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Städtereisen Schweiz: Zürichs wilde Seite

Die Schweizer Bankenmetropole gilt als gepflegt, erfolgreich, ordentlich. Doch an manchen Orten bricht das Ungeordnete durch, gerade im Sommer und zur Freude der Menschen.

Von Gunnar Herbst

Flussbad Unterer Letten in Zürich

Kurzurlaub in der Großstadt: Zürich zählt 25 sogenannte Badis. Das Flussbad Unterer Letten, 1909 erbaut, gehört zu den ältesten.

Seine Bilder malt Maurice Maggi mit Wildblumen statt mit Pinsel oder Sprühdose. Der 60-Jährige geht durch die Straßen von Zürich-Wiedikon und sucht nach fruchtbaren Flecken zwischen all den Steinen, um seine Saat zu säen. Er findet sie überall: rund um Bäume, am Bordstein, sogar in feinen Rissen im Fußweg. Dann greift Maggi in eine Tüte, die er immer bei sich trägt, und sät. Die Samenmischung hat er selbst zusammengestellt: 50 Arten einheimischer Pflanzen, darunter Johanniskraut, Ringelblume, Wilde Möhre. „Zürich ist so perfekt“, sagt er. „Die Risse brechen die glatte Oberfläche auf.“

Blumengraffiti nennt Maggi seine Werke. „Für mich ist es eine Art, mich auszudrücken“, sagt er. Maggi ist Guerilla-Gärtner, einer der ersten weltweit, seine Waffen sind Wildblumen. Seit Anfang der 80er Jahre sät der Koch und gelernte Landschaftsgärtner – illegal, um Zürich grüner, wilder, schöner zu machen. Damals verfolgte die Stadt ein rigides Pflegekonzept: Wildblumen galten als Unkraut und wurden entfernt, Zürich sollte gepflegt aussehen. Maggi kämpfte dagegen mit Malven. Zunächst säte er sie auf dem Weg zur Arbeit, dann zog er weitere Kreise.

Maurice Maggi in Zürich

Der Guerilla-Gärtner: Seit Jahrzehnten pflanzt Maurice Maggi in Zürich Wildblumen

Viele Menschen bedankten sich bei der Stadtgärtnerei dafür, ohne zu wissen, wer dahintersteckte. Maggi wirkte lange im Verborgenen, vor allem nachts zog er los, erst 2003 outete er sich.

Manche Betrachter verwirrt seine vergängliche Kunst. Er sagt: „Korrekte Menschen müssen sich hinterfragen, wenn sie Wildblumen sehen, weil sie schön sind und verboten zugleich.“ Auch schaffen sie Lebensraum für Insekten, fördern die Biodiversität, verbessern das Mikroklima. Wo kein Hund das Bein hebt, sammelt Maggi Bärlauch, Brennnesseln oder Sanddorn und nutzt sie als Zutaten für die Küche. Manchmal kocht er mit Freunden, dann tafeln sie neben einer Autobahnauffahrt oder auf einem Fabrikdach.

Win-win für Mensch und Biene

Stationsstrasse, Weststrasse, Kalkbreitestrasse. Maggi geht stetig weiter. Ruhig ist es hier. Früher verlief eine Verkehrsader durch das Viertel, erst der Westring brachte Entlastung. In der Sihlfeldstrasse stehen die Malven hoch um die Bäume. Maggi begutachtet die Blumen, von einigen streift er die Samen ab und steckt sie in seine Tüte. Bald wird er sie wieder säen, sein Kampf geht weiter. „Ich möchte den Menschen Mut machen, sich für mehr Grün in der Stadt einzusetzen“, sagt Maggi. Einige Nachahmer hat er bereits.

Ohne Menschen wie Maggi hätte Anna Hochreutener, 32, einen schweren Job. Die Imkerin und ihr Mann kümmern sich in Zürich um rund 100 Bienenvölker. Heute steht sie auf dem Dach des Gemeinschaftszentrums Riesbach, mit Imkerschleier und Gummihandschuhen, und erntet Honig. Als das Paar vor drei Jahren das Unternehmen „Wabe3“ gründete, hatte es vier Völker auf dem Land. Bereits im Juni mussten sie dazufüttern, weil die Bienen keine Blüten mehr fanden. „Da wussten wir, dass etwas nicht stimmt“, sagt Hochreutener.

