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Szentendre in Ungarn: Ferien auf der Donauinsel: Alles im Fluss

Eigentlich kam die Familie unseres Autors nur auf die Szentendre-Insel, um dem schönen Budapest nahe zu sein. Dann aber verließ sie das große Eiland nicht mehr, wo man überall baden kann.

Von Stephan Draf

Kanutour mit drei Kindern auf dem Strom: Familie Draf paddelt auf der Donau.

Kanutour mit drei Kindern auf dem Strom: Familie Draf paddelt auf der Donau.

Mit vereinten Kräften haben wir den abgeknickten Baumstamm aus dem Unterholz gezerrt: gut vier Meter lang, drei Arme dick, bestens geeignet für unsere Zwecke. Ins Wasser damit und wir, die Kinder und ich, gleich hinterher. Hinein in den Fluss, der erst kalt ist, dann kühl, dann herrlich. Die Strömung ist kräftig, ein Erwachsener wird fitter, wenn er dagegenschwimmt. Wir aber treiben mit dem Stamm den Fluss hinunter, vorbei am dicht bewachsenen Ufer, unter überhängenden Bäumen hindurch.

Fische wagen um uns den Sprung aus ihrem Element. Reiher, auch mal Falken, ziehen über das Wasser. Ab und zu passieren wir ein Kanu, besetzt mit Familien, das Geräusch ihrer Paddel fast laut in dieser Stille. Wir treiben, wir treiben, wir treiben. Nach einem Kilometer landen wir erfrischt an. Und staunen: So hatten wir uns die Donau nicht vorgestellt.

Wir sind auf der Szentendre-Insel, dreieinhalb Kilometer breit und 31 Kilometer lang. Das nördliche Ende liegt ganz im Westen des Donauknies, gut 40 Kilometer von Budapest entfernt. Schon in der Steinzeit besiedelt, dann von den Römern, dann lange eine serbische Enklave, auch Deutsche haben hier mal gelebt. Die Budapester schätzen die Insel als Naherholungsziel, wir hatten noch nie von ihr gehört.

Haustausch mit Inselbewohnern

Als uns über das Internetportal die Anfrage von Balázs und Szilvia erreichte, ob wir für zwei Urlaubswochen unser Hamburger Haus gegen ihres auf der Insel tauschen wollten, sagten wir trotzdem schnell zu. Freunde bestärkten uns: Budapest sei so schön und so nah. Aber wir wussten schnell nicht mehr, was wir in der ungarischen Hauptstadt sollten – den schönsten Ort des Landes hatten wir schon gefunden. Eine Ungarin erzählte uns später: Als der Dalai Lama nach Ungarn kam, bewunderte er die Insel: "Er wollte unbedingt auf die Berge über Szentendre", sagte sie, "für ihn ist dies der …" – nun fehlte ihr das deutsche Wort, also lüftete sie ihr T-Shirt und deutete auf ein Piercing. "Der Nabel der Welt", vervollständigten wir.

Das Dorf Szentendre hat eine pittoreske Altstadt – und gute Lángos, das ungarische  Fast Food.

Das Dorf Szentendre hat eine pittoreske Altstadt – und gute Lángos, das ungarische
Fast Food.

Genau genommen hatte der Dalai Lama vom "Herzchakra" gesprochen. Wir erfreuen uns an der Mischung aus endlosen Alleen und Maisfeldern, sanfter Auenlandschaft und dschungeligen Uferwäldern, dazwischen wie hingetupft kleine Dörfer, das Ganze umschlungen von zwei Donauarmen – und waren sofort verzaubert.

Wir: meine Frau Andrea und ich, beide um die 50. Die Kinder: Liam, 18, Abiturient auf seinem vorläufig letzten Familienurlaub. Unsere Tochter Zoë, 14 Jahre alt, Gelegenheitsreiterin. Wir haben ihr hier jene Reitstunden versprochen, die uns zu Hause meist zu teuer sind. Schließlich Leander, zehn Jahre, immer auf der Suche nach dem nächsten Fußballplatz. Die Kinder haben Glück: Während wir hier sind, fallen die Temperaturen selten unter 30 Grad. Was bedeutet, dass wir die Touren durch die pittoresken Altstädte der Dörfer Szentendre und Vác hitzebedingt auf einen Tag beschränken – zur Freude der Kinder, die Besichtigungen grundsätzlich unnötig finden.

