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Sommer in Europa Ciao, geliebter Süden? Was der Klimawandel für unseren Urlaub bedeutet

18. August 2021, Südfrankreich: Touristen beobachten, wie Rauch den Himmel verdunkelt, der von Waldbränden ausgeht
18. August 2021: Touristen beobachten vom Straßenrand aus, wie dichter Rauch den Himmel verdunkelt, der von wieder entfachten Waldbränden nördlich von Grimaud im südfranzösischen Departement Var ausgeht
© Nicolas Tucat / AFP / DPA
Hitze und Dürre plagen Europa. Griechenland, Italien und Spanien sind nicht nur besonders betroffen, sie sind auch beliebte Urlaubsregionen. Welchen Einfluss hat der Klimawandel auf unsere Urlaubsplanung? Ein paar Veränderungen sind bereits erkennbar. 

Dürrenotstand in Norditalien. Die Loire ausgetrocknet. Waldbrände an der Costa Brava, bei Bordeaux und auf Lesbos. Hitzerekorde. Dieser Sommer zeichnet neue Schreckensbilder. Gleichzeitig produziert er Urlaubsbilder, wie wir sie kennen und gerne teilen – vom Meer, vom Strand, von der Lieblingspasta in der hübschen Osteria. Die Menschen zieht es raus und weg.  Nach zwei Jahren Pandemie ist die Reisesehnsucht groß – trotz Inflation oder vielleicht auch gerade deshalb. Noch einmal genießen, so lange es noch geht. 

Griechenland erwartet ein Rekordjahr mit noch mehr Touristen als vor der Pandemie. Beim Internetportal Airbnb sind Italien, Frankreich, Spanien und Kroatien die beliebtesten Reiseländer der Deutschen in diesem Sommer. Der geliebte Süden bleibt beliebt. Trotzdem sind in diesem Jahr gewisse Veränderungen erkennbar. Der Klimawandel macht auch vor dem Urlaub nicht Halt.   

Spanien im Frühjahr statt im Sommer

Bei Airbnb heißt es auf Anfrage: "Die nordeuropäischen Länder Schweden und Norwegen verzeichnen bemerkenswerte Wachstumsraten in den Suchen auf der Plattform nach Aufenthalten im Sommer 2022 im Vergleich zum gleichen Zeitraum im letzten Jahr. Sie erfreuen sich unter Deutschen zunehmend großer Beliebtheit." Norwegen hat eine Wachstumsrate von 500 Prozent, Schweden 170 Prozent, Irland beinahe 700 Prozent und das Vereinigte Königreich 600 Prozent. 

Veränderungen beobachtet Airbnb auch bei den Reisezeiträumen. Das Vereinigte Königreich buchen Reisende aus Deutschland im Vergleich zum gleichen Zeitraum vor drei Jahren zunehmend häufiger für Aufenthalte mitten in den Sommermonaten, während sie Spanien zunehmend lieber im Frühjahr als im Sommer besuchen, sagt eine Pressesprecherin des Portals. 

Ein Paar geht im Frühjahr am Strand von Playa de Palma auf Mallorca spazieren
Frühjahr auf Mallorca: Ein Paar geht an der Playa de Palma spazieren

Diese Flexibilität haben jedoch nicht alle. Beim Online-Marktplatz Traum-Ferienwohnungen heißt es, ein signifikanter Trend lasse ich bisher nicht erkennen. Ein Grund dürfte gerade für Familien mit Kindern die Ausrichtung entsprechend der Schulferien sein. 

Urlaub in Amsterdam statt in Rom

Eine neue Erfahrung machte in diesem Sommer die Luxusreiseagentur In the Know Experiences. Die "New York Times" zitiert Senior-Vizepräsidentin Karen Magee, die von kurzfristigen Planänderungen der Kunden berichtet. Sie hätten solche Anfragen ab Mitte Juli erreicht, als Europa eine Hitzewelle erlebte. "Das war neu", sagt Magee. Kunden wollten plötzlich statt nach Rom lieber in eine Stadt, die näher am Meer liegt. Oder gleich nach Amsterdam, wie es Dolev Azaria von Azaria Travel, einer weiteren Luxusreiseagentur, der Zeitung sagt. Auch Kopenhagen sei im Zuge solcher Planänderungen gefallen. 

