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Interview

ARD-Sechsteiler: "Das war ein Skandal ohnegleichen": Sönke Wortmann über "Charité"

Am Dienstag startet die zweite Staffel der Serie "Charité" in der ARD. 2017 sprach der stern mit Sönke Wortmann, dem Regisseur der ersten Staffel, über lästige Zeitzeugen und seine beste berufliche Entscheidung.

Sönke Wortmann über "Charité"

In dem ARD-Sechsteiler "Charité" führte Sönke Wortmann erstmals Regie bei einer Serie

Herr Wortmann, Sie führen Regie bei "Charité", einer Arztserie, die in der Kaiserzeit spielt. Was waren Ihre ersten Gedanken, als Sie von dem Thema gehört haben?
Ich finde den Titel schon sehr vorteilhaft. Die Charité kennen auch Nicht-Berliner. Als ich das Drehbuch gelesen habe war mir schnell klar: Da haben lauter Leute gearbeitet, nach denen heute Straßen und Krankenhäuser benannt sind. Dann habe ich mich eingelesen und fand nicht nur den medizingeschichtlichen Aspekt interessant, sondern überhaupt die ganze Epoche: das Wilhelminische Zeitalter. Es ist sehr spannend, was geschichtlich und sozialpolitisch in dieser Zeit alles passiert ist. Das erzählen wir in dieser Serie.

Die Serie spielt im Dreikaiserjahr 1888. Auf Wilhelm I. folgte dessen Sohn Friedrich III., in den viele Liberale ihre Hoffnungen setzten. Doch er starb nach nur 99 Tagen.
Da kann einem ganz anders werden, wenn man das konsequent zu Ende denkt: Wenn Friedrich III. etwas länger gelebt hätte, wäre die deutsche Geschichte vielleicht anders gelaufen. Denn er war ganz anders als Wilhelm II., der uns in den Ersten Weltkrieg geführt hat, ohne den es den Zweiten Weltkrieg nicht gäbe. Man weiß nicht, wo es dann geknallt hätte und wie, aber es wäre sicher anders gekommen.

"Charité" geht über eine reine Arztserie hinaus und liefert ein Zeitpanorama über das Leben in der Kaiserzeit. Wie haben Sie vermieden, dass sich der Zuschauer angesichts der Fülle an Themen nicht wie in einem historischen Seminar fühlt?
Ich habe mir von Anfang an auf die Fahnen geschrieben, ein Publikum zu unterhalten. Dabei ist es egal, ob Kino oder Fernsehen. Dann kommt hinzu, dass die Dinge zum großen Teil wirklich passiert sind. Was auf den ersten Blick schwer glaubhaft ist: Der verheiratete Mediziner Robert Koch hat sich tatsächlich in eine 17-jährige Schauspielerin verliebt. Die haben auch geheiratet und waren ein Leben lang glücklich. Das war zu der Zeit ein Skandal ohnegleichen. Robert Koch war damals nach dem Kaiser der bekannteste Mann im Reich. Insofern hat uns die Wirklichkeit in die Karten gespielt. Wir mussten nur sammeln und gewichten.

Ist es schwerer zu filmen, wenn es sich um historische Stoffe handelt?
Ich sehe schon gerne, wenn ein Film auf einer wahren Geschichte basiert. Ich glaube, dass das vielen auch so geht. Der Vorteil bei diesem historischen Stoff ist, dass es keine Zeitzeugen gibt. Wir haben mit "Das Wunder von Bern" einen Film gedreht, der 1954 spielt. Da gab es Anrufe, dass es ovale Scheiben beim VW-Käfer erst 1956 gab. Wer den Fehler findet, darf ihn behalten. Bei "Charité" hatten wir immer Fachberatung am Set. Die medizinischen Eingriffe haben wir so gezeigt, wie sie damals waren.

