VG-Wort Pixel

Diaspora Heimat im globalen Dorf


Jahrzehntelang fuhr der Fotograf Frédéric Brenner durch die Welt auf der Suche nach den Menschen in der jüdischen Diaspora. Es wurde auch eine Suche nach den eigenen Wurzeln.

Von Stefanie Rosenkranz

Die Reise begann vor 25 Jahren in Jerusalem. Da machte der damals 19-jährige Anthropologiestudent Frédéric Brenner aus Frankreich Fotos der frommen Bewohner von Mea Schearim - jener Replik eines osteuropäischen jüdischen Schtetls der Vorkriegszeit im Herzen des Nahen Ostens. Brenner ist Sohn assimilierter Pariser Juden, die Weihnachten feierten statt Jom Kippur, nicht koscher aßen, sondern makrobiotisch, und sich für den Buddhismus mehr interessierten als für die Thora. Sein Vater, eigentlich Psychologe, verkaufte in China hergestellte Marienstatuen im Wallfahrtsort Lourdes. Brenner aber war fasziniert von den gottesfürchtigen Männern und Frauen, die lebenslänglich dem Allerhöchsten dienen. "Ich hielt sie für die archetypischen, authentischen Juden schlechthin."

Fortan fuhr er durch die Welt auf der Suche nach seinem Volk und nach sich selbst, "denn wie alle Juden lebe auch ich an einer Bruchstelle, irgendwo zwischen Europa und Afrika". Die Familie seiner Mutter stammt aus Algerien, die Familie seines Vaters, ermordet von den Deutschen, aus Rumänien und der Ukraine. "Die Tordjmanns aus Afrika waren weißer als die Weißen, die Brenners aus dem Osten waren westlicher als die Westler, und alle waren sie französischer als die Franzosen. Nach drei Generationen bin ich der Erste, der zu den Wurzeln zurückgekehrt ist."

Brenner fand jüdisches Leben

in 40 Ländern, er fotografierte Menschen in Gibraltar und im Jemen, in Tunesien und in Bosnien, in Moskau und in New York, in Äthiopien und in Argentinien, er legte seine Bilder 26 Wissenschaftlern, Schriftstellern und Philosophen vor, von Elfriede Jelinek über Jacques Derrida bis zum kürzlich verstorbenen Ex-Maoisten und zuletzt tiefreligiösen Benny Lévy, die sie kommentierten. Das Ergebnis seiner Wanderschaft sind zwei einzigartige Bände mit dem Titel: "Diaspora - Heimat im Exil". Und seine Erkenntnis, dass "jede Identität Fiktion ist".

Die Juden aus Kalkutta stammen aus Bagdad, die Juden aus Mea Shearim aus Breslau oder Krakau, die Diaspora ist ihnen Heimat und die Heimat Diaspora. Die Juden in Südafrika stammen aus Litauen, die Juden aus Spanien wurden von dort vertrieben und nennen sich seither "Sepharden", Spanier. Einst dichtete ihr großer Poet Judah Halevi: "Mein Herz ist im Orient, mein Körper im äußersten Westen", heute ist es umgekehrt: Das Herz der Sepharden ist in Spanien, und sie sind überall, von Griechenland bis Brasilien, vertrieben aus der Diaspora in eine neue Diaspora. Ihre Sprache, das Ladino, nahmen sie mit, eine tragbare Heimat, und transportierten so die iberische Kultur bis nach Istanbul. Brenner präsentiert eine ebenso traurige wie wunderschöne Reise durch Zeit und Raum.

Zu Beginn seines Monumental-Werks steht ein Zitat von Franz Kafka. "Was habe ich mit den Juden gemeinsam? Ich habe kaum etwas mit mir gemeinsam." Was eint New Yorker Psychoanalytiker mit Moses Elias aus Kalkutta, oder den amerikanischen Modemacher Ralph Lauren mit den letzten Juden von Thessaloniki? Sind äthiopische Frauen so archetypisch wie Barbiere aus Tadschikistan, ist der Sowjet-General David Abramowitsch Dragunski, unter Breschnew Vorsitzender des "Antizionistischen Komitees", weniger authentisch als der Rabbiner aus Florida? Brenner gibt keine Antworten auf diese Fragen, er stellt einen vor Rätsel und stiftet Verwirrung. "Ich mache Bilder, um Bilder zu zerstören", sagt er, ein temperamentvoller Mann mit blitzenden braunen Augen. Das ist ihm gelungen, und zwar gründlich.

Die Odyssee seiner Nation,

sie beginnt für ihn nicht mit der Zerstörung des zweiten Tempels durch die Römer im Jahre 70 nach Christus und der Zerstreuung der Juden in alle Welt. "Die Diaspora bestimmt unser Leben seit biblischen Zeiten. Wir leben im globalen Dorf, seit Gott vor 4000 Jahren zu Abraham sagte: 'Gehe fort von deinem Land, von deiner Familie und von deines Vaters Haus in ein Land, das ich dir zeigen will.' Die meisten Völker bestimmen sich durch ein Territorium, Abraham dagegen hat eine subversive, radikal andere Art, auf der Welt seinen Platz zu finden."