Paddeln zwischen Schwarzstörchen

Nach Szentendre kriegen wir sie nur, weil es hier die besten Lángos gibt, das liebste Fast Food der Ungarn: ein perfekt zubereitetes Siedegebäck, mit Sauerrahm, Käse oder Räucherspeck belegt. Auch Budapest bekommt nur eine Stippvisite ab: Während wir Eltern von den Bauten schwärmen, dem Parlament, der Stephans- Basilika, werden sich die Kinder an die Rolltreppen der U-Bahn erinnern. Sie sind derartig steil, dass alle drei gleichzeitig "wie in der Achterbahn" kreischen und gleich noch einmal fahren.

Ansonsten leben wir am, im und mit dem Fluss. Baden überall. Der Pegel der Donau sinkt in der Hitze von Tag zu Tag, der Fluss gibt Dutzende blank gewaschene Kieselstrände frei, sie füllen sich mit ungarischen Familien, viele Kinder haben Deutsch in der Schule und probieren es an unseren Sprösslingen aus. Die Eltern freuen sich, dass uns die Insel so gut gefällt. Und empfehlen uns – unbedingt – eine Kanutour.

Einige Tage später paddeln wir also in zwei Booten 20 Kilometer die Donau hinauf. Eine Tour, die es physisch in sich hat. Aber uns reich belohnt: Wir finden schmale Nebenarme, laufen dort zwar mehrmals fluchend auf Grund, sehen aber zum ersten Mal in unserem Leben Schwarzstörche. Lassen uns an der imposanten, 800 Jahre alten Burg von Visegrád vorbeitreiben – was Zoë mit "Dann müssen wir da auch nicht mehr hochsteigen" kommentiert. Und finden den perfekten Rastplatz: eine große Sandbank mitten im etwa 600 Meter breiten Fluss. "Robinson Crusoe", denken wir Eltern. "Pirate Island!", kräht Leander und beginnt, aus Treibgut ein Floß zu basteln – "falls wir hier mal wegwollen".

Freiheit, die man atmen kann

"Ich verlasse die Insel nicht mehr", sagt Szilárd Zerinváry. Er ist riesengroß und trägt einen imposanten Rauschebart, ein Rübezahl von einem Mann: Zoës Reitlehrer. Auf Szilárds Grundstück leben nicht nur 13 Pferde, sondern auch etliche Ziegen, ungarische Wollschweine, Hühner, Kaninchen, Kühe und Kälber, Brieftauben, Hütehunde und eine stramm organisierte Gänseschar. Ein Kindertraum. 

Tochter Zoë verbringt lieber Zeit mit Reitlehrer Szilárd und seinen Pferden

Tochter Zoë verbringt lieber Zeit mit Reitlehrer Szilárd und seinen Pferden

Der Herr des Ganzen, 57, kam vor 20 Jahren auf die Insel und bringt seitdem Kindern ordentliches Reiten bei. Unsere Tochter liebt den Mann vom ersten Moment an. Szilárd spricht astreines Reitlehrer-Deutsch – "Meehr Zügel bittä, Zoë!" – und erzählt, wie ihm die Insel nach dem frühen Tod seiner Frau vor 15 Jahren bei der Genesung half: "Sie ist wie ein wunderschöner Garten, der jeden Tag anders aussieht." Es gebe wenig Zäune, man atme hier Freiheit, dazu – "bittäsähr" – fällt ihm eine Geschichte ein: Ein Freund wurde von der Polizei in einem Auto erwischt, dessen Zulassung lange abgelaufen war. Aber, aber, beschwichtigte der Mann die Beamten, er habe die Insel ja gar nicht verlassen. Habe dies auch nicht vor. Die Beamten zeigten sich einsichtig. Und Szilárd bekräftigt noch einmal: "Ich gehe hier nicht mehr weg."

Auch wir tun uns schwer damit. Am Ende eines Urlaubs, in dem familieneigene Streitigkeiten immer seltener wurden und die Smartphones immer öfter ausgeschaltet blieben, freuen sich die Kinder viel weniger als sonst auf zu Hause. Ich schnappe mir am letzten Abend die Angelrute unseres Gastgebers und stelle mich ans Donauufer. Ziehe eine Stunde lang den blinkenden Spinner durchs Wasser. Jede Menge Fischeplatschen, aber kein Biss. Auch gut, denke ich. Macht nichts, Fluss. Hast uns genug gegeben.

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