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Stonehenge und Salisbury: Per Doppeldecker ins Heiligtum

Kein Stonehenge ohne Salisbury, kein Salisbury ohne Stonehenge. Fast alle Touristen suchen beide Kultstätten auf, wenn sie Englands Südwesten erkunden. Zusammen mit weiteren Monumenten vereinigen sie sich zu einem spirituellen Themenpark.

Von Stefan Schomann

Mit 123 Metern der höchste Kirchturm Großbritanniens: die Kathedrale von Salisbury

Mit 123 Metern der höchste Kirchturm Großbritanniens: die Kathedrale von Salisbury


Vor dem Stadttor von Salisbury stimmt ein Gitarrist elegische Weisen an. Ein einfacher, namenloser Musikant nur, und doch Mitglied einer ehrwürdigen Gilde, deren Geschichte von den keltischen Barden bis zu John Lennon reicht. Die rechte Einstimmung für eine Zeitreise. Aus dem engen, mittelalterlichen Städtchen tritt man hier hinaus in eine Parklandschaft, in deren Zentrum die berühmte Kathedrale frei und prächtig in den Himmel ragt.

Keine zwanzig Kilometer nördlich liegt, ebenso frei und ebenso spektakulär, eine zweite, noch weit ältere Kultstätte: Stonehenge.

"Monumente der Kunst wie der Unmäßigkeit"

Als der Schriftsteller Samuel Johnson Mitte des 18. Jahrhunderts England für die Engländer entdeckte, wählte er diese benachbarten Heiligtümer als Paradebeispiele der Nationalkultur: "Es sind", erklärte er, "zwei herausragende Monumente der Kunst ebenso wie der Unmäßigkeit. Sie stehen für die Anfänge unserer Architektur und für deren Vollendung."

In einem blutroten Doppeldeckerbus schunkelt man in einer Viertelstunde hinaus auf die leicht hügelige Salisbury Plain. Es geht durch Weideland mit etwas Wald, dann über eine Kuppe – und plötzlich liegt es direkt voraus: Stonehenge! Die weltberühmte Weihestätte, der magische Steinkreis, unerklärliches Symbol und zugleich Symbol fürs Unerklärliche.

Im morgendlichen Raureif: die bis zu fünfzig Tonnen schweren Steine

Im morgendlichen Raureif: die bis zu fünfzig Tonnen schweren Steine


Inmitten des weiten, leeren Graslandes wirkt die Anlage zunächst fast zierlich. Doch sie erscheint groß, sobald man um sie herumgeht und die bis zu fünfzig Tonnen schweren Steinblöcke in ihrer massigen, plastischen, geradezu muskulösen Präsenz bestaunt. Da stehen sie also. Seit vier- oder gar fünftausend Jahren, mitten in England und doch wie von einem anderen Stern. 

Was am meisten daran bewegt, ist nicht die brachiale Wucht der Blöcke, auch nicht die fast klassizistische Geometrie der Anlage, sondern die samten schimmernde Oberfläche der Steine. Die das Licht regelrecht aufsaugen, als würden sie davon durchtränkt. Zu schade, dass man sie nicht berühren, sich ihnen überhaupt nicht weiter nähern darf.

im Schnittpunkt zweier natürlicher Diagonalen

Lerchen trällern, Stare flöten. Im weiten Umkreis lenkt nichts von dieser Stätte ab, kein Haus, keine Masten, keine Schilder. Selbst das Besucherzentrum ist in die Erde versenkt worden. Allerdings führen zwei Fernstraßen daran vorbei. Doch es dürfte kein Zufall sein, dass dieses Weltwunder an einer alten Wegscheide liegt, im Schnittpunkt zweier natürlicher Diagonalen durch Britanniens Süden.

Seit über zweihundert Jahren schon spielen die ungleichen Zwillinge von Salisbury und Stonehenge in Englands nationaler Ikonografie eine tragende Rolle. Der Maler John Constable etwa verewigte die Kathedrale als erhabenes Gotteshaus inmitten einer arkadischen Landschaft mit Regenbogen. William Turner dagegen malte wenig später ein wahres Schreckensbild von Stonehenge: Gewitterwolken über dem sturmgepeitschten Plateau, im Hintergrund der Steinkreis. Schafe liegen leblos am Boden, erschlagen vom Blitz. Auch der Schäfer ist tot; verstört schnürt der Hund um seine Leiche.

