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Im Lavalabyrinth : Expedition in die heiligen Höhlen auf Hawaii

Vulkaneruptionen haben auf Hawaii komplexe Höhlensysteme geschaffen. Was finden mutige Kletterer und Forscher in den geheimnisvollen Tiefen mit geheimnisvollen Namen wie Kipuka Kanohina?

Von Joshua Foer

Flüsse mögen einladend aussehen, sind aber gefährlich: In den gewundenen Kanälen verliert ein Taucher leicht die Orientierung – und wenn heruntergefallenes Gestein den Rückweg versperrt, wird die Atemluft knapp.

Flüsse mögen einladend aussehen, sind aber gefährlich: In den gewundenen Kanälen verliert ein Taucher leicht die Orientierung – und wenn heruntergefallenes Gestein den Rückweg versperrt, wird die Atemluft knapp.

Das Loch am Straßenrand hatte nicht mehr als einen Meter Durchmesser. Aber den Höhlenforschern Peter und Ann Bosted erschien es gerade groß und einladend genug, um ihr Auto abzustellen und hineinzukriechen.

"Wir hatten ein wenig Zeit", erzählt Peter, "also begannen wir, den Ort zu untersuchen, und entdeckten einen Seitengang, hinter dem sich ein unerwartet großes Labyrinth auftat." Die Höhle lag ganz in der Nähe seines Wohnorts Hawaiian Ocean View auf Big Island. Peter verzeichnete die puka, wie ein Höhleneingang in der lokalen Sprache heißt, auf einer digitalen Landkarte. Denn es war klar: Sie würden bald zurückkehren.

Wie die Höhlen auf Hawaii entstehen

Eine Höhle kann auf zweierlei Weise entstehen: langsam oder schnell. Die meisten berühmten Höhlen – etwa die Carlsbad Caverns im US-Bundesstaat New Mexico oder die 1148 Meter tiefe Riesending-Schachthöhle in den Berchtesgadener Alpen – wurden im Laufe von Jahrmillionen durch kohlensäurehaltiges Wasser ausgewaschen, das unaufhörlich durch den löslichen Kalkstein fließt und tröpfelt.

Die meisten Lavaröhren auf Hawaii entstehen durch sogenannte Stricklava. Wenn die heiße Gesteinsmasse sirupartig an einem Vulkanhang hinabfließt, kühlt sich ihre Oberfläche an der Luft ab und verfestigt sich zu einer elastischen, hautähnlichen Außenschicht. Während diese Membran immer stärker wird, fließt unter ihr die Lava weiter, erodiert den Erdboden und gräbt tiefe Tunnel.

Kampf der Elemente: Als 2016 der Kilauea auf Hawaiis Big Island ausbrach, ergoss sich Lava ins Meer. Ein Teil der heißen Masse floss durch Röhren, die sich bei früheren Eruptionen gebildet hatten. Andere Glutströme bahnten neue Tunnel und vergrößerten das unterirdische Netzwerk.

Kampf der Elemente: Als 2016 der Kilauea auf Hawaiis Big Island ausbrach, ergoss sich Lava ins Meer. Ein Teil der heißen Masse floss durch Röhren, die sich bei früheren Eruptionen gebildet hatten. Andere Glutströme bahnten neue Tunnel und vergrößerten das unterirdische Netzwerk.


Da die heiße Lava nun von der Luft isoliert ist, strömt sie ungehindert oft über viele Kilometer weiter. Lässt die Eruption schließlich nach, fließt der letzte Rest der Gesteinsschmelze aus den Röhren ab. Zurück bleibt ein riesiges, dreidimensionales Labyrinth.

Ab in die Unterwelt

Peter und Ann nehmen mich mit zur Erkundung der neuen puka am Straßenrand. Begleitet werden wir von Don und Barb Coons, Getreidefarmer aus Illinois und seit Jahren passionierte Höhlenkletterer, die auf Hawaii überwintern.

Unser Kriechgang endet bei einer Abzweigung, an der weniger als 30 Zentimeter zwischen Decke und dem zerklüfteten Boden liegen. "Jetzt fängt es an, Spaß zu machen", sagt Peter trocken, während wir uns auf dem Bauch in die unmöglich enge Passage zwängen. Der Durchgang ist so eng, dass wir mit dem Helm auf dem Kopf nicht weiterkommen.

Kazumura-Höhle

Autor Joshua Foer erkundet die Kazumura-Höhle, mit mehr als 64 Kilometern momentan die längste kartierte Lavaröhre der Welt.


Der Lohn für Kratzer, blaue Flecken und zerrissene Kleidung besteht darin, 47,06 Meter Höhle neu kartiert zu haben. Das klingt zunächst nicht besonders beeindruckend, aber auf diese Weise wächst die Karte jedes Jahr um fünf bis sieben Kilometer – und ist eines Tages fertig. Bald wird Kipuka Kanohina das längste vermessene Lavaröhrensystem der Welt sein.

Hawaiianern sind Höhlen heilig

Während in der Kipuka Kanohina mehrere parallele Gänge wie Wasserläufe eines großen Flussdeltas verbunden sind, besteht Kazumura im Wesentlichen aus einer langen, geraden Röhre. Kazumura wurde erst 1995 im Rahmen einer zweitägigen Expedition komplett begangen.

"Das ist ein Schatz von nationaler Bedeutung, aber es gibt auf dieser Insel Menschen, die unmittelbar über der Höhle leben und nicht einmal wissen, dass sie existiert", sagt Harry Shick, der Touren durch den Teil der Kazumura-Höhle anbietet, der direkt unter seinem Anwesen liegt.

Das liegt auch daran, dass die Lavaröhren eine omertà, eine Art Schweigegebot, umgibt. Den meisten Höhlenforschern und Naturschützern ist es lieber, wenn Außenstehende nichts über die Lage ihrer Entdeckungen erfahren.

Auch in kultureller Hinsicht sind die Lavahöhlen sensible Orte: Vielen Hawaiianern gelten sie als kapu – "heilig" –, weil dort früher häufig Menschen bestattet wurden. In den Knochen der Verstorbenen stecke mana ("spirituelle Energie"), weshalb man die Begräbnisstätten nicht stören solle. Aber ob in einer Höhle früher Verstorbene bestattet wurden, weiß man erst, wenn man sie komplett erkundet hat. Viele Hawaiianer lehnen es grundsätzlich ab, sich in diese Unterwelt vorzuwagen – zu groß ist ihr Respekt vor dem, worauf sie dort stoßen könnten.

Als wir die puka am Straßenrand untersuchten, wurde es einmal so eng, dass Peter mit gepresster Stimme sagte: "Sieht so aus, als würde das jetzt ein bisschen gefährlich. Ich komme nur durch, wenn ich ganz ausatme." Schließlich kehrte er um und überließ es uns herauszufinden, wohin die Höhle führt. Aber siebeneinhalb Körperlängen weiter gelangten wir zu einem Haufen.

Dort endete unser Weg fürs Erste, während ein leichter Luftzug über unser Gesicht streifte. Das konnte nur eines bedeuten: Auf der anderen Seite des Steinhaufens geht die Höhle weiter. 

Aus dem Englischen von Sebastian Vogel

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