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Andamanen Wo Elefanten baden gehen


Auf den Anamanen machen sich Völker unsichtbar und Touristen rar. Auf dem Archipel im Indischen Ozean fanden wir Strände ohne Menschen, schwimmende Elefanten, blaue Göttinnen und Natur im Urzustand.
Von Christoph Kucklick

Wir treffen den berühmtesten sichtbaren Bewohner der Andamanen im schrägen Licht des Morgens. Scheu und mit pendelndem Rüssel tritt er aus dem Wald: Rajan, 64 Jahre alt, drei Meter hoch, vier Tonnen schwer und der letzte seiner Art - Indiens einziger Elefant, der schwimmen geht, wenn das Meer nicht zu wild ist. Denn Brandung mag Rajan nicht.

Unschlüssig streift er am Ufer entlang, schon fürchten wir, er dreht wieder ab. Da wendet er sich zum offenen Meer und marschiert mit wedelnden Ohren in die Wogen. Als er eintaucht, flirrt Staub aus den Falten seiner Haut ins türkisfarbene Wasser, vom Rücken lösen sich Lehmplacken - als würde der Riese sich von allem Erdenen befreien.

Dann verliert er den Grund unter den Stempelfüßen und beginnt seine große, wundersame Verwandlung: Denn nicht als König der Tiere geht er baden, sondern als übermütiges Kind. Er strampelt, er torkelt, er rollt durch die Wogen, er macht Rüsselblödsinn und pustet Blasengewitter ins Wasser, und nichts deutet mehr auf Rajans schweren Weg zum Freischwimmer.

Schwimmen lernen unter Schlägen

Alle Elefanten besitzen die Gabe des Schwimmens und verlieren sie aus Angst vor den Wellen. Diese Furcht, erzählt Rajans Mahut, sein Aufpasser, wurde auf den Andamanen traditionell nie respektiert. Auf dem entlegenen Strang aus mehr als 500 Inseln gab es stets zu wenige Boote, um die Tiere zu ihren Arbeitsplätzen in den Wäldern zu bringen - so mussten sie das Schwimmen unter vielen Schlägen erneut erlernen.

Auch Rajan erging es nicht anders. Als vor zwölf Jahren auf den Andamanen der Holzeinschlag verboten wurde, verloren Hunderte der Schwimm-Elefanten ihren Job und wurden in Tempel aufs indische Festland verkauft. Nur Rajan blieb, weil er gerade für einen Kinofilm vor der Kamera stand.

Also rollt und trollt der einsame Schwimmer bis heute durchs Wasser, und mag es auch vergeblich sein, die Mimik eines Elefanten zu enträtseln, erst recht durch eine Taucherbrille, so bin ich sicher, dass Rajan schmunzelt. Über das gischtperlende Wasser, über uns Verrückte, die wir ihn mit Atemgeräten umkreisen, über seine Wandlung vom König zum Kind und vor allem über den Beweis: So leicht kann das Schwere sein.

Ein Traumziel fast ohne Touristen

Seine amphibische Natur macht ihn zum perfekten Emblem der Andamanen und Nikobaren, diesen Inseln zwischen den Subkontinenten und zwischen allen Kategorien: touristisches Traumziel fast ohne Touristen; zu Indien gehörend, geografisch aber deutlich näher an Myanmar und Thailand; offen und herzlich und doch in weiten Teilen abgesperrt: Die Nikobaren sind Militärzone und Reisenden verboten; weitgehend vergessen von der Welt und immer wieder in den Weltnachrichten - wegen der unsichtbaren Bewohner der Inseln, Urvölker, die den Kontakt zur Moderne meiden.

Dabei kommen die Inseln so verführerisch und einfach daher wie zum Beispiel Havelock am Strand Nr. 7, wo Rajan gerade dem Wasser entstiegen ist und Bananen büschelweise verschlingt, während die steigende Sonne den perfektesten aller Strände bescheint: eine kilometerlange, elfenbeinweiße und um diese Zeit noch menschenleere Sichel.

Der schönste Strand Asiens

Das "Time Magazine" hat Nr. 7 zum schönsten Strand Asiens gekürt, trotz seines schnöden Namens. Landvermesser hatten lange vor Besuchern und Poeten die Andamanen erkundet und die Strandschönheiten jeder Insel einfach durchgezählt. Wie nahezu allen andamanischen Stränden sind auch Nr. 7 die Kokospalmen erspart geblieben, die sonst die Tropen mit ihrem Einheitslook überziehen. Palmplantagen haben sich hier nicht gelohnt, so fern der Märkte. Daher schäumt mächtiger, unberührter Wald bis fast ans Meer, erhebt sich als riesenhafte Kulisse wie aus grünen Korallen und macht alles größer, erhabener: den Strand, das Staunen.

Havelock ist das touristische Herz der Andamanen. Wie Goa vor 30 Jahren, heißt es, aber das ist ein Witz. Im Vergleich war Goa damals schon Benidorm. Hinter den populärsten Stränden, Nr. 3 und Nr. 5, verläuft nur eine winzige Straße, die zu schmal ist für zwei Autos. Daran liegen ein paar kleine Hotels und Restaurants. Aber die wenigsten sieht man sofort: Grelle Schilder, wie an solchen Orten üblich, sucht man vergebens. Überhaupt liegt der Charme der Insel in dem, was sie nicht bietet: keine brüllende Musik, keine Full Moon Party, keine Video-Abende, kaum Bars; um neun Uhr abends herrscht Ruhe, und die wenigen Backpacker liegen unter dem Moskitonetz in Hütten für drei Euro.

Ein Land lernt Urlaub

Die Welt in der Zeit vor dem Tourismus - auf den Andamanen kann man sie noch erkunden. Selbst am "Elephant Beach", wo kein Elefant badet, dessen Name aber die Reisenden locken soll. Seit dem Tsunami im Jahr 2004, der große Schäden und viele Opfer gefordert hat, ist der internationale Tourismus weitgehend erloschen. Die indische Regierung subventioniert seither Reisen ihrer Beamten auf die Inseln - die oft noch herausfinden müssen, wie das geht: Ferien machen am Meer. Inder sind schon immer viel gereist, aber meist aus religiösen oder familiären Gründen. Erst jetzt entdeckt die wachsende Mittelschicht den Urlaub als neues Vergnügen.

Vor dem Elephant Beach wurden wir gewarnt, "schlimmster Tourismus" sei das, aber dann stehen dort bloß quietschend ein paar dutzend Familien im Wasser, die meisten mit neonfarbenen Rettungsringen, weil - anders als die Elefanten - kaum ein Mensch hier schwimmen kann. Sie mieten Banana Boats und Sofa Rides für ein paar Minuten, aber vor allem reden sie miteinander: Wie seid ihr hergekommen, wo wohnt ihr, Halb- oder Vollpension, was ist besser?

Ein Land lernt Urlaub, auch in der Hauptstadt Port Blair, beim Seawalk, dem Spaziergang im Meer: Dort drücken 30 Kilo schwere, mit Sauerstoff versorgte Helme die Menschen in eine Unterwasserwelt aus angefütterten Fischen und anmutig arrangierten Korallen. Die meisten tauchen zum ersten Mal in ihrem Leben den Kopf unter Wasser und feiern es wie eine Erweckung: Sie tanzen und lachen, eine Frau weint vor Freude, vor Glück.


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