Tag 6, Balestrand Des Kaisers Sommerfrische


Schon Kaiser Wilhelm II. zog es im Urlaub nach Norwegen. Seine Majestät verbrachte die Sommerzeit gerne am Sognefjord. Dort verströmt das Örtchen Balestrand noch heute den Charme der Belle Epoque.

Wenn die "Hohenzollern" in den Sognefjord einfuhr, begleiteten Bauern und Händler die kaiserliche Yacht jubelnd am Ufer. 25 Jahre lang - bis zum Sommer 1914 - war Kaiser Wilhelm II. jeden Sommer Gast in den norwegischen Fjorden. Seine Majestät setzte damit einen Reisetrend. Nach Italien und deutschen Heilbädern entwickelte sich Norwegen zum Lieblingsreiseziel des europäischen Hochadels. Besonders angetan waren die Herrschaften vom kleinen Örtchen Balestrand, der mit repräsentativen Holzvillen noch heute den Charme der Belle Epoque verströmt.

Nicht die "Hohenzollern", sondern eine moderne Autofähre bringt mich auf dem Weg nach Balestrand vom Südufer des Fjords in Vangsnes ins nordwestliche Dragsvik. Umgeben von alpengleichen Bergen und bei strahlendem Sonnenschein - Kaiserwetter eben - fahre ich in den Fjord ein. Die Schönheit des längsten und tiefsten Fjords der Welt ist überwältigend und versetzt versetzt mich in Erstaunen und Ehrfurcht. So oder so ähnlich muss sich auch Kaiser Wilhelm II. gefühlt haben, wenn er den Sognefjord entlang geschippert ist. Breit wie ein Meer bahnt sich das Wasser seinen Weg durch steil abfallende Ufer ins Landesinnere. Und dort, wo der Fjord sich in mehrere Nebenarme aufzugliedern beginnt und schneebedeckte Berge ringsherum in der Sonne glitzern, taucht Balestrand auf. Die 800-Seelen-Gemeinde wäre eigentlich ein Örtchen wie jedes andere in den fruchtbaren Armen der Fjordregion auch, wäre es nicht Ende des 19. Jahrhunderts von Deutschen und Engländern als Ferienort entdeckt worden. Die gut betuchte Klientel ließ sich alsbald in prachtvollen Villen nieder, die im Schweizer Stil erbaut wurden. Mit ihren schmucken Veranden, den verspielten Türmchen und den prachtvollen Schnitzereien an den Giebeln erinnern sie noch heute an die Belle Epoque des Örtchens.

Eindrucksvollster Zeuge dieser Zeit ist aber das Kvikne's Hotel. Ein 1877 errichtetes Holzhotel, das sich damit rühmt, Kaiser Wilhelm II. beherbergt zu haben. In Wahrheit wird es wohl nicht mehr als eine Stippvisite gewesen sein. Seine Majestät pflegte stets zur Nachtruhe auf die "Hohenzollern" zurückzukehren. Er nutzte die Hotels nur als gesellschaftliche Treffpunkte. Das Kvikne's verdankt dem deutschen Kaiser allerdings eine historische Kuriosität. Auf einem schlichten Stuhl im Gesellschaftszimmer ist auf der Unterseite eine Inschrift zu finden: "Am Nachmittag des 25. Juli zwischen 5 und 5.30 Uhr verabschiedete sich Kaiser Wilhelm. Um 6 Uhr fuhr er mit der 'Hohenzollern' weg, als er hörte, dass der Krieg zwischen Österreich und Serbien ausgebrochen sei." Somit hat Kaiser Wilhelm II. vom Beginn des ersten Weltkrieges in seinem Feriendomizil erfahren - auf diesem Stuhl sitzend.Noch heute ist das Kvikne's eines der größten und schönsten Holzhotels des Landes, wenn gleich seine Rückseite durch einen hässlichen Betonanbau verschandelt wurde. Von vorne ist es mit seiner 80 Meter langen Fassade, den vielen Veranden und üppigen Dekorationen ein Paradebeispiel für den so genannten Schweizer Stil. Wer genug Zeit mitbringt, sollte sich eine Übernachtung nicht entgehen lassen. Für zirka 100 Euro ist eines der schönen Zimmer im alten Teil des Hotels zu haben - Blick auf den Fjord inklusive.

Nur wenige Schritte vom Hotel entfernt kann man sich erneut auf die Spuren des "Reisekaisers" begeben. Wilhelm II. wanderte mit Vorliebe. Ein Kulturlehrpfad lädt heute quer durch den Ort zu einem Spaziergang ein: vorbei am Standbild von König Bele, das Wilhelm II. errichten ließ, der St.-Olaf-Kirche und prachtvollen Villen bis hinauf zum Lieblingsplatz des deutschen Kaisers. Auf dem Rückweg sollte man unbedingt einen kurzen Stopp in der St-Olaf-Kirche einlegen. Das spätromantische Gotteshaus erinnert mit seiner Bauweise an die alten Stabkirchen, ist aber wesentlich jünger. Das Bauprinzip ist einfach: Stellt man das Gebäude gedanklich auf den Kopf, so erkennt man darin den Rumpf eines Schiffes. Ich lasse den Nachmittag auf der Veranda des Kvikne's ausklingen. Wahrscheinlich saß auch Kaiser Wilhelm II. hier einst, schlürfte seinen Drink und genoss den einzigartigen Blick auf den mächtigen Fjord.

Jens Maier

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