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"Queen Mary 2": Königin auf Kurs

Das größte Passagierschiff der Welt, die "Queen Mary 2", wird am 1. August in Hamburg einlaufen. stern-Redakteur Peter Pursche war auf der Jungfernfahrt über den Atlantik dabei und erlebte einen stürmischen Ritt.

Wer nicht an Gott glaubt, kommt 400 Seemeilen südlich von Neufundland doch noch auf Gedanken. Die "Queen Mary 2", das größte jemals gebaute Passagierschiff, überquert, fast noch werftfrisch, im April 2004 zum ersten Mal den Atlantik. Und der zeigt dem jungen Ding zur Begrüßung gleich mal, woher der Wind weht: von vorn und mit Stärke zehn. Zwölf Meter hohe Wellen spielen mit 150.000 Tonnen wie der Killerwal mit der Robbe.

The Queen is not amused. Der Orkan hat auf dem Promenadendeck Panzerglas aus der Verankerung zerschmettert, er hat Paneele von der Wand geschält, Lampen aus der Fassung geschlagen und Deckgestühl über Bord geweht. Auf den Restaurantbüffets kreiert der Orkan neue Salate: Tomaten, Eiswürfel, Krabben, Kekse und Weintrauben kullern umeinander. Viele Passagiere liegen in ihren Kojen, ganz auf den Verbleib der letzten Mahlzeit konzentriert. Wer noch stehen kann, erlebt elementare Physik: Hebt eine Welle den Schiffsbug aus dem Wasser, fühlt man sich drei Zentner schwer, weil die vertikale Beschleunigung mächtig in die Knie drückt. Fällt der Dampfer zurück ins Wellental, ist man leicht wie Kylie Minogue. Nach besonders schweren Brechern schüttelt sich der Koloss wie ein nasser Hund. Die Notfallübung zu Beginn der Reise noch im Hafen von Southampton, die man eher als lustiges Get-together genommen hatte, erscheint plötzlich in einem anderen LichtÉ Wie war das gleich noch mit der Schwimmweste - welche Lasche muss durch welche Öse?

Doch das Schiff trotzt dem tobenden Atlantik. Fast scheint es, als beiße er sich die Zähne an diesem Superdampfer aus. Mit 345 Metern ist das Schiff länger, als der Eiffelturm hoch ist, es misst 72 Meter vom Kiel bis zum Schornstein und kann deshalb viele Häfen auf der Welt gar nicht anlaufen. Auch für den Panama-Kanal und die meisten Docks der Welt ist die "Queen Mary 2" mit 41 Metern zu breit. Vier Dieselmotoren und zwei Gasturbinen erzeugen so viel Strom, wie eine Stadt mit 250.000 Einwohnern verbraucht. Damit werden nicht nur Fahrstühle, Herde, Nachttischlampen und Klimaanlagen betrieben, sondern auch vier Elektromotoren, die in riesigen Gondeln unter Wasser am Heck hängen. Jeder dieser Motoren treibt eine Schiffsschraube an, zwei dieser Antriebseinheiten sind um 360 Grad drehbar und machen das Steuerruder überflüssig. Jede Antriebseinheit wiegt so viel wie ein Jumbo-Jet - mehr als 300 Tonnen.Die "Queen" hat die größte schwimmende Bibliothek an Bord und beherbergt das einzige Planetarium auf den Weltmeeren; der Wellness-Bereich, das Canyon Ranch Spa, erstreckt sich mit Pools, Massagesalons, Saunen und Mucki-Bude auf 1800 Quadratmetern über zwei Decks. Fünf Freiluftpools verteilen sich auf dem Schiff, Deck sieben ist der Trimmpfad für Powerwalker und Jogger.

Die Reederei Cunard - inzwischen gehört sie dem Kreuzfahrt-Weltmarktführer Carnival Cruises - hat für den Riesen 870 Millionen Euro bei der französischen Werft Chantiers de l'Atlantique in St. Nazaire bezahlt. Während der Bauzeit geschah dort ein Unglück, das viele abergläubische Seeleute für ein böses Omen nahmen: 15 Besucher starben, als eine Gangway abstürzte. Reederei und Kapitän sehen das anders: Ihr Schiff fährt mit den höchsten Sicherheitsstandards, und die Passagiere scheinen der Sache auch zu trauen. Die Atlantikpassagen sind für 2004 fast ausgebucht.Die Traditionsreederei Cunard stellte 1840 ihr erstes Schiff in Dienst, den 1135 Bruttoregistertonnen großen, hölzernen Raddampfer "Britannia". Mit neun Knoten tuckerte das Schiff in 14 Tagen über den großen Teich. Passagier Charles Dickens motzte über seine Kabine: "Eine äußerst unpraktische, völlig nutzlose und zutiefst lächerliche Kiste."

