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Empire State Building: Wahre Schönheit kommt von innen

Es erinnert eher an einen Zweckbau: Das Empire State Building ist wahrlich nicht das schönste Gebäude New Yorks. Trotzdem wird es täglich von tausenden Touristen gestürmt. stern.de-Redakteur Jens Maier hat sich zum 75. Geburtstag des "ESB" auf die Suche nach dessen Geheimnis gemacht.

Der Boden aus dunklem Stein, die Wände in einem schmutzigen Beige gehalten, spärlich beleuchtet von Neonröhren, die an der Decke surren. Die langen Flure im 80. Stock erinnern eher an einen DDR-Plattenbau als an einen Prestige-Bau in der größten Stadt der USA. An den oberen Ecken sind offen Kabel verlegt, die den Trakt offenbar mit Strom versorgen. An den Eingängen zu den Büros klaffen an den Türrahmen dicke Spalten, die Baumängel erkennen lassen. Menschen gehen gelangweilt über die Gänge. Alles sieht nach Büroalltag in einem ganz normalen New Yorker Hochhaus aus, wären da nicht die Massen von Besuchern, die zu Dutzenden in einer Schlange stehen. Den morbiden Charme in den Fluren nehmen sie gar nicht wahr, während sie warten, um mit einem separaten Fahrstuhl in die 86. Etage zu gelangen. Sie alle haben nur ein Ziel: einmal auf der Aussichtsplattform des höchsten und wohl berühmtesten Gebäudes New Yorks zu stehen - dem Empire State Building.

Vor genau 75 Jahren, am 1. Mai 1931, standen die ersten Besucher dort, wo sich seitdem 110 Millionen Schaulustige an der Aussicht auf den Central Park und den Hudson River berauscht. Am Abend des 1. Mai drückte US-Präsident Herbert Hoover im Weißen Haus auf einen Knopf, und in Manhattan leuchtete das Empire State Building zum ersten Mal auf. Die Einweihung nach einer Bauzeit von nur einem Jahr und 45 Tagen war damals eine Meisterleistung der Ingenieurskunst. Schließlich war nie zuvor ein derart hohes Gebäude gebaut worden. Der Auftraggeber, der Spekulant J.J. Raskob, hatte dem Architekten William Lamb 1929 die Frage gestellt: "Wie hoch können Sie so etwas bauen, ohne dass es umfällt?" Lambs Antwort: 320 Meter hoch. Schließlich wurde es einschließlich der Antenne ganze 443,2 Meter hoch und sicherte sich bis zum Bau des World Trade Centers 1972 den Titel als höchstes Gebäude der Welt.

Der Gigant an der Fifth Avenue (zwischen 33. und 34. Straße) ist seit seiner Eröffnung der Höhepunkt des New-York-Aufenthaltes vieler Touristen. Vor allem die Aussichtsplattform auf 320 Meter Höhe zieht die Menschen magisch an. Von dort reicht der Blick bei guter Fernsicht über fünf Bundesstaaten - New York State, New Jersey, Pennsylvania, Connecticut und Massachusetts. Besonders beliebt ist der Turm am Abend, wenn ein Lichtermeer die Stadt von oben wie eine Modelleisenbahnwelt erscheinen lässt. Der Metallmast sowie die beiden höchsten, nach innen versetzten Gebäudeteile des Empire State Buildings werden bei Einbruch der Dunkelheit bis Mitternacht in verschiedenen Farben beleuchtet. Wenn es keinen speziellen Anlass gibt in weiß, an amerikanischen Feiertagen in rot-weiß-blau, rot-grün in der Weihnachtszeit, orange an Halloween, rot am Valentinstag, grün am St. Patrick’s Day, blau-weiß für Yankees-Heimspiele. Es gibt sogar einen monatlichen Beleuchtungsplan, der auf der Internetseite des Gebäudes einsehbar ist (www.esbnyc.com). Und am 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit, erstrahlt der Turm übrigens in den deutschen Nationalfarben schwarz-rot-gold.

