereit zu machen für Gottes Nähe", auf "dass Gott an uns handelt", wie Weihbischof Ackermann erklärt.

"Pschschscht!"

Von andächtiger Atmosphäre jedoch ist in diesem Nest zunächst keine Spur. Geschäftig hasten die pilgernden Hundertschaften vom Bahnsteig zu den wartenden Bussen. In Millimeterarbeit windet sich unser Bus durch enge Gassen - vorbei an Drei-Sterne-Herbergen und Souvenirläden. Ich habe mit 46 Wallfahrern das Hotel Croix des Bretons erwischt, nur drei Gehminuten vom Wallfahrtbezirk entfernt. Mein Zimmer ist unwesentlich größer als das Bett darin. Doch ich bin zum Pilgern hier, nicht zum Wohnen.

Also mache ich mich auf zum sogenannten heiligen Bereich. Am Eingangstor St. Joseph verbietet ein großformatiges Schild Hunde, Eiswaffeln, Handys und freizügige Garderobe. Aus Lautsprechern ermahnt ein immer wieder ertönendes "Pschschscht!" die Besucher auf dem 52 Hektar großen Gelände zu demütigem Schweigen. Ich lasse mich von einem Strom aus Touristen, Rosenkranz-bewehrten Pilgern und Kranken in blau lackierten Rollstühlen zum Hauptplatz vor der Rosenkranzbasilika treiben.

Die Rampen führen den Massabielle-Felsen empor, der mit drei Kirchen bebaut wurde: Die älteste ist die Krypta, die 1866 noch in Anwesenheit des Sehermädchens Bernadette geweiht wurde. Darüber krönt die Basilika der Unbefleckten Empfängnis mit einem 70 Meter hohen Turm das Panorama, das auf den ersten Blick wie Cinderellas Märchenschloss aussieht.

Die Grotte muss ich nicht lange suchen. Menschen mit Flaschen und Kanistern voller Wunderwasser kommen mir entgegen. Dutzende von Zapfhähnen flankieren die Promenade am Ufer des Gave. "Kommt, trinkt aus der Quelle und wascht euch darin", hat Maria einst zu Bernadette gesagt. Ich probiere das Nass. Ein wohlschmeckendes, leicht kalkhaltiges Quellwasser. Und das soll Wunder bewirken? "Nach katholischem Verständnis geschehen die Heilungen aufgrund des Glaubens, der Fürsprache der Heiligen und des Gebets der Gläubigen", klärt die offizielle Wallfahrtsbroschüre auf. Zumindest gibt das Wasser mir ein gutes Gefühl. Für einen Moment halte ich mich für unsterblich. Vielleicht, weil der Durst weg ist.

Ekstase des Schweigens

Ich sehe auf den Bankreihen vor der Höhle Menschen im Gebet versunken. Andere knien auf dem Boden, das Haupt gebeugt. Neben mir eine teuer gekleidete Dame mit tränenverschmiertem Make-up auf den Wangen. Drei junge Männer haben ihre Arme zur Madonna über der Grotte erhoben und bewegen mit geschlossenen Augen tonlos ihre Lippen. Niemand spricht. Eine Ekstase des Schweigens.

Jeden Abend versammeln sich Tausende zur Lichterprozession mit Gesang, Rosenkranzgebeten und langen Kerzen. Ich stehe auf der Balustrade über der Rosenkranzbasilika und sehe vor mir ein nicht enden wollendes Meer von Lichtern, das schließlich, von Ordnern dirigiert, in Schlangenlinien auf den weiträumigen Platz vor der Basilika vorrückt. Es sieht aus wie das Spiegelbild eines Sternenhimmels. Und so ist es wohl gemeint.

Am Tag vor der Rückreise zeigen sich sogar bei Pilgerbruder Ackermann erste Zermürbungserscheinungen. "Diese ganzen Wiederholungen finde ich manchmal belastend. Jeden Tag Messe, Sakramentsprozession und Lichterprozession. Doch wenn man diese Krise überwunden hat, gerät man in einen Gebetszustand, der einem Kraft gibt."

Vorgeschmack auf das Fegefeuer

Wenn der heilige Bezirk in Lourdes einen Schattenriss des Himmelreichs darstellen soll, dann erhalte ich in den Straßenzügen jenseits der Abzäunung einen Vorgeschmack auf das Fegefeuer. In dieser Unterstadt, wie die Einheimischen sie abschätzig nennen, ist ein Vergnügungsviertel gewuchert, dessen Leuchtreklame so ungeniert wie die Reeperbahn für Frömmler um die Kundschaft buhlt. Krankenhäuser für die gebrechlichen Pilger, Hotels für die Gesunden, Cafés, Restaurants und jede Menge Devotionalienläden, die Kanister in allen Größen zum Abtransport des Wunderwassers bereithalten.

In den ersten Wallfahrtjahren wurden die Andenken gleich neben der Grotte an die Pilger verhökert. Heute werden im heiligen Bezirk nur noch Kerzen verkauft - und Messen. Persönliche Fürbitten kosten 18 Euro. Die Schnäppchenjäger wenden sich jedoch lieber an den mitreisenden Krankenhausseelsorger aus Indien, der die Bittgesuche in seine fernöstliche Heimat mitnimmt und dort zelebrieren lässt. Auf dem indischen Subkontinent kostet eine Messe bloß fünf Euro.

Am letzten Tag erwache ich mit Kopfschmerzen, Halsentzündung und Fieber. Ausgerechnet in Lourdes, wo die Kranken um Genesung beten, fange ich mir eine Grippe ein. Eine Folge meiner Gnadenvergiftung? Einer der Zugpfarrer wähnt mich in einer geistlichen Krise: "Ihr Immunsystem ist geschwächt, weil sich in Ihnen etwas wehrt gegen das, was Sie hier erleben." Trotzdem will er mich zu den Badehäusern mitnehmen. "Sie werden sehen: Die Erkältung wird im Nu verschwinden!"

Die Badehäuser liegen unweit der Grotte am Flussufer. Hunderte von Gläubigen warten singend und betend darauf, ein Bad in den Bassins mit dem Wasser der Marienquelle nehmen zu können. Links die Männer, rechts die Frauen. Das Wasser ist mit 12 Grad Celsius derart kalt, dass zum Abtrocknen kein Handtuch gereicht wird. Die abgeschreckte Haut stößt das Wasser ganz rasch von sich. Manche meinen hierin eine Wundereigenschaft des Wassers zu erblicken.

Seit einer halben Stunde stehe ich in der Schlange: Soll ich tatsächlich baden? Einer der Wartenden behauptet, dass das Wasser nicht nach jedem Besucher ausgewechselt wird. Was habe ich in einer Brühe zu suchen, in die zuvor eitrige Wunden getaucht wurden? Aber dann lässt mich etwas ganz anderes Reißaus nehmen. Ich habe einfach genug von Gebeten. Um was sollte ich Gott eigentlich bitten? Wenn es ihn denn gibt, den geheimnisvollen großen Zusammenhang dieser Welt, dann will ich ihn gar nicht manipulieren. Soll er doch anstellen mit mir, was ihm beliebt.

Während ich aus der Reihe der Badepilger ausschere, muss ich an ein Zitat des spätantiken Kirchenvaters Augustinus denken, das ich heute in der Krankenmesse gehört habe. Darin scheint alles enthalten, was ein Mensch zum Leben braucht: "Liebe, und dann tu, was du willst."

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