Dass seine Nachfahren diesen Platz, der kein Ort ist, nie verloren haben, ist das Unglaubliche, Einzigartige, Betörende und zugleich für die anderen, die Außenstehenden, so unendlich Verstörende an der Geschichte des Judentums. "Werden jene, die so weit gewandert sind, eines Tages stehenbleiben?", fragt der israelische Philosoph Daniel Epstein. "Ist ihr Marsch nicht eine Herausforderung an all jene, die versucht haben, den Menschen zu zwingen, die Last des Wortes abzulegen und den Stein in Ziegel zu verwandeln, um Festungswälle zu bauen? Mauern stürzen am Ende immer ein. Die Kinder Abrahams setzen ihren Marsch fort."

Manche Juden leben "für sich und zählen sich nicht zu den Völkern", wie es bei Moses heißt. Auf andere trifft der Witz zu, den Jacques Derrida zitiert: Ein armer polnischer Jude steigt in Großbritannien zum Lord auf, lässt seinen zerlumpten Bruder aus dem Schtetl nachkommen und verwandelt ihn in einen britischen Gentleman, worauf der in Tränen ausbricht: "Wir haben Indien verloren, welche Schande!"

Egal, ob sie "wie alle anderen Menschen auch sind, nur noch mehr", wie Mark Twain sagte, oder ganz anders als alle anderen: Die Tatsache, dass es sie überhaupt noch gibt, dass sie sich nicht verloren haben und verschwunden sind wie so viele Völker vor und nach ihnen, ist ein Wunder. Mag sein, dass jede Identität Fiktion ist, manche Fiktionen sind zäher als andere. Zum Beispiel die der Marranen in Portugal, zwangsgetauft zu Zeiten der Inquisition, die ihren Glauben gleichwohl nie aufgegeben haben, "im Innersten Jude und nach außen hin Goi", so Benny Lévy, der in ihnen die Ahnen des modernen Juden sieht, "der stolz eine Vielzahl von Identitäten annimmt und in einer nichtidentischen Identität schwelgt".

"Kann ich bezweifeln, dass ich Jude bin?" fragt der amerikanische Professor Stanley Cavell angesichts der Brenner-Bilder. "Mein Vater wurde nie müde, mir etwas zu sagen, was er als eine profunde Wahrheit meines Vermächtnisses ansah: 'Wenn du es je leugnest, werden die anderen dir sagen, dass du Jude bist.'" Die anderen, das sind Menschen wie der ehemalige malaysische Ministerpräsident Mahathir Mohamad, der glaubt, die Juden regierten heimlich die Welt.

"Die Welt, verkehrt herum",

sagt Brenner. "Der Jude ist der Zeuge, den man nicht erträgt, er erinnert den weißen, westlichen Christen an seine Verbrechen, er ist nicht auszuhalten für diejenigen, die seit 2000 Jahren den Körper eines gefolterten Juden anbeten, der am Kreuz blutet. Der Kult um diesen sterbenden Körper, diesen jüdischen Körper, er endete mit Auschwitz. Doch man lebt nicht ungestraft 20 Jahrhunderte im Herzen der christlichen Nation: Auch wir erliegen zu oft der Faszination für unser eigenes Verschwinden. Aber anders als das Christentum ist das Judentum eine Religion des Lebens, nicht des Todes. Abraham hat Isaak nicht geopfert. Trotzdem hat sich die moderne jüdische Identität weniger um Israel, als um die Shoa herum konstruiert. Fast alle wissen heute, wie die Juden gestorben sind, aber in meinem Buch geht es darum, wie die Juden leben."

Brenners Bilder, sie sind auch eine Hommage an die Diaspora, an Glück im Exil, an die Liebe zur Heimat, die nicht Fremde ist. Seine Reise allerdings endete im Dorf Tykocin in Polen. 1941 wurden die über 2000 Juden, deren Vorfahren hier seit 400 Jahren lebten, in einen Wald geführt und ermordet. Seither feiern die polnischen Katholiken dort das jüdische Fest Purim, die Errettung vor der ersten Endlösung der Geschichte: Haman, Berater von Ahasverus, König vom Indus bis zum Nil, ortet inmitten der vielen Untertanen "ein Volk, zerstreut und abgesondert unter allen Völkern in allen Ländern deines Königreiches, und ihr Gesetz ist anders als das aller Völker, und sie tun nicht nach des Königs Gesetzen". Nachdem er das Pur, das Los, geworfen hat, weist er die Statthalter an, "sämtliche Juden, jung und alt, Frauen und Kinder, an einem einzigen Tag zu vernichten, zu erschlagen und auszurotten, und ihr Hab und Gut zu plündern". Doch die schöne Jüdin Esther, verheiratet mit Ahasverus, vereitelt den Plan und rettet ihr Volk. Haman endet am Galgen.

In Tykocin verkleiden sich die Polen als Juden, denn die Juden sind tot. "Purim ist nicht länger nur ein Fest", so Brenner. "Es ist Realität geworden."


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker