Sprachreisen: Spanien Die große Oper


Mehr als drei Millionen Menschen, Tausende von Bars und Bodegas, dazu Kultur satt: Wer zum Spanischlernen nach Madrid fährt, hat viel um die Ohren.
Von Inga Olfen

Barbara Franz hat sich hübsch gemacht. Das türkise Rohseide-Kostüm angezogen, die knapp schulterlangen Haare sorgfältig frisiert, dezenten Lippenstift aufgetragen. Um fünf Uhr nachmittags hat sie sich so vor das Teatro Real gestellt, das Opernhaus von Madrid, in der Hand ein kleines Pappschild mit der Aufschrift "Busco una entrada" - "Suche eine Karte". Aus der U-Bahn-Station und den umliegenden Straßen strömen Menschen dem Eingang zu, die 66-Jährige lächelt sie alle fragend an, manche schütteln bedauernd den Kopf.

Aber zehn Minuten vor Beginn der Vorstellung kommt ein Mann, leicht außer Atem, zwei Tickets in der Hand, eines will er verkaufen. Eine kleine Meute Wartender stürzt auf ihn zu, und Barbara Franz fasst sich ein Herz. "Bitte, jetzt bin ich endlich einmal in Madrid", ruft sie auf Spanisch, mit kräftigem deutschem Akzent. Und tatsächlich: Der nette Herr wendet sich ihr zu, sie bekommt das Ticket zum Originalpreis von 48 Euro und begleitet den Unbekannten in Verdis "Maskenball". In der Pause bietet der spanische Mediziner der Deutschen sogar eine kleine Opernführung, plaudert mit ihr über Arien und Architektur. Hinterher ist Barbara Franz geschafft und glücklich: Genauso hatte sie es sich vorgestellt.

Der Sprung ins echte Leben

Die pensionierte Berufsschullehrerin aus dem niedersächsischen Goslar ist nicht zum ersten Mal in Spanien, ein- oder zweimal im Jahr verbringt sie einen Urlaub hier, war schon auf Gomera und in Andalusien und fand es immer schade, dass sie sich mit kaum jemandem unterhalten konnte. Dabei sind Sprachen eigentlich ihr Hobby. Englisch und Französisch spricht sie gut. Vor zwei Jahren hat sie sich schließlich an der Volkshochschule eingeschrieben, sich eine spanische Gesprächspartnerin gesucht, die ersten Schwimmübungen in der neuen Sprache absolviert. Jetzt geht es weiter: zwei Wochen Sprachschule plus dem Sprung ins echte Leben. Gucken, ob sie sich über Wasser halten kann. Die Opernkarte - sie war ihr persönliches Seepferdchen.

Madrid ist ein Klassiker für Sprachschüler, auch weil die Stadt so viel zu bieten hat. Barbara Franz war beim weltberühmten Nationalen Tanz-Ensemble im Zarzuela-Theater, bei einer Flamenco-Vorführung und einem Kochkurs. Natürlich hat sie die aktuelle Rembrandt-Ausstellung im Prado gesehen. Zweimal hat sie das Museum Thyssen-Bornemisza besucht und fasziniert vor Werken von Rubens, Kandinsky und Feininger gestanden, von Franz Marc, Max Beckmann und Edward Hopper. Und zwischendurch die Originale der Gegenwart kennengelernt: die alten Damen zum Beispiel, mit klapperndem Goldschmuck behangen, die am Nachmittag in den Bars ihre Merienda nehmen - den Snack, der das Warten auf das späte Abendessen verkürzt. Über ihren Köpfen lärmt eine Daily Soap im Fernseher, in der Ecke dudelt ein Glücksspielautomat, der Barkeeper erregt sich über die letzte Niederlage von Real: Tontos! - Idioten! Madrid ist laut und lebendig. Hier hat jeder was zu sagen. Und jeder neue Gast ist willkommen.