Back to the Roots

Hier Zivilisation, dort Mysterium. Hier das Heimelige, dort das Unheimliche. Bis heute fasziniert Stonehenge als heidnischer Gegenpol zur christlichen Leitkultur. Wobei die Relikte uralter Kulte momentan deutlich populärer zu sein scheinen als das allzu vertraute christliche Abendland. Urgeschichte ist in.

Stonehenge und Salisbury: Zwischen Megalithen, Kreuzgang und Kathedrale
Weggabelung zwischen einer Servicestation des 21. Jahrhunderts und der Sehenswürdigkeit aus der Jungsteinzeit

Weggabelung zwischen einer Servicestation des 21. Jahrhunderts und der Sehenswürdigkeit aus der Jungsteinzeit

Matthias Wemhoff, Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte in Berlin, verfolgt diese Renaissance nicht ohne Genugtuung. Sie spiegelt sich in steigenden Besucherzahlen einschlägiger Museen und Ausstellungen wider. Als Hauptursache vermutet er etwas sehr Menschliches: Neugier. "Diese monumentalen Anlagen eröffnen einem auf den ersten Blick, dass man sie eigentlich nicht versteht. Wieso baut jemand etwas so Gewaltiges?" Der Kreis als steingewordenes Fragezeichen, und als herausforderndes Rätsel dazu. "Natürlich will man da dahinterkommen, das muss sich einem doch irgendwie erschließen. Und dann gibt es halt ganz, ganz viele Antworten."

Im Fall von Stonehenge mindestens so viele wie Steine – an die hundert. Immer wieder neue Theorien geistern durch die Medien. Erst kürzlich verblüffte ein britischer Geologe die Fachwelt mit der Erklärung, dass die tonnenschweren "Blausteine" nicht, wie bislang angenommen, von Menschenhand aus den sage und schreibe 240 Kilometer weit entfernten walisischen Bergen herangeschafft worden sind, sondern als Findlinge von eiszeitlichen Gletschern. Eine bestechende Hypothese. Doch andere Forscher dementierten prompt: So weit könnten die Gletscher unmöglich vorgedrungen sein. Statt neuer Antworten erhalten wir nur neue Fragen.

Teil eines kultischen Themenparks

Und doch weiß die Wissenschaft heute mehr über Stonehenge als je zuvor. Sie hat seine Bedeutung wo nicht entschlüsselt, so doch immer fundierter beschrieben, hat immer mehr Puzzlesteine der Erkenntnis zusammengetragen. Im Sommer 2014 kam ihr dabei ein ausgesprochen britisches Medium zu Hilfe: der Rasen. Bei anhaltender Dürre zeichneten sich dort, wo einst weitere Hinkelsteine gestanden hatten, besonders trockene Stellen ab. So konnten die Standorte der fehlenden Steine genau lokalisiert und der Ring im Geiste komplettiert werden. Was freilich im Namen immer schon eingeschrieben war, bedeutet "Stonehenge" doch nichts anderes als Steinkreis.

In letzter Zeit ist insbesondere das Verständnis für das Umfeld gewachsen. Denn das gewaltige Rondell steht nicht isoliert, sondern inmitten einer reich bestückten, metaphysisch aufgeladenen Landschaft – salopp gesagt: eines kultischen Themenparks. Rundum präsentiert sich ein über Jahrtausende gewachsenes Ensemble aus Grabhügeln, Erdwällen, Prozessionsstraßen und Steinpfeilern. Vor zwei Jahren machten Forscher mittels Bodenradar und Laserscannern im weiten Umkreis unsichtbare Strukturen aus: Kultbauten und Grabanlagen, die teilweise noch älter sind als Stonehenge selbst.