Die deutsche Beleuchtung ist auch Tribut an tausende von Germans, die alljährlich das "ESB" erklimmen. Im Stimmengewirr auf dem Observatory Deck sind immer wieder deutsche Sprachfetzen zu hören. Sogar Wiedersehens-Szenen spielen sich hoch über den Straßen New Yorks ab, wenn Nachbarn sich tausende Kilometer von Zuhause entfernt zufällig auf dem Turm treffen. "Was machst Du denn in New York? Wahnsinn, dass wir uns ausgerechnet hier treffen", sagen zwei Deutsche mit unverwechselbarem kölschen Akzent. So verwunderlich ist das allerdings gar nicht. "Gerade bei deutschen Besuchern ist das Empire State Building oft der erste Anlaufpunkt unter den Sehenswürdigkeiten in New York", sagt Peter Mierzwiak, der bei der Mediaagentur "News Plus" für den Big Apple zuständig ist.

Doch woher kommt die Liebe zum Empire State Building? Das schönste Gebäude ist es nicht, denn das ist das im Art-Deco-Stil errichtete Chrysler-Building. Das höchste Gebäude New Yorks war es von 1972 bis 2001 nicht mehr, als es vom World Trade Center verdrängt wurde, und hatte trotzdem immer mehr Besucher als die 521 Meter hohen Zwillingstürme. Die beste Sicht auf New York kann es auch nicht sein, denn vom wenige hundert Meter entfernten Rockefeller Center ist die Aussicht auf den Central Park und die Skyline Manhattans viel besser. Und als luxuriös kann das Empire State Building erst recht nicht gelten, schaut man sich die Türme an, die Donald Trump in den letzten Jahrzehnten in New York errichtet hat.

Die Beliebtheit des Wolkenkratzers liegt viel mehr an dem Nimbus, den es umgibt. Hauptrolle in mehr als 100 Filmen: Anfang der 30er Jahre, kurz nach Errichtung des Turms, erstürmte King Kong das Empire State Building. Bis heute ist der Streifen Kult, dem "ESB" verhalf er zu weltweiter Berühmtheit. Die unzähligen Anekdoten, die über das Haus erzählt werden: In den 40er Jahren stürzte eine Frau mit einem der Aufzüge 75 Stockwerke in die Tiefe, was bis heute laut Guinness-Buch der Rekorde der höchste bekannte Absturz eines Aufzugs ist. Die Frau überlebte den Unfall.

Dann die Turmspitze, die angeblich als Anlegestelle für Zeppeline aus Europa geplant war: Nach einer nur zehnminütigen Zoll- und Passkontrolle sollten die Passagiere in Expressfahrstühlen hinunter zur Fifth Avenue fahren und sich gleich ins Einkaufsgetümmel stürzen können. Vermutlich waren die Pläne für einen Luftschiff-Hafen von Anfang an eher eine Art Public-Relation-Gag, der jedoch deutlich von dem Glauben erzählt, das Unglaublichste zu denken und das Unmöglichste für möglich zu halten. Und dann schließlich die einzigartige Lage, die das Empire State Building bis heute wie einen Monolithen im Häusermeer erscheinen lässt: Erbauer John Jacob Raskob entschied sich dafür, das Gebäude nicht in den Zentren Downtown oder Midtown zu errichten, wo zu jener Zeit die meisten Wolkenkratzer entstanden, sondern abgelegen zwischen der 33. und 34. Straße. Sein Plan, dort ein neues Zentrum entstehen zu lassen, schlug jedoch fehl, bis heute stehen an dieser Stelle nur wenige Hochhäuser. Nur das Empire State Building streckt sich in die Höhe und ist deshalb schon aus der Ferne sofort zu erkennen.

Künftige Konkurrenz braucht der berühmteste Wolkenkratzer New Yorks auch 75 Jahre nach seiner Vollendung nicht zu scheuen. 2009 wird das "ESB" zwar seinen Titel als höchstes Gebäude New Yorks wieder abgeben müssen - dann soll der Freedom Tower fertig gestellt sein - doch um die Anzahl der Besucher müssen sich die Eigner keine Sorgen machen. Touristen werden sich weiterhin in den Aufzügen zur Aussichtsplattform drängen. Nur die alte Konkurrenz muss das Empire State fürchten: Wahre ESB-Enthusiasten erstürmen neuerdings allzu gerne die Aussichtsplattform des 1939 fertig gestellten Rockefeller Centers. Denn von der am 1. November wiedereröffneten Aussichtsplattform lassen sich die besten Fotos vom Empire State Building in seiner ganzen Größe machen.

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Jens Maier

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