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"Texas Camel Corps": Naturgenuss vom Kamelrücken aus

Ein abgelegener Nationalpark in Texas hat eine neue Attraktion: Ausritte auf Kamelen. Von den schwankenden Wüstenschiffen aus genießen die Reiter das herrliche Panorama der Berge und Canyons.

Der Nationalpark Big Bend im Westen von Texas ist für seine Tierwelt bekannt. In diesem relativ spärlich besuchten, abgelegenen Park tummeln sich seit Jahrhunderten Rehwild und Hasen, Kojoten und Skunks, Füchse, Schwarzbären und sogar scheue Berglöwen. Doch heutzutage kommen auch Tiere zu Besuch, die hier nicht heimisch sind: Braune Wüstenschiffe schaukeln da in langer Reihe über Stock und Stein, über Bergpfade und durch Canyons. Hoch oben auf den geduldigen Kamelen sitzen schwankende Reiter, die wagemutig das atemberaubende Panorama von Big Bend genießen. Es sind "Camel Treks" für echte und zudem sportliche Naturliebhaber.

Eine Gruppe mit dem Namen "Texas Camel Corps" organisiert die Ausritte in den Naturpark Big Bend und in die Sandwüste von Monahans, die ebenfalls in West-Texas liegt. Und Kamele haben in Texas überraschenderweise sogar Geschichte. Im Jahr 1855 nämlich gab der damalige Kriegsminister Jefferson Davis Grünes Licht für ein Experiment, bei dem die Armee Kamele als Tragtiere im Westen des Landes testen wollte. Davis sprach von der "großen amerikanischen Wüste", über die man militärischen Nachschub gen Westen zu bringen habe, und stellte 30.000 Dollar bereit.

"US Army Camel Corps"

Ein gewisser Major H.C. Wayne wurde umgehend in den Nahen Osten entsandt. In Ägypten kaufte der Offizier 33 Kamele, heuerte Treiber an und traf im Mai 1856 nach stürmischer Reise im texanischen Hafen von Indianola ein. Ein Jahr später wurde eine weitere Herde von 41 Tieren eingekauft und erfolgreich in die USA gebracht. Hauptquartier für das neuartige "US Army Camel Corps" wurde der Militärstützpunkt von Camp Verde in Zentral-Texas. Der Stützpunkt wurde in Soldatenkreisen mit dem Spitznamen "Little Egypt" versehen, kleines Ägypten. Camp Verde kann man heute besuchen, es liegt 80 Kilometer nordöstlich von San Antonio und hat ganze 41 Einwohner.

Über einige Jahre hinweg wurden die importierten Wüstenschiffe im Westen der USA getestet, zweihöckerige Kamele aus Asien und auch einhöckerige arabische Kamele. Die Armee unternahm ausgedehnte Reisen bis nach Kalifornien und ließ die Tiere dabei schwere Lasten tragen. Die Kamele bestanden alle Tests hervorragend und erwiesen sich als trittsicher und ausdauernd, genügsam und arbeitsam. Die einfachen Soldaten allerdings liebten die fremden Tiere nicht gerade und lehnten sie zunehmend ab. Außerdem verschreckten die Kamele hin und wieder Maultiere und Pferde mit ungewöhnlichem Geruch, Geräuschen und Bewegungen.

Mischung aus Sightseeing, Geschichtsunterricht und Naturkundeausflug

Die verantwortlichen Offiziere jedoch träumten weiterhin von Tausenden von Transport-Kamelen. Dann kam der blutige Bürgerkrieg zwischen Nord- und Südstaaten und der Kongress strich ganz einfach das Kamelexperiment. Die meisten Kamele wurden bis 1866 versteigert und von Offizieren, Privatleuten und Zoos aufgekauft. Und einige der Tiere sollen ihren Besitzern in West-Texas entkommen und in der Wildnis überlebt haben. In Kalifornien machte sich Hadji Ali, einer der arabischen Kameltreiber, mit ein paar der Tieren als Fuhrunternehmer selbstständig. Doch das Geschäft lief nicht. In der Ortschaft Quarzsite im Bundesstaat Arizona findet man heute ein kleines Steindenkmal, das an Hadji Ali und an das Camel Corps der Armee erinnert.Doug Baum gründete das moderne Texas Camel Corps, nachdem er ausgiebig Erfahrungen in der Sahara und der Wüste Sinai gesammelt hatte. Die Treks bieten Übernachtungen in Berglandschaft oder Wüste und sind eine Mischung aus Sightseeing, Geschichtsunterricht und Naturkundeausflug. Baum erzählt dabei gern vom Orient und vom Kamelexperiment der US-Armee. Und von den wilden Nachfahren der Armeekamele, die noch heute in den Weiten des amerikanischen Südwestens gesichtet werden sollen, aber jedes Mal wie der Spuk in der Ferne verschwinden. Ob sie tatsächlich existieren oder nicht,Kinder jedenfalls glauben die Geschichte gern.

Jörg-Michael Dettmer/DPA / DPA

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