Teneriffa Das Tor zur Hölle im Himmel


300 Jahre nach dem letzten großen Ausbruch schlummert der Vulkan Teide vor sich hin, Touristen kommen in Scharen. Doch die Ruhe könnte trügen: ein Ausbruch ist Experten zufolge "statistisch überfällig".
Von Peter Linden

Wer durch das Tor zur Hölle spähen will, benötigt eine Erlaubnis des Umweltministeriums. Eine Kopie des Personalausweises verlangen die Statthalter des Teufels in Santa Cruz, ein gelbes Formular gilt es auszufüllen, und am Ende der Prozedur im Büro der Nationalparkverwaltung muss sich der Besucher auf exakt zwei Stunden eines bestimmten Tages festlegen, während derer ihm der gestrenge Türsteher Einlass gewähren wird. Wer zu spät kommt, darf sich gerne den weiten, blauen Himmel über Teneriffa ansehen. Aber nicht die Hölle.

Ich stehe also unter Zeitdruck, als ich an diesem Wintermorgen mitten im Schwarz der Lava losmarschiere. Ein paar geparkte Autos markieren den Einstieg in die gut vierstündige Wanderung durch den unwirtlichsten Teil der Kanareninsel. Kaum ein Pflänzlein, das sich hier halten könnte, jeder Tropfen Regen versickert sofort im porösen Untergrund. Den Rest erledigt der Wind, der hier, oberhalb der 2000-Meter-Linie, unerbittlich und kalt bläst. Manchmal fällt Schnee, dann kann der Aufstieg zur Hölle eisig und gefährlich glatt werden. Denn das Tor zur Hölle liegt oben, ganz oben auf 3718 Metern. Es ist, so will es die Sage, der Gipfelkrater des Teide.

Formvollendeter Kegel

"Echeyde", Hölle, so nannten die Urbewohner den Vulkan, der sich mächtig und abweisend mitten in ihrem Inselreich im Atlantik erhob. Ein formvollendeter Kegel, der das Leben, das er spendete, gierig wieder verschlang. 500.000 Jahre vor der ersten Besiedelung durch die "Guanchen" hatten gewaltige Explosionen samt noch gewaltigerer Eruptionen die Lücke zwischen mehreren kleinen Inseln geschlossen und begonnen, jene 2034 Quadratkilometer Landmasse zu formen, die heute Teneriffa heißt. Doch auch in der Neuzeit brach der "Echeyde" immer wieder aus, begrub Dörfer und Terrassenfelder. Kein Guanche, der es gewagt hätte, den Weg zum Gipfelkrater zu gehen, denn dort lebte "Guayota", der Feuerkoyote, ein Unwesen, das jeden verschlang, der sich ihm näherte.

7300 Besucher pro Jahr sind erlaubt

An diesem blauen, windstillen Morgen schweigt "Guayota", so wie er immer geschwiegen hat, seit sich die Menschen mit gelben Formularen seinem Krater nähern, nie mehr als 200 pro Tag, maximal 7300 pro Jahr. Mein "permiso", das ich oben dem Türsteher der Nationalparkverwaltung vorlegen muss, trägt die Nummer 7152 und einen blauen Stempel des "Director Conservador". Doch vor dem offiziellen Teil des Tages liegt der sportliche, 13 Kilometer und knapp 1500 Höhenmeter Lava, Tuffstein, Basalt. Eine Umgebung, die mit jedem Schritt bunter wird, die Lava glänzt silbrig-schwarz oder rötlich-braun, der Tuffstein rot, gelb und weiß, der Basalt grau oder golden. Und wenn es doch ein Pflänzlein geschafft hat, hier zu überleben, dann gleißt es in schreiendem Grün.

Die erste Etappe, ein Fahrweg aus Lavastein und Asche, hilft, sich an die Höhenluft zu gewöhnen. Die meisten Wanderer kommen früh morgens aus ihren Hotels an der Küste. In nur einer Stunde schießen sie 2000 Höhenmeter nach oben. Und so kommt es vor, dass der Kopf schmerzt und einer kehrt macht an der "Montaña Blanca", dem weißen Berg, der wie ein Balkon aus der Südflanke des Teide ragt. Hier verwandelt sich der Fahrweg in einen schmalen Steig, und mit einem Mal geht es schweißtreibend fast senkrecht in die Höhe. Bis zum "Refugio de Altavista", einer Berghütte auf 3260 Metern Höhe, werden nun fast alle Stimmen verstummen. Lauter bunte Pünktchen sind auszumachen in den endlosen Serpentinen, nur ich bin gut getarnt in meiner Jacke, schwarz wie die Lava.