"El Chico" heißt die winzige Bar im Erdgeschoss eines alten Adelshauses in der calle Marqués de Cuba nahe der Banco de España. Wer hier einmal einen Café con leche bestellt, wird am nächsten Morgen bereits mit einem wiedererkennenden Nicken und einem knappen "¿Con leche?" begrüßt. Und schon steigt man auf vom Zuschauer zum Statisten auf der Bühne Madrid. Über der Bar liegt der Ort, an dem Sprachschwimmerin Franz ihre Trockenübungen absolviert: die "Tandem-Sprachschule", eines von elf Lehrinstituten in Madrid, die das renommierte Cervantes-Institut Ausländern empfiehlt.

Verschiedenste Anlässe

Jeden Morgen um kurz vor halb zehn steigt Barbara Franz die geschwungene alte Holztreppe hinauf in den ersten Stock. Am Empfang sitzt Nina, eine blonde Hamburgerin, deren spanisches R sicherer rollt als ein deutscher ICE und die zuständig ist für die Anmeldung und Betreuung der Studenten. Jeder wird von ihr freundlich begrüßt. Italiener, Amerikaner, Engländer, Australier, Dänen sind zurzeit hier und einige Deutsche. Die sind traditionell gut vertreten, in dieser Schule und in den Kursen landesweit. Mit 28 Prozent stellten sie vergangenes Jahr die mit Abstand größte Gruppe der rund 240.000 Sprachreisenden in Spanien.

Die deutschen Tandem-Studenten kommen aus den unterschiedlichsten Gegenden und Gründen: Lasse, 18, aus Bremerhaven bessert in den Herbstferien sein Schulspanisch auf. Torsten, 35, Banker aus Frankfurt, überbrückt die Zeit zwischen zwei Jobs. Christian, 30, hat die Liebe von Augsburg auf die Iberische Halbinsel verschlagen. Er hat seinen sicheren Job gekündigt und will hier beruflich neu beginnen. Und so übt er mit einem Stift zwischen den Zähnen die perfekte Aussprache und mit der Kreide in der Hand grammatikalische Feinheiten an der Tafel. Harte Arbeit. Aber schließlich ist später noch reichlich Gelegenheit zur lockeren Konversation, den Barmännern, alten Damen und Zeitungsverkäufern sei Dank.

Und oft auch den Gastgebern. Nur jeder fünfte Sprachstudent wohnt während des Kurses im Hotel, rund 30 Prozent - meist die jüngeren - teilen sich eine WG mit Spaniern. Der Rest entscheidet sich für die Unterbringung in einer Familie. "Das heißt aber in den seltensten Fällen Mutter, Vater, Kind und Hund. Ganz oft sind es ältere, alleinstehende Damen der oberen Mittelklasse, die sich ein bisschen Geld dazuverdienen", sagt Begoña Llovet, Leiterin der Tandem-Schule. Wer Kontakt sucht, darf auf interessante Gesprächspartner hoffen und kann sein Alltagsspanisch trainieren. Wer lieber seiner eigenen Wege geht, wird nicht mit unerwünschten Freizeitofferten behelligt.

"Gehobenes Anfängerniveau"

Gastgeber von Barbara Franz ist ein älteres Ehepaar, das sie bei ihrem strammen Programm allerdings kaum sieht. Wenn sie abends spät in die Wohnung kommt, will sie rasch ins Bett. Sie ist zufrieden mit der Unterbringung - bis auf das Frühstück: "Ich kann doch nicht jeden Morgen Toast essen! Aber wenn man es so haben will wie zu Hause, soll man eben zu Hause bleiben." Und das liegt ihr nicht.

In ein paar Tagen geht es zurück nach Niedersachsen - drei Wochen später aber schon wieder in den Süden, zum Golfspielen nach Andalusien. Sie hat Handicap 36. "Ich spiele eben genauso Golf, wie ich Spanisch spreche: gehobenes Anfängerniveau", sagt Barbara Franz. Beides will sie verbessern, und wenn sich das verbinden lässt, umso besser. Fürs Spanische heißt das Ziel ganz klar: Freischwimmer.

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