Spaniens Costa Brava Wo jeder nach seiner Fasson glücklich wird


Spaniens "wilde Küste" blickt auf 100 Jahre touristische Vermarktung zurück. Doch wofür steht die Costa Brava? Für exklusive Luxusstrände oder Billigurlaub in Lloret de Mar?
Von Ulrike Wiebrecht

Nicht nur auf Mallorca, auch an der Costa Brava verbringen jedes Jahr Millionen von Touristen aus ganz Europa ihren Urlaub. Zwar gab es immer wieder Negativschlagzeilen. Und häufig wurde die "wilde Küste", wie die Übersetzung von Costa Brava lautet, als touristische Destination schon totgesagt. Trotzdem ist Spaniens beliebteste Urlaubsregion eine einzigartige Erfolgsgeschichte. Doch worin besteht ihre Anziehungskraft?

Lloret de Mar ist der bekannteste Ort an der Küste. Das einst malerische Fischerdorf wurde in den 60er Jahren so populär, dass es aus allen Nähten platzte. Schnell wurden Bettenburgen hochgezogen, um die Hunderte von Busladungen aufzunehmen. Schon für 140 DM pro Woche gab es Sonne und Sangria satt. Die anspruchsvolleren Gäste wanderten allerdings nach und nach ab und haben das Feld trinklustigen Briten überlassen.

Inzwischen hat die Stadt mit allerlei Verschönerungsmaßnahmen gegengesteuert. Billigurlaub mit einem Maximum an Qualität, lautet die Devise. Natürlich konnte nach dem Abriss maroder Betriebe und mit der Schaffung neuer Grünzonen aus Lloret kein romantisches Fischerdorf mehr werden. Aber immerhin ein Ort, in dem weniger Solvente Ferien am Mittelmeer machen können.

Zwischen Sauerbraten, Schaumpartys und Luxushotels

In der kalten Jahreszeit kommen die Pensionäre. Das sind die Gäste von Ignaz und Jasmin Heinz, die im Restaurant "Zur Wildsau" inmitten von Pokalen, Kuckucksuhren und ausgestopften Tierköpfen hausgemachte Rouladen, Kassler oder Sauerbraten servieren. Spätestens ab Mai machen sie Jugendlichen zwischen 16 und 25 Jahren Platz. Die sehen gern über den einen oder anderen Schönheitsfehler an ihrem Feriendomizil hinweg, wenn die Stimmung gut ist. Dafür sorgen Clubs und Mega-Discos wie das "St. Trop", das "Revolution" oder das "Tropics" mit aufwändigen Licht- und Lazer-Shows, Schaumpartys und beliebten DJs. "Abfeiern in der Partydestination Nr. 1" lautet das Motto, unter dem ein renommierter Veranstalter von Jugendreisen Lloret anpreist.

Die Reichen und Schönen rümpfen über den Ort längst die Nase. Sie fahren nach Pals oder Peralada. Hier warten nicht nur Golfplätze, Luxushotels und Wine-Spas auf zahlungskräftige Gäste, sondern auch sorgsam restaurierte mittelalterliche Dörfer mit trutzigen Türmen, schmalen Gassen und Mauern aus Jahrhunderte altem Naturstein. An lauen Sommerabenden lädt das Schloss von Peralada zum Internationalen Musikfestival unter freiem Himmel ein. Nach dem Konzert geht es ins Casino oder ins "Bulli", wo Ferran Adrià seine Molekularküche zelebriert. Und so schnell, wie sie gekommen sind, können sie vom boomenden Flughafen Girona aus auch wieder in ihre Heimat fliegen.

Für alles ist gesorgt

Zwischen Lloret und Peralada liegen Welten. Die anderen Orte an der Costa Brava sind einen weniger extremen Weg gegangen. Wenn sich die Küste über 214 Kilometer von Portbou an der französischen Grenze bis nach Blanes hinunter zieht, dann zeigt sie auf ihrer Gesamtenlänge ganz unterschiedliche Gesichter: Mal gibt es weite Sandstrände, mal winzige Buchten, wobei das Markenzeichen immer wieder raue, wilde Steilküste ist, die mitunter dramatische Formen annimmt. Als wenn die Pyrenäen in einem letzten Aufbäumen noch einmal ihre geballten Felsmassen aufbieten würden, bevor sie ins Mittelmeer stürzen.