Lava verbrannte eine ganze Stadt

In diesen pechschwarzen Zonen ist am ehesten zu spüren, was der Vulkan anrichten kann. 1909 ist er bisher zum letzten Mal ausgebrochen - "Nasenloch des Teide" haben die Bewohner die Stelle genannt, aus der damals die rotschwarze Glut quoll. An der zerklüfteten Steilküste brach vor exakt 300 Jahren, am 5. Mai 1706, der Teide aus und zerstörte eine blühende Kleinstadt: Garachico. 40 Tage lang, bis zum Tag des heiligen Antonius, wie gläubige Chronisten notierten, spuckte der Berg Lava, am Ende waren Klöster, Kirchen, Wohnhäuser und Hafen verbrannt oder zugedeckt. Nie mehr erlangte Garachico seine einstige Bedeutung, doch die Menschen liebten den Ort und erbauten ihn neu, malerischer denn je. Am Ufer haben sie Schwimmbecken in die Lava geschlagen, wie ein Provisorium wirken diese Becken, wie ein kleines bisschen Ordnung im Chaos der ungebändigten Natur.

Ein paar Esel kommen entgegen, Lastesel, auf deren Rücken Speisen, Getränke und Baumaterial für die Berghütte transportiert werden. Während die Esel flink und gewandt absteigen, werden die Pünktchen in der Lava immer langsamer. Auch geübte Bergsteiger spüren auf 3000 Metern, dass der Sauerstoff in der Luft knapp wird, doch häufige Pausen finden eine wunderbare Entschuldigung im Rundblick durch den Urkrater mit seinen 17 Kilometern Durchmesser. Der Urkrater, die "Caldera" ist noch viel älter als der Teide - Geologen sprechen von Jahrmillionen. Plötzlich verrät vielstimmiges Murmeln die nahe Hütte, ein schlichtes Steinhaus mit einer schlichten, steinernen Terrasse. Keine Alpenvereinsgemütlichkeit, aber Betten für alle, die schon am Abend aufsteigen, um den Sonnenaufgang am Gipfel zu erleben.

Seilbahn bringt Touristen auf 3500 Meter

Die nächsten 300 Höhenmeter sind die letzten, die den Bergsteigern allein gehören. Noch einmal windet sich der Pfad durch eine schwarze Geröllwüste, noch einmal schrumpfen wir Wanderer zu kleinen Punkten im Nichts, bis plötzlich, auf 3500 Metern, der Sandalenterror über uns hereinbricht. Denn auch das gibt es am Teide: eine Seilbahn, die Tagesausflügler bis knapp unter den Gipfel katapultiert. Sie tragen Shorts, dünne T-Shirts, einige haben an Stelle von Jacken Strandhandtücher übergeworfen. Doch vor allem an den Füßen zeigt sich der Mangel an Respekt vor dem "Echeyde" und seinem Feuerkoyoten: Sogar Flipflops werden auf rauem, messerscharfem Gestein erprobt. Manche wagen sogar tollkühn den Abstieg in Richtung Berghütte, und keiner, der sie aufhalten könnte. Denn der Türsteher, er wacht hier oben, knapp neben der Seilbahn, über den Eingang zu den allerletzten 163 Höhenmetern.

Warum er das tut? Vielleicht haben sie ja wirklich Angst, der Teide könnte noch einmal ausbrechen, wie 2004 von mehreren Wissenschaftlern angekündigt. Sogar die Vulkanologen der örtlichen Universität von La Laguna trugen damals zur Verunsicherung bei, die Menschen kauften Supermärkte leer, manche schliefen im Freien, um nur rechtzeitig davon zu kommen. Inzwischen kommen die Ausbruchsprognosen allerdings eher aus dem Ausland. Joachim Gottsmann, Forscher der Universität Bristol, schrieb vor wenigen Monaten in einer Fachzeitschrift, ein Ausbruch sei "statistisch überfällig".

Flipflops scheitern am letzten Aufstieg

Die einzige Statistik, die den gestrengen Herrn am Eingang zum Gipfelpfad zu interessieren scheint, ist indes die offizielle Besucherzahl und die Seriennummer des "permiso" aus Santa Cruz. Brav lege ich meinen gelben Zettel und meinen Personalausweis vor, auch die Uhrzeit stimmt: ich bin wie genehmigt zwischen 15 und 17 Uhr eingetroffen. Wer jetzt keinen gelben Zettel vorweisen kann, hat keine Chance, all die Shorts, T-Shirts, Badehandtücher und Flipflops scheitern an einem eisig-strengen Blick. Wir anderen erleben dagegen, wie mühsam 163 Höhenmeter sein können. Ein bisschen fühle ich mich wie die Everest-Helden aus dem Fernsehen, eingemummt, keuchend, sorgfältig Fuß vor Fuß setzend. Fast entgeht mir, wie die Schwärze plötzlich giftigem Gelb weicht, die Nase muss meine Augen darauf hinweisen: Schwefel.

Und dann das Tor zur Hölle. Ein enttäuschend kleines Kraterchen, nicht tief, kein rotes Gebrodel, kein unergründlich tiefer See. Nur ein paar Rauchfähnchen und Schwefelgeruch. Wenn das die Hölle sein soll, dann ist sie tröstlich harmlos. Der Himmel aber! Ein Horizont, weiter, blauer denn je. All die Inseln der Kanaren, auch sie blau im leichten Dunst. Und der Ozean, so blau, so blau. Ich könnte mich betrinken an diesem Ausblick, da fällt mir der Türsteher wieder ein. "Eine Stunde maximal", hat er befohlen, dann müsse ich mich bei ihm zurückmelden. Und das "permiso 7152" wird endgültig zu den Akten gelegt.


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