Zwei Tonnen Blütenhonig

Seitdem leben ihre Völker auf Zürichs Dächern. „Die Stadt ist für die Bienen ideal“, sagt die Imkerin. Im Sommer blüht es länger als auf dem Land, die Blumenvielfalt ist größer, die Pflanzen sind kaum mit Pestiziden belastet. Auch Zürich profitiert von den Bienen: Indem sie die Blüten bestäuben, verschönern sie die Stadt.

Geerntet wird von Mai bis Ende Juli. Dieses Jahr rechnet Hochreutener mit etwa zwei Tonnen Blütenhonig, den sie im Laden „Honig Kuchen“ und online verkauft. Aber ihr gehe es weniger um das Geschäft, sagt sie. „Mich fasziniert das soziale Verhalten der Bienen. Ohne die anderen könnte das einzelne Tier nicht überleben.“

Subkultur in Altstätten

In Zürich bricht sich die Natur vielerorts Bahn: auf dem Uetliberg oder der Stadionbrache Hardturm, an den Ufern des Zürichsees, der Limmat, der Sihl. Im „Brauergarten“ im Rotlichtviertel wachsen Tomaten, Rote Bete, Rhabarber in Kisten. Wer Obst und Gemüse anbauen möchte, kann sich bei „Veg and the City“ ein Beet mieten.

Die Gegensätze liegen nah beieinander: Während Asphalt und Beton die Stadt am Hauptbahnhof versiegeln, beginnt am nahen Platzspitz-Park der Großstadtdschungel. Alte Bäume, viel Grün. Auf ehemaligen Bahngleisen wuchern die Pflanzen. Wer Abkühlung sucht, springt vom Ufer in die Limmat. Früher war das unüblich, viele Rasenflächen durften nicht betreten werden.

Dann begann die Subkultur, sich Freiräume zu erkämpfen. Sie besetzte Häuser, eröffnete illegale Bars und Kneipen, badete in den Flüssen, später wurden die Gesetze liberalisiert. Doch auch in Zürich lassen Gentrifizierung und Verdichtung die Möglichkeiten für alternative Projekte schrumpfen.

Frau Gerolds Garten

Idealismus und Kommerz: Bei „Frau Gerolds Garten“ wird die Natur zur Kulisse, die Gäste feiern umgeben von Hochbeeten mit Obst und Gemüse

In zwei kleinen Zimmern in Feldmeilen am Zürichsee mischen Ysa Yaheya, 33, und Fabian Brunner, 42, von „Zobo Getränke“ leckere Limonaden aus Bio- und Fairtrade- Zutaten. Sorten wie Hibiskus-Ingwer oder Orange-Lavendel. Die Manufaktur vor den Toren von Zürich beliefert gut 100 Lokale, in der Woche produziert sie 6450 Flaschen. Räume in der Stadt könnten sich die beiden Unternehmer nicht leisten. Dabei waren die Mieten in Zürich-West lange Zeit günstig. In den alten Industriegebäuden hatten Künstler ihre Ateliers, Musiker ihre Probenräume, Kleingewerbe ihre Produktionsstätten. Doch viele Gebäude wurden abgerissen und durch Betonklötze ersetzt. Die Subkultur ist weggezogen, nach Altstätten, weiter draußen.

“Die Leute bluffen mehr als früher“

Tom Rist, 50, ist geblieben. 2004 eröffnete er den „Helsinkiklub“ in einer ehemaligen Garage an der Geroldstrasse, mit Platz für rund 120 Gäste und einer kleinen Bühne für Konzerte, Theater, Kabarett. Vor einigen Jahren wurde die Geroldstrasse zum Politikum, die Stadt wollte ein Kongresszentrum bauen. Heute sind die Pläne vom Tisch.

Die meisten Bands bewerben sich bei Rist mit aufwendigen Aufnahmen oder Videos. „Die Leute bluffen mehr als früher, anstatt frisch von der Leber loszuspielen“, sagt er. „Sie wollen alles perfekt machen. Aber das kannst du nicht.“ Überhaupt sei alles zahmer, glatter geworden. Dennoch erlebe er sie noch immer: jene magischen Abende, an denen die Gäste beseelt nach Hause gehen „und am nächsten Tag etwas machen, was sie sonst nicht gemacht hätten“.



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