Sie sind als Produzent an einem zweiten Projekt beteiligt, das in dieser Woche startet: "Lommbock" kommt in die Kinos, die Fortsetzung des Kultfilms "Lammbock" von 2001. Warum hat es so lange gedauert?
Ich bin kein Freund von Sequels. Unser Ansatz war eben nicht: Weil der erste Film erfolgreich war, schieben wir schnell den nächsten hinterher und verdienen viel Geld. Ich hätte mir gerne zehn Jahre Zeit gelassen. Jetzt sind es 16 geworden. Das liegt daran, dass der Autor und Regisseur Christian Zübert besonders akkurat ist. Der ist unverbiegbar. Weil das für ihn so ein wichtiger Film war, hat er lange Zeit Hemmungen gehabt, sich ans Drehbuch zu setzen.

Was können wir von "Lommbock" erwarten?
Es ist natürlich auch ein Film über Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz. Der neue Film hat allerdings auch eine ganz andere Dimension. Es geht um Männerfreundschaft und das Älterwerden. Das ist für mich ein entscheidender Punkt: Wie wird man älter und wie kriegt man das in Würde hin?

War es schwer, Moritz Bleibtreu und Lucas Gregorowicz für die Fortsetzung zu gewinnen?
Überhaupt nicht. Sie haben zu denen gehört, die Christian Zübert zu einem weiteren Film gedrängt haben. Weil sie beide zusammen so gut funktionieren und sich bei den Dreharbeiten auch befreundet haben. Die wollten es mehr als alle anderen.

"Lammbock" war vor 16 Jahren ihr erster Film als Produzent. Warum haben Sie damals die Seiten gewechselt?
Ich hatte ursprünglich vor, einen zweiten Teil von "Kleine Haie" zu machen. Mir wurde als Autor Christian Zübert empfohlen, und das Drehbuch von "Lammbock" lag als Leseprobe bei. Davon war ich sofort begeistert. Und eine meiner besten beruflichen Entscheidungen war, den Stoff nicht an mich zu reißen, sondern diesen talentierten Autor zu überreden, selber Regie zu führen. Der Film ist so authentisch, unverdorben und frisch - das hätte ich so nicht hinbekommen.

Und "Kleine Haie 2"?

Da ist dann nichts draus geworden.

Werden Sie das Vorhaben irgendwann noch mal aufgreifen?
Nein. Es ist jetzt auch zu spät. Das ist 25 Jahre her. Das finde ich zu lange. Immerhin hat das Projekt den Anstoß zu "Lammbock" gegeben und jetzt 16 Jahre später "Lommbock" - ich bin nicht unzufrieden, wie das alles gelaufen ist.

Sie waren durch Ihre ersten Filme "Allein unter Frauen", "Kleine Haie" und "Der bewegte Mann" früher vor allem als Regisseur von Komödien bekannt. Wie ist es ihnen gelungen, der Genrefalle zu entkomme?
Mir war schon klar, dass ich in einer Schublade steckte. Ich fand das aber eine schöne Schublade. Ich habe mich aber schon immer für andere Genres interessiert und mit "Das Wunder von Bern" 2003 einen ganz anderen Film gemacht. Ab da war ich in keinem Genre gefangen. Das ist ein Stück Freiheit. Ich probiere gerne Dinge aus - jetzt zum ersten Mal eine Serie.

Sie haben nun zwei Projekte am Start: Bei einem haben Sie Regie geführt, beim anderen waren Sie Produzent. An welchem hängt Ihr Herz mehr?
Der Regisseur trägt die Gesamtverantwortung. Der Produzent engagiert den Regisseur, und der engagiert seine künstlerischen Mitarbeiter. Das habe ich bei "Charité" auch gemacht. Die Serie lebt von Ausstattung, Kostümbild, Maske und Kamera, da habe ich mir tolle Leute geholt und eine gemeinsame künstlerische Vision entwickelt. Das Herz hängt deshalb mehr am Ergebnis meiner Regiearbeit. Weil das auch wesentlich anstrengender ist. Wir haben drei Monate gedreht, lange vorbereitet und lange geschnitten. Wenn man einen guten Regisseur hat, ist die Aufgabe eines Produzenten dagegen ganz leicht. 

Die zweite Staffel der Serie "Charité" startet am Dienstag, 19.2.., um 20.15 Uhr mit einer Doppelfolge in der ARD. Weitere Folgen jeweils Dienstags um 20.15 Uhr.