Indianer-Hotel in Kanada Lobby mit Wolfspelz


Bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele von Vancouver standen die Ureinwohner Kanadas im Mittelpunkt. Im Alltag ist der Umgang mit ihnen deutlich weniger glamourös. Das "First Nations Hotel" in der Nähe von Québec will mit Indianer-Klischees aufräumen: Wer nach Federschmuck und Tipis Ausschau hält, ist fehl am Platz. Dafür gibt's frisches Seehundfleisch.
Von Nora Große Harmann

"Kwe Kwe!" ruft der Rezeptionist im First Nations Hotel und strahlt. Wie ein Indianer aus dem Wildwestfilm sieht er nicht aus - keine Federn, kein Büffelleder, keine Mokassins, sondern kurz geschnittene Haare, schwarzer Anzug. Geduldig reicht er Schlüssel, Prospekte und Gutscheine fürs Frühstück. "Das Zimmer ist im ersten Stock, die Aufzüge sind gleich dort drüben, rechts vom Kamin", sagt er und ruft noch einmal: "Kwe Kwe!" In der Sprache des Huronen-Wendat-Stammes aus Ostkanada bedeutet das "Herzlich Willkommen".

Auch das Zimmer sieht auf den ersten Blick wenig indianisch aus. Wo ist das Tipi? Wo der Geruch von frischen Tannennadeln? Wo sind Pfeil und Bogen? Stattdessen erdige Wandfarben, dunkler Teppich, zwei Biberfelle auf dem Bett, das Fuchsfell an der Wand, die Lampen mit Elchmuster. Im Bad dient ein dicker Baumstamm zum Aufhängen von Handtuch und Badeutensilien. "Wir wollen keine Klischees", sagt Vertriebsleiter Jason Picard.

Wer die Klimaanlage abschaltet und das Fenster öffnet, hört das Rauschen des Akiawenrahk-Flusses, der, versteckt hinter dichtem Wald, am Hotel vorbeifließt. Das Hotel steht in Wendake, einem hundert Hektar großen Reservat der Huronen, gut 15 Autominuten nördlich von Québec City. In Wendake leben etwa 1200 von insgesamt 3000 Huronen. Heute haben viele von ihnen französische Namen und frankokanadische Verwandte. Sie nennen sich trotzdem "First Nations", Ureinwohner Nordamerikas.

Fest in der Hand der First Nations

Bevor das Hotel mit 55 Zimmern gebaut wurde, habe es im Reservat keine Übernachtungsmöglichkeiten für Touristen gegeben, so Picard. Die Leute hätten meist Tagesausflüge nach Wendake gemacht. "Wir wollen, dass Touristen länger bleiben und sich mit unserer Kultur vertraut machen." Zum Hotel gehört ein Museum, das die Geschichte der Huronen zeigt. Das Haus gehört zu keiner Kette, sondern zu hundert Prozent den First Nations. "Wir bemühen uns, vorrangig Leute mit First-Nation-Status einzustellen." Zurzeit sei es etwa die Hälfte. Architektonisch ist das Hotel einem traditionellen Langhaus nachempfunden. "Nicht alle Indianer haben in Tipis gewohnt", erklärt Picard. "Die Huronen waren sesshaft und lebten in Langhäusern aus Baumstämmen." Das Museum ist in einem zylinderförmigen Anbau des Hotels untergebracht. "Das soll ein Rauch-Haus symbolisieren", so Picard. In solchen Häusern haben die Huronen Fisch und Fleisch für den Winter getrocknet.

Wolfskopf, Schildkrötenpanzer und frisches Seehundfleisch

In der Lobby tönen dumpfe Trommeln und indianischen Gesänge aus den Lautsprechern. Eine ältere Dame verschnauft in einem großen Holzsessel vor dem Kamin. Das graue Fell mit Wolfskopf auf der Lehne scheint sie nicht zu stören. "Wir sind das einzige Indianer-Hotel mit vier Sternen in Kanada", sagt Picard stolz. Alles im Hotel, von der Architektur des Hauses über das Design der Zimmer bis hin zu den Bildern an den Wänden sei von der Kultur des Wendat-Stammes inspiriert. Er verweist auf die Bilder von Schildkröten, die in den Eingangsbereichen von Museum und Restaurant zu finden sind. "Die Schildkröte ist unsere Mutter-Erde", erklärt er. "Die Huronen glauben, dass die Welt auf dem Panzer einer Schildkröte entstanden ist." Manchmal, räumt er ein, würden sich Gäste über die Tierfelle beschweren.

Es ist Abend. Auf der Terrasse hinter dem Hotel brennt ein Lagerfeuer. Gäste, meist Paare mittleren Alters, beobachten die Flammen, sitzen auf Baumstümpfen, trinken Eiswein. Im hoteleigenen Restaurant "La Traite" gibt es indianische Küche - viel Fisch und Meeresfrüchte, aber auch Elchsteak und Hirschpastete. Wer sich mutig wähnt, probiert frisches Seehundfleisch. Es ist fast schwarz, seine Konsistenz ein wenig zäh.

Vorbehalte gegen den Tourismus

Auch die Umgebung des Hotels ist mit der Huronen-Geschichte gespickt. Unweit vom Hotel steht eine kleine, weiß getünchte Kapelle, die Jesuiten um 1730 zu Missionierungszwecken gebaut haben. Im Tsawenhohi-Haus gleich nebenan lebten die "Chiefs" des Reservats - heute gibt es dort ebenfalls ein Museum über Huronen-Kunsthandwerk und bedeutende Personen Wendakes. Das "Village des Hurons" ist ein nachgebautes Huronen-Dorf wie es wohl aussah, bevor die Europäer nach Kanada kamen. Hier tragen die Guides tatsächlich Federn und Mokassins und führen die Touristen an Langhäusern und Marterpfählen vorbei.

70 Arbeitsplätze seien durch das Hotel entstanden, sagt Sébastien Desnoyers vom örtlichen Fremdenverkehrsbüro. Verglichen mit den Reservaten im Norden Québecs sei Wendake eine relativ wohlhabende Gemeinde. Die Arbeitslosigkeit liegt bei etwa fünf Prozent, das ist ein bisschen weniger als die Arbeitslosenzahlen in Québec. Desnoyers hofft, dass mit dem Hotel mehr Touristen nach Wendake kommen. 40.000 Besucher habe das Hotel-Museum im letzten Jahr verbucht. Trotzdem: "Reisende aus anderen Kontinenten, aber auch Einheimische wissen oft kaum etwas über unsere Lebensweise", sagt er. Bei den Huronen im Dorf sei das Hotel zunächst auf Misstrauen gestoßen. "Wir hatten alle Angst, die Betreiber würden unsere Kultur zu sehr vermarkten." Die Stimmung hätte sich aber zugunsten des Hotels geändert. "Mittlerweile sind sogar die Ältesten stolz darauf."

Am nächsten Morgen lugt die Sonne über die Baumwipfel am Akiawenrahk-Fluss. Zum Frühstück gibt es Pfannkuchen, Müsli, Rührei. Andrew Gros-Louis, Touristenführer und zur Hälfte Hurone, hat im Museum eine neue Arbeit gefunden. Er macht sich fertig für die erste Tour. "Vor meiner Arbeit als Guide kannte ich die Kultur der Huronen selbst kaum", sagt er und grinst. Wie schön es nun sei, zu wissen, woher man kommt.


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