Touristen am Trevi-Brunnen in Rom im Juni 2022
Touristen am Trevi-Brunnen in Rom im Juni 2022
© Andrew Medichini / AP / DPA

"Sogar die 50 Grad-Marke ist schon in greifbare Nähe gerückt"

Ob Luxusreisende oder Wildcamper – der Klimawandel betrifft uns alle. Und dieser Sommer ist ein Vorgeschmack auf die kommenden. "Die Ergebnisse für die nächsten zehn Jahre zeigen: Es wird durchgehend wärmer in Europa", sagt Peter Bissolli vom Referat Regionale Klimaüberwachung beim Deutschen Wetterdienst. Im Süden werde es vor allem in der Türkei, in Griechenland und auf dem Balkan noch heißer.

Am Mittelmeer, insbesondere in den vier beliebten Urlaubsländern Spanien,  Italien, Griechenland und Türkei müssten wir uns darauf einstellen, dass Temperaturen über 40 Grad und auch über 45 Grad schon in den kommenden zehn Jahren häufiger vorkommen werden als bisher. Und sogar die 50 Grad-Marke sei schon in greifbare Nähe gerückt.

Für Europa lasse sich festhalten, dass es sich im Osten mehr erwärmen wird als im Westen. In den Westen kommen mehr Tiefdruckgebiete rein und der Nordatlantik könne einen kühlenden Effekt haben. Wenn sich der Kontinent erwärmt, insbesondere Russland, dann werde das auch Osteuropa zu spüren bekommen. "Das Nord-Südgefälle, das wir lange in Europa hatten, wird sich immer weiter angleichen und die Temperaturen werden ähnlicher werden." Ganz Europa wird wärmer werden. Auch England hat in diesem Jahr eine beispiellose Hitzewelle erlebt. Die Hitze hatte sogar ein Rollfeld auf dem Londoner Flughafen Luton beschädigt. Flüge fielen aus oder mussten umgeleitet werden. 

London August 2022: Ein Mann sonnt sich auf vertrocknetem Gras im fast leeren Greenwich Park
London August 2022: Ein Mann sonnt sich auf vertrocknetem Gras im fast leeren Greenwich Park
© Dominic Lipinski / PA Wire / DPA

Die Hitze ist das eine, Trockenheit das andere. Mit Blick auf den Niederschlag sagt Bissolli, dass die Sommer in Süd- und Mitteleuropa trockener werden und die Winter in Mittel- und Nordeuropa nasser. "Das heißt natürlich nicht, dass wir nicht auch Starkregenphänomene und Katastrophen haben werden in Zukunft, auch wenn die Sommer trockener werden, wie im vergangenen Jahr im Ahrtal." 

Wetter und Klimawandel in die Planung einbeziehen 

Der Süden wird seinen Reiz kaum verlieren. Der große Andrang in diesem Sommer zeigt einmal mehr, wie beliebt Reisen nach Griechenland, Spanien, Italien und Portugal sind. Verständlicherweise – das Meer, der Duft von Hibiskus und Zitrone, die Landschaften, das Essen, die Menschen und Sprachen und nicht zuletzt die Erinnerungen. "Nostal­gie ist eine starke Kraft", zitiert das "Süddeutsche Zeitung Magazin" Peter Hoffmann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Reiseentscheidungen würden oft noch auf Kindheitserinnerungen basieren. 

Aber womöglich wählt, wer kann, künftig eher den Mai für den Urlaub in Spanien statt den Juli. Wasserknappheit in bestimmten Regionen könnte Urlaubsentscheidungen ebenfalls beeinflussen. Rebecca Carter vom World Resources Institute, einem Think Tank in Washington, beschäftigt sich mit Klimaanpassung. Im Gespräch mit der "New York Times" sagt sie: "Auf die lange Liste mit Faktoren, die wir alle durchgehen, wenn wir entscheiden, wohin wir gehen, wann und ob, sollten das Wetter und der Klimawandel Teil der Rechnung sein." 

Quellen: "New York Times", "Süddeutsche Zeitung Magazin", "Deutsche Welle", n-tv

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