Essen Den Gästen in den Mund geschaut


Sonntagsbrunch mit Austern und Champagner, Chili-Krabben oder heilendes Essen nach den Prinzipien von yin und yang: Singapur gilt mit Recht als Südostasiens Food-Mekka.
Von Helge Bendl

Vorab eine Warnung. Das "Imperial Herbal Restaurant" ist wirklich nichts für das erste Date, und das liegt weder am Essen noch am Preis. Sondern daran, dass es vielleicht peinlich sein könnte, dass man selbst und auch die charmante Begleitung sofort und ohne Diskretion erfährt, was alles nicht stimmt mit ihrem Körper und anschließend bittere Medizin schlucken muss. Allerdings ist das Lokal so außergewöhnlich, dass sich Opfer lohnen. Denn mal ehrlich: Wie viele Restaurants gibt es denn auf der Welt, in denen einem die Bedienung vor der Bestellung zuerst den Puls misst, dann einen Blick auf die herausgestreckte Zunge wirft und schließlich fast befiehlt, was es gleich an Heilendem zu essen geben soll?

Essen hat Auswirkungen auf Körper

Kräuterdoktor Li Lian Xing ist der Herr des Hauses und Gebieter der Bedienungen, die ihren Gästen nicht aufs Maul schauen, sondern zwecks Menüzusammenstellung zuerst in selbiges hinein. Mister Li ist wie so viele Chinesen fest davon überzeugt, dass sich alles, was man isst, direkt auf den Körper auswirkt. Gurken oder Meeresfrüchte beispielsweise sind voll von "yin" (unterstützen also die kalten und eher entspannenden Kräfte), Rindfleisch und Chili dagegen sind voll von "yang" (und fördern eher die heißen Energien im Körper). Bestimmte Speisen wirken zusätzlich direkt auf bestimmte Organe: Reis regt den Magen an, Pfefferminz die Lunge, Salz die Mandeln. Dass schwarze Ameisen gegen graue Haare helfen sollen ist so eine Empfehlung, die wir lieber nicht gehört hätten. Froschdrüsen gegen Arthritis? Auch nicht viel besser. Ginseng gegen Übergewicht? Dankeschön. Für Hypochonder muss dieser Laden das Paradies sein.Zur Erinnerung: Wir sind tatsächlich in einem Restaurant. Die Bedienungen warten nach ihrer Schnell-Untersuchung der Patienten (Verzeihung, Gäste) allerdings nicht auf Bestellwünsche - sie empfehlen bestimmte Speisen zum Heilen der Wehwehchen. Irgendetwas von der Karte bestellen? Hier macht man das nicht. Und sollte trotzdem aufmerksam lauschen, was einem an Köstlichkeiten vorgeschlagen wird. Denn wer nicht schnell protestiert bekommt am Ende tatsächlich Skorpione, die das Gehirn anregen sollen. Als Tourist hat man zwar das Recht, ein wenig vorsichtiger zu ordern als die Einheimischen. Doch eine individuell zusammen gestellte Kräutermischung wird den Speisen sicher zugesetzt werden. Und sie wird einen heilen. Bestimmt. Und wenn nicht, dann ist das auch nicht so schlimm. Das Essen ist nämlich nicht nur gesund, sondern auch sehr lecker.

Kulinarische Vielfalt

Gutes Essen (eventuell auch ohne medizinischen Nutzwert) gibt es vielerorts in Singapur - die Stadt ist aus kulinarischer Sicht wohl die vielfältigste in Südostasien. "Hawker Centers", also Essensstände, sind die asiatische Antwort auf die Fast-Food-Revolution. Hier hat man die Chance, für ein paar Euro gleich Dutzende von chinesischen Regionalküchen auf einem Fleck zu probieren und dazu Spezialitäten aus Malaysia, Indien und Indonesien. Hawker Centers gibt es fast überall in der Stadt, sogar an der geschäftigen Orchard Road. Die "Food Alley" in Chinatown war eine Idee des Singapore Tourism Board - authentischere Stände findet man im "Maxwell Road Food Centre", an der Straßenkreuzung von Raffles Way und Boon Tat Street beziehungsweise in der Nähe des Allson Hotels oder "S-11" in der Stamford Road.Hier kann man auch in allen Schärfegraden die Nationalspeise Singapurs probieren: Krabbe in Chilisauce.Ansonsten hat auch die Moderne in Singapur Einzug gehalten. Im 2005 eröffneten Restaurant "The Line" des Hotels Shangri-La sprudelt ein Brunnen aus Schokolade und Gerichte aus der ganzen Welt stehen auf der Speisekarte. Ein Tipp für ein edleres Dinner ist das Designer-Restaurant "My Humble House", das sich im neuen Kulturzentrum Esplanade eingemietet hat und moderne chinesische Küche serviert. Heiß begehrt sind die Tische ein paar Meter weiter, und das interessanterweise nicht nur am Abend: Der Sonntagsbrunch im Hotel Ritz-Carlton Millenia ist der beste und folglich auch berühmteste der ganzen Stadt - wer hierfür reserviert ist auf der sicheren Seite. Für etwa 60 Euro gibt es Jahrgangs-Champagner von Moët & Chandon und sieben verschiedene Austernsorten, 50 verschiedene Kuh-, Schaf- und Ziegenkäse und einen Patissier, der frische Vanille- und Schokoladensouffles kreiert. Und wer manche der Rezepte mit nach Hause nehmen will: Die Küchenchefs des Luxushotels haben jüngst ein vielfach ausgezeichnetes Kochbuch mit dem Titel "asian tapas" vorgestellt.


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