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"Aidadiva": Volksfest für eine Diva

Die Taufe des Kreuzfahrtschiffes "Aidadiva" wurde als Riesenspektakel inszeniert, der Hamburger Hafen in ein Lichtermeer getaucht. Ein millionenteurer Aufwand ohne echten Anlass - aber die Hamburger nahmen das Volksfest mitten im April gerne mit.

Von Björn Erichsen

"Ich taufe dich auf den Namen "Aidadiva". Allzeit gute Fahrt und immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel." Taufpatin Maria Galleski hat ihr Sprüchlein gut hinbekommen, ein dumpfes "Klong" zeugt davon, dass die Zeremonie vollzogen ist, die Champagnerflasche den Bug des Kreuzfahrtriesen mit dem Grinsemund getroffen hat. Um Punkt 21.53 Uhr kann Familie Galleski durchatmen. "Sie war ein echtes Nervenbündel heute Nachmittag, hatte Angst, sich beim Taufspruch zu verhaspeln", erzählt Cousin Uwe. Wen wundert es, ob der großen Aufgabe.

Im Vorfeld wurde ordentlich getrommelt

Um die Taufe der "Aidadiva" ist ein Riesenspektakel veranstaltet worden, so als gäbe es wirklich etwas zu feiern. Angeblich hat sich die Reederei "Aida Cruises" die Taufe samt Lasershow und Feuerwerk rund fünf Millionen Euro kosten lassen. Und sich dafür natürlich Hamburg ausgesucht, wo schicke Luxusliner immer sehr willkommen sind. Wie die "Freedom of the Seas" im letzten Jahr, oder natürlich das Lieblingsschiff der Stadt, die "Queen Mary 2", die bei jedem Einlaufen die Massen anzieht. Auf dieser Begeisterungswelle soll nun auch die Diva mitschwimmen.

Im Vorfeld wurde dafür ordentlich getrommelt. Seit vergangenem Mittwoch sind die "Aida Days" mit Schiffsbesichtigung und Pressekonferenzen bereits im vollen Gange. Eine große Hamburger Zeitung, als Medienpartner mit im Boot, berichtete artig und unablässig über das Event. Am Tauftag selbst errichtete der NDR eigens eine Bühne, um live zu übertragen

Auch echte "Aida-Fans" sind da

Mit Erfolg: Auf dem Areal um den Fischmarkt herum ist es gerappelt voll, auf zweieinhalb Kilometern, bis zum Baumwall hinauf, stehen Hunderttausende dicht an dicht. Volksfeststimmung, das Bier strömt aus den Zapfhähnen, der Geruch von Frittiertem liegt in der Luft. Eine Frauengruppe aus Cuxhaven zieht vorbei, feiert einen Junggesellinnenabschied, bei dem die Braut in spe im Häschenkostüm durch die Massen hoppelt. Eine Studentengruppe fordert auf einem Plakat den Erhalt ihres Studienganges: "DWP in Not! Die Aida läuft aus - unser Boot geht unter." Nebenan in der Fischauktionshalle, auf der offiziellen Aida-Party, geht es deutlich ausgelassener zu, mehr als tausend Gäste vergnügen sich bei Currywurst, Schlagern und Prosecco. Viele der Anwesenden gehören zur Reederei, oder sind Mitarbeiter von Reisebüros und wegen guter Verkaufszahlen eingeladen worden. Aber auch echte "Aida-Fans" sind da. Ja, die gibt es tatsächlich.

Diva oder Knut?

So wie Eveline Gerhardt. Die 62-jährige ist per Reisegruppe mit ihrer Familie eigens aus Wuppertal nach Hamburg gekommen. "160 Euro für Anreise, Übernachtung und Eintrittskarte", erzählt sie. "Das konnte ich mir nicht entgehen lassen." Sie schwört auf den Cluburlaub auf hoher See: "Einmal Aida, immer Aida", sagt sie mit der Überzeugung einer dreimaligen Kreuzfahrerin. "Meine Tochter ist da noch verrückter als ich, hat sich schon den Bau des Schiffes in Papenburg und Emden angeschaut. Sie hatte die Wahl: entweder die Diva besuchen oder Knut in Berlin." An der NDR-Bühne versucht man indes das Publikum bei Laune zu halten. Bei gefühlten Null Grad Außentemperatur kein ganz leichtes Unterfangen. "Guten Abend, Hamburg", ruft ein "Anheizer" mehrere Male ins Publikum, sein gegröltes "Olé, Olé" lässt er aber schnell wieder sein, als nur zwei betrunkene St. Pauli-Fans mitmachen. Auf der Bühne reibt sich Talkgast Ole von Beust die eisigen Hände. Neben dem Bürgermeister sind auch Lichtkünstler Gert Hof, ein Kreuzfahrtexperte mit Doktortitel und das Schunkel-Duo "Klaus & Klaus" eingeladen. Roberto Blanco ist auch da, angeblich weil er weit gereist ist.

