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Türkei: Auf dem Lykischen Pfad

Die meisten Urlauber kommen in die Türkei, um sich an den Stränden von Antalya, Alanya und Bodrum zu bräunen. Kaum einer kennt den Lykischen Pfad im Hinterland. Hier sind nicht Bettenburgen, sondern Natur und Kultur all-inclusive.

Von Andreas Srenk

So wie die 84-jährige Britin June Haimoff unter dem Schildkröten-Denkmal im türkischen Dalyan posiert, könnte man sie für eine exzentrische alte Dame von der Insel halten. Doch der energische Blick der blauen Augen verrät noch mehr: Eine sehr persönliche Beziehung zu den Panzertieren. Vor 23 Jahren kam die damals verwöhnte Dame mit einem Boot an der Südküste der Türkei an. Sie war des Jetset-Lebens in Gstaad und Nizza überdrüssig und suchte nach ihrem Sinn des Lebens. Sie fand ihn bei den vom Aussterben bedrohten Caretta-Meeresschildkröten. Die scheuen Tiere kommen seit Urzeiten zur Eiablage an den Strand des Ortes. Ausgerechnet hier wollten deutsche Investoren Mitte der 80er Jahre ein großes Hotel-Projekt hochziehen. "Das hätte den Bestand der Tiere gefährdet", sagt June Haimoff. Sie organisierte daraufhin den Widerstand, der von Politikern bis zu Greenpeace reichte.

Der Protest gab ihr Recht: Das Hotel wurde nicht gebaut, die 170 Nester geschützt und das Denkmal errichtet. Diese Hartnäckigkeit muss türkische Regierungsstellen wohl so beeindruckt haben, dass sie heute mit derselben Unbarmherzigkeit andere einzigartige Schätze der Türkei verteidigen.

Das Land am Bosporus - obwohl islamisch geprägt - gilt als Wiege der abendländischen Kultur. Von Troja bis Ephesos - überall locken die antiken Ausgrabungs-Stätten. Doch noch viel mehr an historischen Schätzen schlummert in der Erde. Werden sie ans Tageslicht befördert, sollen sie im Land verbleiben. Wer auch nur eine kleine Münze oder Tonscherbe als Souvenir mit nach Hause nehmen will und erwischt wird, muss mit strengen Strafen rechnen.

Die Menschen verschwanden, die Häuser blieben

Von all dem bekommen die meisten Urlauber nicht viel mit. Sie genießen reichlich Sonne, Strand und Meer an der Südküste zwischen den Touristen-Hochburgen Bodrum, Antalya und Alanya. Gerade abseits des Badeurlaubs bietet die Türkei jedoch enorm viel. Etwa bei einer Wanderung auf dem Lykischen Pfad, der sich über 500 Kilometer von Fethiye bis Antalya schlängelt. Er gilt heute als längster Wanderweg der Türkei. Der staubige Anfang beginnt in einer Geisterstadt: In Kayaköy lebten früher ausschließlich Griechen, die in den 20er Jahren von Kemal Atatürk im Zuge der Umsiedlungspolitik nach Griechenland verschickt wurden. Die Menschen verschwanden, die Häuser, Straßen und Plätze blieben.

Frisch gestärkt kann auch die erste steile Etappe des Lykischen Pfades uns Wanderern nichts anhaben. Den schmalen Weg säumen immergrüne Macchia-Sträucher. Die harten Pflanzen kommen mit wenig Wasser aus und können auch bei 45 Grad gut überleben. Nur vereinzelte knorrige Korkeichen spenden ein wenig Schatten. Immer wieder geht der Blick auf kleine Badebuchten mit schönen Stränden. Die Luft riecht würzig nach Lorbeer und Lavendel. Der einzige Mensch, der uns begegnet, ist ein Ziegenhirt, der mit seinem Wachhund ein paar Dutzend Tiere hütet. Die lykische Küste zählt immer noch zu den weniger erschlossenen Gebieten auf der touristischen Landkarte.

Eine Autostunde östlich Richtung Antalya liegen direkt an der Küstenstraße die Ruinen des Unesco-Weltkulturerbes Xanthos, einst mächtige Hauptstadt des Lykischen Bundes. Die Bewohner der Stadt, die sich nie ergeben wollte, begingen zweimal kollektiv Selbstmord, nachdem sie ihre Häuser zuvor in Brand gesteckt hatten. Einige Gebäude und Kultstätten wurden freigelegt und zeugen vom Reichtum vergangener Tage: Der Triumphbogen zu Ehren Kaiser Vespasians zählt dazu und auch das Harpyien-Monument. "Wir könnten noch mehr Ausgrabungsstücke präsentieren, sagt der alte Wächter bitter. "Aber die Säulen, Gräber und Altäre wurden im 19. Jahrhundert ins Britische Museum nach London geschafft."