Die ersten Tourismuspioniere waren Spinner, Künstler, die am Wilden und Bizarren Gefallen fanden. Dann folgten romantisch veranlagte Sommerfrischler. Und Prominente wie Sean Connery, Elisabeth Taylor oder John Wayne, die zum internationalen Renommee der Küste beitrugen. In ihrem Gefolge stellten sich schließlich die breiten Massen von Sonnenhungrigen aus dem Norden ein. Und die bekommen an der Costra Brava heute eigentlich alles, was sie wollen.

Wer nicht zu den Zielgruppen von Lloret oder Peralada gehört, findet in L'Escala, L'Estartit, Blanes oder Llancà ideale Bedingungen für Familienurlaub vor. Mit gut ausgestatteten Ferienwohnungen, vorbildlichen Campingplätzen und Stränden, die in den letzten Jahren immer sicherer und sauberer geworden sind. Parkplätze, behindertengerechte Zugänge, Toiletten, Erste-Hilfe-Stationen - für alles ist gesorgt. Und vielerorts weht am Wasser die blaue Flagge der EU. Dabei hat sich jeder Ort auf seine Klientel spezialisiert, sodass sich im Zusammenspiel eine perfekte Arbeitsteilung ergibt. Die Partygänger gehen nach Platja d'Aro, die Taucher nach L'Estartit. In Port de la Selva fühlen sich die katalanischen Konservativen am wohlsten, in Sant Pere Pescador die holländischen Camperurlauber.

Künstlerdorf gegen Bauwut

Und in Cadaqués? Die früheren Hippies sind weg. Aber der Ort hat sich zumindest den Hauch eines Künstlerdorfs bewahrt und zieht eine bunte Mischung von katalanischen Intellektuellen, französischen Snobs und allerlei Bohemiens an. Picasso, García Lorca, Paul Éluard, Marcel Duchamp - alle waren sie hier. Und natürlich Salvador Dalí, der sich von der kargen Mondlandschaft am Cap de Creus, dem "grandiosen, geologischen Delirium", inspirieren ließ. "Heute leben noch um die 50 Kreative hier, aber von der Kunst selber können nur die wenigsten leben", meint Gustavo, der die kleine Galerie "Marges U" unterhält.

Am meisten Geld wird im Gast- und Baugewerbe sowie mit dem Immobilienhandel verdient. Zeitweise gab es mehr Maklerbüros als Bäckereien und die Bürgerinitiative "Salvem Cadaqués!" begann, gegen die Bauwut anzukämpfen. Inzwischen wurden infolge der Krise viele Projekte auf Eis gelegt. Auch hat sich Cadaqués bislang nicht in ein surrealistisches Disneyland verwandelt, das es hätte werden können. Und verglichen mit anderen Orten sind die Veränderungen der letzten Jahrzehnte ohnehin harmlos.

Anders als in Empuriabrava, das in den 60er Jahren künstlich aus dem Boden gestampft wurde. Einst sollte hier das Miami Spaniens entstehen. Tatsächlich gehört der Yachthafen an der Muga-Mündung zu den größten Europas. Die Besiedelung ringsum wird gern mit Venedig verglichen, weil sie von Kanälen durchzogen ist und viele Hausbesitzer ihr Boot vor der Tür liegen haben. Es gibt aber keine Gemeinsamkeiten mit der norditalienischen Stadt.

Wer die gigantischen Supermärkte, Autohäuser und Möbellager am Ortseingang hinter sich gelassen hat, landet in Restaurants, die "Strandklause", "Dorfkrug" oder "Wulfener Hof" heißen. Gewiss ist so ein Mittelmeerurlaub nicht nach jedermanns Geschmack. Trotzdem geraten viele Freizeitkapitäne bei Empuriabrava ins Schwärmen, weil sie direkt von der Wohnung aufs Wasser gehen können. Und gerade darin liegt das Erfolgsgeheimnis der Costa Brava: Dass hier jede Zielgruppe nach ihrer Fasson selig werden kann - ob in Empuriabrava, Lloret oder Cadaqués.


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