Am Anfang der organisierten Religiosität

Während die Megalithbauten im 19. Jahrhundert noch als Inbegriff von Primitivität galten, staunen wir heute darüber, wieviel ihre Erbauer schon damals von der Welt, vom Kosmos und vom Lauf der Zeit wussten. Auch wenn dieses Wissen vermutlich einem kleinen Kreis kundiger Priester und Gelehrter vorbehalten blieb, die durch Freistellung von anderer Arbeit die Möglichkeit hatten, sich diese Kenntnisse anzueignen und sie weiterzugeben. Von Malta bis hinauf nach Schottland schufen archaische Brain-Trusts damals ein umfassendes Weltbild, so fest gefügt und geschlossen, wie es sich im Steinkreis von Stonehenge manifestiert.

Es war der Anfang der organisierten Religiosität. Matthias Wemhoff: "Es ging darum, eine höhere Macht zu beeindrucken. Das war der eigentliche Adressat dieser Bauten."

Pilger im Taubenschlag

Einige Meilen entfernt, hinter dem Bannkreis, der jede Bebauung rund um Stonehenge untersagt, haben Bianca und Tony Hadfield einen alten Taubenschlag in Amesbury gekauft und ihn in eines der besten Bed & Breakfasts weit und breit verwandelt: The Dovecot. Doch sie kamen wegen des romantischen Anwesens und nicht wegen des Weltkulturerbes nebenan, dessen überragende Bedeutung auch für ihr Geschäft sie sich gar nicht klar gemacht hatten. Sie hatten es auch nie zuvor besucht.

Es sei, gesteht Tony abends am lauschigen Kamin, eine jener Sehenswürdigkeiten, an denen man unzählige Male vorbeiführe, ohne aber jemals anzuhalten. In den vergangenen sieben Jahren sind Gäste aus mehr aus fünfzig Ländern bei ihnen abgestiegen. Jeweils zur Sonnenwende finden sich besonders viele ein. Im Winter tragen sie Fleecejacken mit Kapuzen, dazu gefütterte Stiefel. Im Sommer dagegen ist es wie eine große Party. Tausende von Menschen pilgern nach Stonehenge, um zu erleben, wie die Sonne genau zwischen den Steinen aufgeht.

Gelegentlich schauen sogar Engländer vorbei, darunter manch exzentrische Gestalten. Vergangenes Jahr etwa bevölkerte ein Schwarm von goths den Taubenschlag, wörtlich Goten, schwarz gewandete Freaks mit schweren Stiefeln. Sie haben sich tadellos benommen und Stonehenge als eine Art Mekka der Vorzeit bewundert. In diesem Sinne sind eben nicht nur die mittelalterlichen Kathedralen "gotisch", sondern auch die schaurig-schönen Megalithbauten.

Gottesdienst ohne Goten

Am nächsten Morgen wechseln sich Regengüsse und Sonnenschein in rascher Folge ab. Mit dem gleichen blutroten Doppeldeckerbus geht es zurück nach Salisbury. Über die Kuppe, durch Weideland mit etwas Wald – und dann wiederholt sich fast spiegelbildlich der frappierende Anblick: direkt voraus die stolze Kathedrale, allein auf weiter Flur. Als hätten die Baumeister an Stonehenge studiert, wie Fernwirkung zu erzielen sei.

Es ist Sonntag, die Gläubigen strömen zur Messe. Die Orgel brandet auf, die Gemeinde intoniert einen frohgemuten Choral. Wie überall im ländlichen England sind die Kirchen bemerkenswert gut besucht, auch von jungen Leuten. Nur "Goten" finden sich keine darunter, auch keine neuheidnischen Sonnenanbeter. Doch die Mechanismen des Kultischen sind so verschieden nicht. Aus dem Kreis ist ein Kreuz geworden und aus dem Druiden ein Priester. Das Bedürfnis nach Kommunion mit dem Kosmos aber scheint ungebrochen.

Als die Gemeinde schließlich wieder vor die Kirche tritt, hat es zu nieseln aufgehört. Ein Regenbogen prangt über Salisbury, ganz wie auf Constables Gemälden. Drüben am Stadttor spielt auch heute wieder der Barde. Musik aus diesem ewig rätselhaften England mit seinen Monumenten der Kunst wie der Unmäßigkeit.

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