Seit jenen Tagen verfrachteten Schiffe Millionen von Emigranten über den Atlantik, Menschen, die in Europa Hunger und Elend hinter sich lassen wollten, um in der Neuen Welt ein besseres Leben zu beginnen. In Norwegen warb Cunard am Ende des 19. Jahrhunderts so um Auswanderer: "Man sollte sich nicht den Unannehmlichkeiten einer Reise mit billigen Schiffen aussetzen. Sehr oft wird man dabei die niedrigsten Gesellschaftsschichten als Reisebegleiter haben, und wer die Unannehmlichkeiten kennt, die sich daraus ergeben, wird solche Gesellschaft meiden."2600 Passagiere sind in Southampton an Bord gegangen, ihr Durchschnittsalter liegt weit jenseits der Pensionsgrenze. Angehörige niedrigster Gesellschaftsschichten wurden dabei nicht gesichtet. 1088 von ihnen sind Briten, 726 sind Amerikaner, 165 kommen aus Deutschland. Sie haben zwischen 1700 Euro für einen Innenkabinenplatz und knapp 60.000 Euro für ein Grand Duplex bezahlt. Wer so viel Geld locker macht, kann die Überfahrt auf 200 Quadratmetern genießen, mit Panoramascheiben, Fitnessecke, Pool, eigenem Aufzug und einem Esszimmer, in dem der Butler vorlegt. Alle Passagiere haben eines gemeinsam: Sie wollen statt sechs Stunden mehr oder weniger Marter in einem Flieger lieber mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 25 Seemeilen und in Würde nach New York reisen. Sechs Tage auf See mit Erholung, Durchatmen, Gemächlichkeit und Genuss. Der Weg ist das Ziel. Und nun funkt der Nordatlantik dazwischen, dass es zum Kotzen ist. Statt zu beruhigen, erzeugt der große, tiefe Teich Angst und wirft existenzielle Fragen auf: Hände falten, glauben, beten? Den da oben um Hilfe bitten? Im Moment ist besser aufgehoben, wer sich an das allerhöchste Wesen an Bord hält. Der da oben, das ist Commodore Ronald Warwick, ein Prototyp von Kapitän mit meerblauen Augen, einem Bart wie aus Nebel gewebt und mit einer Ruhe, die unter Windstärke null liegt. Er trinkt einen Tee, isst einen Keks, trägt die Verantwortung und legt unerschütterlich den Kurs fest. Mehr als 2000 Hände schüttelt er jede Woche beim Captain's Dinner. Ein Fels in der Brandung.

Und - was wirklich vertrauensbildend wirkt - Warwick hat fast seine komplette Verwandtschaft mit auf diese historische Fahrt genommen. Er hat sogar die Urnen mit der Asche seiner verstorbenen Eltern dabei, die er am dritten Tag der Reise nach einem Gottesdienst in der Bordkapelle dem Meer übergibt. Ronald Warwick weiss, welche katastrophalen Folgen seemännische Fehler nach sich ziehen können: Vor drei Jahren ist er gleich hier um die Ecke (bei 41¡46' N, 50¡14' W) mit einem russischen Tauchboot zum Meeresgrund gefahren und hat das Wrack der "Titanic" aus der Nähe angeschaut. Das als unsinkbar gepriesene Schiff war vor 92 Jahren auf der Jungfernfahrt bei ruhiger See bekanntlich mit einem Eisberg zusammengestoßen und liegt seitdem 4000 Meter tief. 1490 Passagiere starben. Bei der Besichtigung des zum Mythos gewordenen Schrotthaufens bekam der Commodore sogar die gut erhaltene, aber auf tragische Weise nutzlos gewordene Badewanne seines Kollegen Kapitän Edward John Smith zu sehen.Die größte Gefahr für Transatlantikpassagiere geht heute nicht mehr von Eisbergen aus, sondern von Eisbomben. Wer es drauf anlegt oder kalorisch wehrlos ist, kann sich auf der sechstägigen Überfahrt im Nu einen nachhaltigen Speckgürtel anfressen. Dafür sorgt eine nie abreißende Nahrungskette. Zu jeder Tages- und Nachtzeit steht irgendwo ein üppiges Büfett, oder eines der Restaurants lädt zum Naschen oder Reinhauen ein. Jeden Nachmittag um vier reichen im Wintergarten Kellner mit weißen Handschuhen Gurken-Sandwiches zum High Tea. Eine Harfenistin sitzt inmitten der künstlichen Palmen und streicht die Saiten, der Passagier kaut und überlegt, ob er heute Abend zum Dinner den schlichten grauen oder den schlichten schwarzen Anzug anzieht.

