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Städtreise Sevilla: Frühstart in den Frühling

Durchhalten, Aushalten, Dableiben? Sagen Sie Schnee und Schmuddelwetter Adieu und kosten Sie in Sevilla Tapas an der Uferstraße. Denn in Andalusien fängt der Frühling schon im Winter an.

Von Harriet Wolff

"Vendo alegría": Joaquín Liria greift mit seinem Eisportionierer in die Kühltruhe und reicht eine gut gefüllte Waffel herüber. "Ich verkaufe Freude. So schmeckt der Frühling in Sevilla - nach Schokolade und Apfelsinen." Er schmeckt nicht nur so, auch der zarte, feinherbe Duft der Orangenblüten schwebt durch die Straßen. Beim Kaffee auf dem Trottoir ist er besonders stark. Ich schaue nach oben und verstehe: Direkt über mir blüht einer der Bäume, die das Wahrzeichen der Stadt sind.

Auf meinem wackeligen Bistrostuhl recke und strecke ich mich. Wie ein Murmeltier komme ich mir vor, das nach langem Winterschlaf benommen Witterung von den Gerüchen und Geräuschen des Frühlings aufnimmt. Zwei Zitronenfalter segeln vorbei, ein Spatz will meinen Keks klauen, und dann sehe ich einen älteren Herrn, der mit Behagen sein Eis isst. Señor Valdez, so stellt er sich vor, zeigt mir den Weg zur "Heladería Artesana La Fiorentina", dem Eisuniversum des Joaquín Liria.

Doch der, untersetzt, leuchtender Blick, Ex-Architekt und, was in Spanien selten ist, Italienfreund, wehrt mein Lob bescheiden ab. "Ich bin doch gar nicht so wichtig … Die Zutaten haben eine Persönlichkeit, der entspreche ich in der Eismischung." Und die ist, außer bei den Klassikern, von der Region geprägt. "Dolce acre" etwa: Sahne, Olivenöl und Orangenblüten. Oder "Vanille" mit einem Schuss Sherry-Essig. Oder "Pestiño": Milch, Sesam, Honig, Anis und Nelke. Diesen Hauch Andalusien wissen die Stammkunden zu schätzen. Theodoro zum Beispiel, der oft nach der Arbeit mit seiner Tochter Maria auf zwei Becher vorbeischaut. Mehr als 60 hinreißende Sorten bietet Joaquín Liria an und ist damit ein perfekter Vertreter des an Genusserlebnissen so reichen Sevillas.

In den Gärten des Real Alcázar

Dem Frühling nachspüren, der Spur des Rosenwassers folgen, das gerade noch im eisigen Abgang auf der Zunge zerfloss - nirgendwo geht das in Sevilla besser als in den Gärten des Real Alcázar, der von den Arabern im 12. Jahrhundert begonnenen Festung. Vor der Kulisse maurischer Baukunst, die Pedro el Cruel, Peter der Grausame, im 14. Jahrhundert für seine Geliebte hochziehen ließ, blüht alles gleichzeitig: Rosen und Akazien, Glyzinien und Jacaranda. Ich spaziere verschlungene Parkwege entlang, begleitet von einer seltsamen Ente, die anscheinend lieber neben mir herwatschelt, statt auf einem der Teiche und Brünnlein zu schwimmen wie ihre Kolleginnen.

Gesäumt sind die Wege des Real Alcázar von Schwertlilien, Geranien und Wandelröschen, genutzt nur von wenigen Touristen. Vor der Semana Santa, der hochheiligen Osterwoche, ist Sevilla noch ganz bei sich, strahlt eine Gemütlichkeit aus, die nichts zu schaffen hat mit der überhitzten Rummeligkeit der Sommermonate. Die Sevillaner begrüßen den Frühling schon im Februar. Abends treiben unzählige Kanus auf dem grüngrau trägen Wasser des Guadalquivirs. Wenn dann milde die Dämmerung näherrückt, bleiben dem Besucher drei Fragen: Runter ans Wasser und rauf auf die schwimmende Pontonbar bei der mittelalterlichen Torre del Oro? Weiter über die Brücke nach Triana, zum wenig schickimickihaften Kiez von Sevilla? Oder ganz kehrtmachen und wieder hinein in die Altstadt, nochmal die Feinschmecker-Tapas von María und Miguel in "La Taberna" verkosten?

Mittags schon hatte ich Kichererbsen mit Spinat, Eier mit grünem Spargel und das Secreto Ibérico gegessen, das iberische Geheimnis, das auch hier nicht verraten wird. Und am nächsten Morgen will ich auf alle Fälle in der rustikalen Bar "Santa Ana" in Triana frühstücken, geröstetes Weißbrot mit Olivenöl und frisch pürierten Tomaten bestellen, dazu einen café cortado. Dabei werde ich in der Morgensonne den wuseligen Chef beobachten, wie er lautstark Ansagen macht und am Serranoschinken herumschnibbelt. Draußen marschiert dann vielleicht ein Priester in Soutane vorbei, und an der Kirchenmauer stellen sie bestimmt Klapptische in die Sonne. Das Zeichen! Denn dann ist wieder Zeit für eine fruchtige Kugel Frühling.

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