Fast zehn Minuten lang verstummt die Musik

Um 21.15 Uhr erstrahlt die "Aidadiva" dann erstmals im Lichterglanz, erst in sattem rot, dann in hellem grün. Mit viertelstündiger Verspätung, gleitet der 252 Meter lange Stahlkoloss - flankiert von 30 beleuchteten Barkassen - durch den Hafen, untermalt mit Keyboardklängen von Techno-Komponist Westbam. Als die ersten Raketen den Himmel bunt färben, wird das mit lautem "Ooh" und "Aah" quittiert. Spätestens dann rächt sich das späte Erscheinen, die besten Plätze sind längst vergeben. "Ist sie das Helle da hinten?", fragt eine Frau, die sich auf Zehenspitzen stehend auf die Schultern ihres Partners stützt. Doch was ist das? Die Musik verstummt, das Schiff ist nur noch spärlich erleuchtet, fast zehn Minuten lang. Eine Panne? Oder Teil der Inszenierung? Niemand weiß es so recht, mancher macht sich bereits auf zur S-Bahn. Auf der NDR-Bühne überbrückt man die Wartezeit mit Plauderei. Von Beust bekennt, dass er zuvor noch nie auf einem Kreuzfahrtschiff gewesen sei. Roberto Blanco erzählt, dass er auch mal den Taufpaten für ein Schiff geben sollte, was aber leider nicht klappte, da er die Champagner-Flasche schon vorher ausgetrunken hatte. Ein bisschen Spaß muss auch auf einer Taufe sein.

20 Minuten lang ein atemberaubendes Spektakel

Um 22.00 Uhr dann endlich der Höhepunkt des Abends. Gleich nachdem Taufpatin Galleski ihres Amtes gewaltet hatte, bricht ein wahrer Lichtersturm herein, der Hafen, glüht in immer neuen Farben. Grüne, blaue, dann orangene und rote Punkte tanzen über Häuserzeilen, gewaltige Strahler zeichnen einen bläulich schimmernden Fächer von gewaltigem Ausmaß auf den Hamburger Himmel. Dazu ertönt klassische Musik, Komponist Christian Steinhäuser sitzt an einem "Steinway" auf einem Ponton und wird direkt vor die Docks gezogen. 20 Minuten dauert das pompöse Spektakel, das den Betrachter atemlos zurücklässt.

Den Hamburgern gefiel die Show

Zu dick aufgetragen sei das nicht, meint Hansjörg Kunze, Pressesprecher. Von "Aida Cruises". "Wir wollten den Hamburgern ein besonderes Erlebnis schenken und ein Zeichen setzen, das der Beliebtheit von Kreuzfahrten hierzulande gerecht wird." Bei den nächsten drei Schiffen der modernen Sphinx-Klasse, die die Reederei bis 2007 in Dienst stellen möchte, will man ein derartiges Spektakel nicht wiederholen: "Das wird völlig anders, in jedem Fall nicht noch größer." Den ereignishungrigen Hamburgern hat das Marketing-Spektakel gefallen. Das Volksfest mit Feuerwerk Mitte April hat man gern mitgenommen. Auch ein Pärchen aus dem Harz ist selig, ihr Wochenendtrip nach Hamburg hat sich schon jetzt gelohnt, meinen beide. Sie möchte nun unbedingt eine Kreuzfahrt machen, er hingegen scheint nicht ganz überzeugt, nickt aber lieber. "Zumindest, wenn wir im Lotto gewinnen", fügt sie schnell noch hinzu. Auf derlei Glücksspiel würde sich Eveline Gerhardt in Sachen Aida natürlich nicht verlassen: Sie hat ihr Ticket für die Reise auf der Diva längst in der Tasche, am 25. Mai geht es in Richtung Mittelmeer.

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