Zweimal am Abend, beim Early Sitting um 18 Uhr und beim Late Sitting um 20.30 Uhr, füllt sich das 1351 Plätze fassende Britannia-Restaurant bis auf den letzten Stuhl. Der Schiffsarchitekt hat hier ein Wunder vollbracht - auf jedem Platz fühlt sich der Gast fast wie in einem kleinen, intimen Lokal. Zwei geschwungene Treppen, wie geschaffen für einen Auftritt in Abendkleid oder Smoking, verbinden die Etagen, den Aufgang beherrscht ein 6,40 mal 4,15 Meter großer Wandteppich, der die "QM2" im Art-deco-Stil vor der New Yorker Skyline zeigt. Weiß livrierte Kellner nehmen Bestellungen an, decken auf, tragen ab, und wer die Augen ein wenig zukneift, könnte sich einbilden, dass da hinten Kate Winslet und Leonardo DiCaprio die Treppe herunterkommen. Jeder Gast hat seinen festen Platz. Wer will, kann zum Menu à la carte beim deutschen Chefsommelier Olaf Paulat einen 1989er Chateau Pétrus für 2600 Dollar bestellen. 60.000 Flaschen hat er in seinen Kellern, und er wettet, dass für jeden Geschmack einer da ist.So ein Tag an Bord steckt voller Entscheidungen. Nimmt man sein Frühstück im Bett, leger im Kings Court am Büffet oder à la carte im Britannia-Restaurant? Macht man seinen Morgenrundgang auf Deck sieben links- oder rechtsherum? Joggt man gar? Setzt man sich in die Bibliothek und liest auf gemütlichen Sofas in einem der 8000 Bücher? Spielt man Basketball auf Deck zwölf? Oder Golf? Geht man ins Planetarium und lässt sich den Sternenhimmel über dem Atlantik erklären? Hört man sich die Vorlesung eines Oxford-Professors an über "Piraterie als Waffe englischer Diplomatie" oder über "Die Macht der Liebe: Tristan und Isolde"? Oder guckt man aufs Meer und lässt die Gedanken fliegen? Ehrlich: Gibt es etwas Schöneres, als sich auf einen Deckstuhl zu legen und einzumummeln, salzige Luft zu atmen und gen Horizont zu gucken? "Auf einer Transatlantikfahrt gibt es nichts zu tun", heißt ein oft und gern wiederholter Spruch altgedienter Transatlantikpassagiere, "und auch das schafft man nicht."

Queen Mary 2

Baujahr

2002-2003

Baukosten

870 Mio. Euro

Flagge

Großbritannien

Heimathafen

Southampton

Tonnage

151.400 BRT

Länge

345 m

Breite

41 m

Tiefgang

10 m

Geschwindigkeit

30 Knoten (56 km/h)

Passagiere (max.)

2620

Als nach sechs Tagen die Verrazano Bridge aus dem Morgennebel auftaucht und die Bordlautsprecher das mit George Gershwin und einigen Sousa-Märschen dramatisieren, haben viele Reisende einen Kloß im Hals. Die "Queen" wird inzwischen von einem Tross aus Schleppern, Motoryachten und Feuerwehrbooten begleitet, die blaues, rotes und weißes Wasser speien, Hubschrauber mit Fotografen umkreisen das Schiff. Viele Passagiere kramen ihr Handy wieder hervor. Sechs Tage war es zum Schweigen verdonnert, jetzt kann man wieder Kontakt zur Außenwelt aufnehmen: Stell dir vor, ich fahre gerade an der Freiheitsstatue vorbei!Kurz bevor Commodore Warwick das Anlegemanöver einleitet, um an Pier 92 festzumachen, passiert die "Queen" eine Concorde. In einem Schiffs- und Flugzeugmuseum am Hudson liegt der Überschallflieger auf einem Schwimmponton, freigegeben zur Besichtigung für jedermann. Die "Queen" gleitet majestätisch und, ja, fast scheint es, ein wenig arrogant vorbei. Der Überschallknall als Fanfare der Zukunft ist zum Furz der Vergangenheit geworden, jetzt, nach der Wiederentdeckung der Langsamkeit, tutet das Schiffshorn. Trööööt.Das Ende ist ernüchternd. Zwar hält Bürgermeister Bloomberg eine Rede an der Pier, eine Marching Band macht Blasmusik, und die New Yorker winken, aber alles tröstet nicht darüber hinweg, dass der gepamperte Passagier von Bord muss. Als wäre er von einer großen Liebe vor die Tür gesetzt worden, schleicht er über die Gangway an Land. Schließlich steht er am Kai und wirft einen wehmütigen Blick zurück. Und es tut ihm im Herzen weh: Nächste Woche wird die Königin sich mit anderen vergnügen, und die wird sie genauso nach Strich und Faden verwöhnen.

Peter Pursche / print

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