Vier Kilometer weißer Sand

Die Mittagssonne brennt vom Himmel, und der Körper verlangt dringend nach Abkühlung. In Patara wartet einer der längsten und breitesten Strände. Das Bade-Paradies bietet vier Kilometer feinen Sand und ein heute himmelblaues Mittelmeer. Türkische Großfamilien mit Picknick-Körben und Backpacker aus Australien bevölkern den Strand. Selbst wenn der gut besucht ist, findet jeder sein ruhiges Plätzchen.

Auch das glattgebügelte Meer birgt seine historischen Geheimnisse. Und sollte sie vielleicht auch behalten. Vom Hafen in Ücagiz startet das Boot Richtung Kekova. Die Stadt versank nach einem verheerenden Erdbeben um das Jahr 800 in den Meeresfluten. Das klare und nicht sehr tiefe Wasser gibt den Blick auf Amphoren und Tongefäße frei. Unvermittelt ragt eine Treppe aus dem nassen Nichts an die Oberfläche. Umspülte Kaianlagen lassen erahnen, wo sich einst der Hafen befand. Bislang fehlt das Geld für die Ausgrabungen. "Vielleicht würde es die Phantasie mehr anregen", sagt einer der Passagiere nachdenklich, "wenn das Meer nicht alles preisgeben würde."

Wo der Nikolaus geboren wurde

Die Entzauberung und Kommerzialisierung der Geschichte und der religiösen Mythen, man findet sie in vielen Ländern und auch überall in der Türkei. Besonders krass zeigt sie sich in Myra und Umgebung. Ist das Myra oder doch Moskau? Die Geburtsstadt des Heiligen Nikolaus am Rande des Lykischen Pfades ist fest in russischer Hand. "Früher haben wir überwiegend an Deutsche und Briten verkauft. Heute machen wir Geschäfte mit den Russen", sagt ein Textilhändler und verweist stolz auf den kyrillischen Schriftzug über dem Eingang. Die orthodoxe Kirche verehrt Nikolaus ganz besonders. T-Shirts, Heiligenbildchen und Holzschnitzereien gehen deshalb im Minutentakt über die Ladentheke.

Beim Örtchen Cirali wiederum entzaubert die schnöde Naturwissenschaft jedwede mysthische Überhöhung. Am Fuße des Olymps, auf dessen Gipfel laut Legende Zeus einst thronte, entweichen auf einer baumlosen Hangfläche Gase aus schmalen Erdspalten und entzünden sich beim Kontakt mit dem Sauerstoff der Luft. Der Legende nach kämpfte ein Held namens Bellerophontes auf seinem Flügelross Pegasos gegen ein feuerspeiendes Ungeheuer. Als das tödlich getroffen zu Boden fiel, loderten fortan immerwährende Flammen.

Tagungen beim Göttervater

Und selbst dem Göttervater Zeus rückt die moderne Entwicklung bedrohlich nah. Der fast 2.400 Meter hohe Berg, der eigentlich Tahtali Dag heisst und in der Nähe der Stadt Kemer liegt, kann seit wenigen Monaten mit einer modernen Seilbahn befahren werden. Möglich gemacht hat´s der türkische Ingenieur Tahsin Kangeldi. Der ist auf seinen Geschäftssinn und seine Schweizer Technik stolz und macht eine einfache Rechnung in perfektem Deutsch auf: "Wir planen in Kürze ein Hotel für Tagungs- und Kongressgäste. Firmenanfragen aus dem Ausland liegen bereits vor. Außerdem kommen Millionen Touristen an die Südküste. Auch die größten Sonnenanbeter haben nach zwei Wochen bei 36 Grad am Strand mal Lust auf Abkühlung. Jetzt können sie mit unserer Bahn zum Gipfel fahren, was Kühles trinken und runter auf die anderen gucken, die in der Sonne braten." Sagt´s, blickt auf das Thermometer, das angenehme 22 Grad anzeigt und nippt an seinem bunten Schirmchen-Drink.

Zwei Dinge gehen dem Besucher durch den Kopf. Erstens: Was Zeus dazu wohl sagen würde? Und: Gut, dass es auf dem Gipfel keine bedrohten Schildkröten gibt.

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