VG-Wort Pixel

Costa Brava in Katalonien Wo Spaniens Küste noch wild ist

Klippen am Camí de Ronda
Wander-Bühne auf dem Camí de Ronda: Das Meer umarmt die Landzunge Agulla de Castell
© Hardy Müller/Geo Saison
Sollten Sie beim Wort Costa Brava kurz gezuckt haben, dann werden Sie gleich staunen: über einsame Buchten, Wanderwege direkt an der Küste und stille Dörfer im Hinterland.
Von Philip Wesselhöft

Ernie und Bert sitzen in der Sonne, an ein Stück Treibholz gelehnt. Auch Daffy Duck, Tweety und ein paar andere Plüschgestalten haben sich in diese versteckte Bucht verirrt. Sie sind die Einzigen, die in der Mittagshitze blasser werden. Und die Einzigen, die etwas anhaben.

Wir anderen liegen nackt im Sand der Cala Estreta an der Costa Brava. Eine Gruppe Hipster aus Barcelona, die Männer mit Waldschratbärten, die Frauen mit großen Sonnenbrillen. Daneben döst ein Paar, umgeben von Sandspielzeug. Zwei kleine Mädchen planschen im seichten Wasser – dem Singsang nach eine Familie aus dem Schwäbischen. Etwas weiter entfernt hocken ein paar Althippies mit grauen Zöpfen um ihren Häuptling herum, der eine Panflöte mit zum Strand gebracht hat.

Das Wasser leuchtet türkisblau wie in einem Malediven-Prospekt, die Wellen brechen in Gischtfontänen an Riffs. Zwei halbmondförmige Sandbuchten umgarnen hohe Felsen, auf denen Pinien wachsen. Es duftet nach Salz und Meer und Harz und Holz. Vorgelagerte Felsen schützen an einem Ende vor den Wellen, weshalb das Meer an der Badestelle so ruhig ist, dass ich auch ohne Taucherbrille bunte Fische durchs Wasser flitzen sehe. Mein Schnorchelset liegt im Mietwagen, ein großer Fehler. Denn die Costa Brava gilt mit ihren sauberen Felsküsten als eines der schönsten Schnorchelreviere des Mittelmeers.

Ein Bootsschuppen dient als eine Art Volksküche

Pedro, einer der bärtigen Großstädter, steht am Herd und bereitet Nudelsuppe für seine Barcelona-Sippe zu. Die Stadt ist rund eineinhalb Stunden mit dem Auto entfernt. Diesen Strand hier aber kennen die wenigsten, sagt er. Er hat ihn vor Jahren zufällig auf einer Wanderung entdeckt. Jetzt kommt er fast jedes Wochenende her, „weg von all den Junggesellenabschieden“ in seiner Heimatstadt. Was es mit Ernie und Bert auf sich habe? „Die waren schon immer hier“, sagt Pedro. Er selbst habe Daffy Duck beigesteuert. „Der Strand ist für alle da“, ruft er über die Schulter, während er den heißen Topf zurück zu seinen Freunden balanciert.

In dieses Idyll geriet ich eher zufällig. Ein Tag am Strand war nicht geplant, dafür Wandern entlang des Mittelmeersaums Kataloniens. Denn das bedeutet Costa Brava: wilde Küste. Was erst einmal erstaunlich klingt. Denn in dem Abschnitt, der nördlich von Barcelona beginnt und sich 200 Kilometer bis zur französischen Grenze hinzieht, lässt sich keine ungezähmte Natur vermuten. Lloret de Mar, mit seinen Hotelhochhäusern eine Art Downtown Los Angeles am Mittelmeer, prägt seit Jahrzehnten das Image als Massentourismus-Ziel mit Halligalli-Stränden und Paëlla-Buffets – ein Erbe der Franco-Zeit, als der Diktator in den Fünfzigern eine Bettenburg nach der anderen hochziehen ließ.

Geheimtipp Girona

Und dennoch: Sowohl an der Küste als auch im Hinterland verbergen sich wunderbarste Überraschungen. Unweit der Feriensiedlungen liegen mittelalterliche Städte wie Pals oder Begur mit ihren steinernen Gassen, in denen man sofort einen Ritterfilm drehen könnte. Relikte aus jenen Zeiten, da sich die Spanier gegen Eroberer aus Arabien, gegen Napoleon und immer auch Piraten schützen mussten und hohe Mauern um Klöster, Kirchen und Städte zogen.

Auch die Provinzhauptstadt Girona ist mit ihrer sehenswerten Altstadt und dem verwinkelten jüdischen Viertel weit mehr als nur ein Billigflughafen in der Nähe von Barcelona. Am Abend allerdings wird es in der Regel laut, wenn die vielen Bars die Happy Hour ausrufen.

Besalú in Katalonien mit Brücke und Turm
Denkmalgeschützt wie die komplette mittelalterliche Altstadt ist die Brücke von Besalú im Hinterland. Auf dem Turm ist die Estelada gehisst, die Flagge für ein unabhängiges Katalonien.
© Hardy Müller/Geo Saison

Auf dem Camí de Ronda

An der gesamten Küste entlang verläuft ein 200 Kilometer langer Fernwanderweg. Auf dem Camí de Ronda unterwegs nach Norden, habe ich für meine Tageswanderung Barcelona und Lloret de Mar hinter mir gelassen und starte am Strand von Castell, als gerade die ersten Autos mit Großfamilien aus Barcelona eintrudeln. Die Strandbuden sind noch geschlossen.

Über hölzerne Stege und kleine Brücken führt mich der Weg, dann wieder entlang an gelb leuchtenden Sandstränden, Trampelpfade schlängeln sich durch Pinienwälder. Kaum einmal begegnet mir ein anderer Wanderer. Ich klettere über eine hohe Klippe, genieße die Ruhe. Unten gurgelt das Meer in versteckten Grotten.

Camí de Ronda an der Küste Kataloniens
Naturkino auf dem Camí de Ronda: Die Cala Estreta ist eine der hübschesten Begleiterscheinungen des 200 Kilometer langen Küstenfernwanderwegs zwischen Blanes und der französischen Grenze.
© Hardy Müller/Geo Saison

Dann gelange ich an den Strand mit Ernie und Bert. Hinter einem ins Wasser ragenden Felsen entdecke ich eine Sandbank. Irgendjemand hat sonnengebleichtes Treibholz zu einem skurrilen Kunstwerk aufgeschichtet. Das Meer rauscht heran und wieder fort, ein Soundtrack der Muße, im Wind flattern katalanische Gesprächsfetzen und die Töne der Panflöte.

Die Küste, scheint mir, ist wie ihre Bewohner. Rau und ein wenig unzugänglich, aber liebenswert. Katalonien, das ist jene teilautonome Region heimatverbundener Spanier, die am liebsten ihren eigenen Staat hätten, unabhängig von Regierung und König in Madrid. Je weiter man nach Norden kommt, dorthin, wo im spanisch-französischen Grenzgebiet die Pyrenäen ins Mittelmeer abfallen, desto mehr rot-weiß-gestreifte Unabhängigkeitsflaggen wehen in den Fenstern der Häuser. Und desto wilder trumpft das Küstenpanorama auf.

Den vollständigen Text über die Costa Brava mit ausführlichem Serviceteil finden Sie im Heft Juni/2016 von "Geo Saison". Ab sofort am Kiosk für 6 Euro.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker