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04.02.2008 - Südgeorgien: Evakuierung aus der Walfängerstation

Auf den Spuren des Polarforschers Sir Ernest Shackleton landet die Crew der stern.de Antarktis-Expedition in einer ehemaligen Walfängerstation auf Südgeorgien. Weit weg von jeglicher Zivilisation - dafür inmitten einer Seebären-Kolonie.

Kurswechsel! Wir erfahren, wie weit wir wirklich von der Zivilisation entfernt sind. Alles begann so idyllisch und geschichtsträchtig in Stromness, einer alten Walfängerstation. Strahlender Sonnenschein taucht die Stationsgebäude in leuchtende Farben und die Geräuschkulisse bilden die heulenden Mutterrufe der Robbenbabys. Stromness ist Brutkolonie des Kerguelen-Seebären und jetzt liegen tausende Babys am Strand und warten auf die Rückkehr ihrer Mütter. Die Weibchen sind einige Tage auf See um zu fressen, kommen dann an den Strand zurück und säugen ihre Babys. Ihre Rufe und der Geruch dienen dabei als Erkennungsmerkmale.

Stromness erinnert uns an die geschichtsträchtigen Pfade, auf denen wir wandeln. In diese Station taumelte Sir Ernest Shackleton im Mai 1916 nach seiner Odyssee über das Südpolarmeer und der Überquerung Südgeorgiens. Diese legendäre Reise wurde 2000 von unserem Expeditionsleiter Henryk Wolski zusammen mit Arved Fuchs auf einem Originalnachbau der James Caird, des sieben Meter langen Rettungsbootes der Endurance, nachgesegelt. Das Schiffswrack liegt ehrfürchtig am Strand, als stummer Zeuge für Shackletons Leistung.

Das Grab des Polarforschers

Am Nachmittag stehen wir an Shackletons Grab auf dem Friedhof von Grytviken, der größten ehemaligen Walfangstation auf Südgeorgien. Kapitän Daniel Felgner hält eine kleine Ansprache zu Ehren Shackletons und würdigt seine Expeditionen. Auch wenn er auf keiner Expedition seine gesteckten Ziele erreichte, so verlor er doch keinen einzigen Mann seiner Besatzung, die ihn respekt- und liebevoll mit "Boss" ansprach. Nachdenklich schlendern wir durch die entblößten Fabrikanlagen von Grytviken, die an eine völlig andere Zeit erinnern. Von 1904 bis zu ihrer Schließung 1964 wurden allein hier mehr als 54.000 Wale geschlachtet, so lange, bis ihre Bestände so dezimiert waren, dass der Walfang nicht mehr wirtschaftlich war. Zum Glück hatte damit der Walfang hier ein Ende! Die Station besaß ein Kino, einen Fußballplatz und die wunderschöne alte Holzkirche aus dem Jahr 1913 hat nichts von ihrem Charme eingebüßt.

Evakuierung eines Notfalls

Am Abend müssen wir unsere Pläne radikal ändern. Wir haben einen medizinischen Notfall an Bord, des Behandlung die Möglichkeiten des Schiffshospitals übersteigen. Entweder wir fahren zurück nach Stanley auf den Falklandinseln, oder aber direkt zur Antarktischen Halbinsel, genauer zur King George Island, da es dort eine Landepiste gibt, so dass wir den Patienten nach Chile ausfliegen können. Nach reiflicher Überlegung entscheidet der Kapitän, dass wir Südgeorgien sofort in Richtung Antarktischer Halbinsel verlassen, da es keinen täglichen Flug von Stanley nach Chile gibt. Wir verlieren zwar zwei Tage auf Südgeorgien, gewinnen dafür aber Tage in der Antarktis, so dass wir einen Abstecher ins Weddellmeer mit seinen riesigen Tafeleisbergen machen können. Sonntagmorgen wollen wir in der Maxwell Bay der King George Island sein. Unsere Tage auf Südgeorgien gehen damit abrupt zu Ende, aber die medizinische Versorgung der Mitstreiter hat oberste Priorität. Liebe Leser, wir brauchen erneut Ihr Daumendrücken, dass das Wetter mitspielt und die Evakuierung gelingt.

Schiff ahoi
Ihr Oliver Krüger & Michael Poliza

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