Interview "Ich hatte das Gefühl, nicht mehr in Asien zu sein"


Sechs Monate hat die Psychologiestudentin Hannah Nievelstein 2004 in Singapur gelebt. Zeit genug, um hinter die glänzenden Glasfassaden der Metropole zu schauen.

Wie war Ihr erster Eindruck von Singapur?

Ich finde Eindrücke sind immer relativ: Je nachdem von welchem Ort man gerade kommt, betrachtet man auch sein Ziel. Ich reiste aus Bali nach Singapur und mir stach sofort die Sauberkeit, die futuristische Skyline und der geordnete Verkehr ins Auge. Ich hatte gar nicht mehr das Gefühl in Asien zu sein; der Kontrast zum chaotisch quirligen Leben in Bali war riesig. Singapur ist einfach kein Entwicklungsland und auch kein Tigerstaat mehr, das sieht man auch ganz deutlich an den Anzugmenschen in ihren dicken Autos, und den Handystöpseln im Ohr.

Hat Ihnen diese Lebensweise gefallen?

Am Anfang mochte ich das sehr gern, alles schien mir so zivilisiert und geordnet, vor allem im Kontrast zu Indonesien. Aber nach einer Weile fand ich das Leben dort doch sehr eintönig und oberflächlich. Viele Singapurer scheinen ausschließlich nach Geld und Erfolg zu streben, alles steht unter dem Motto der "Five Cs": Cash, Career, Credit, Condominium und Car", also Geld, Karriere, Guthaben, Eigentumswohnung und Auto. Die Stadt ist einfach sehr an Geld orientiert, das liegt vielleicht auch am chinesischen Einfluss und Glauben, dass Glück und Geld zusammenhängen. Gerade die chinesischen Einwanderer tragen ihren Reichtum gern zur Schau: Wenn man von einem Chinesen zum Beispiel zum Essen eingeladen worden ist, wird er am Ende die Rechnung laut mit dem Kellner besprechen, damit auch jeder Gast den Betrag hört. Und man wird von jedem Singapurer, egal welcher Ethnie, schnell gefragt, in welchem Stadtteil man wohnt - daraus schließen sie sich dann, wie viel Geld man verdient.

Gibt es denn eine lebendige Szene, einen kulturellen Untergrund, der einen Gegensatz zum schönen Schein bildet?

Nicht wie man sie aus vielen andern Städten kennt. Die Mischung zwischen Arm und Reich findet kaum statt, ebenso wenig zwischen Jung und Alt. Was hingegen gut funktioniert ist das Zusammenleben der unterschiedlichen Nationalitäten. Es gibt sogar Viertel, in denen die Mischung unterschiedlicher Ethnien vorgeschrieben ist: Da soll dann der Anteil der Malaien bei 30 Prozent liegen, die Thailänder machen 20, Chinesen 40 Prozent aus usw. Wenn man Rassismus spürt, dann hauptsächlich gegenüber den Indern, von denen sich viele als Billigarbeiter durchschlagen müssen. Einige Singapurer stellen eher einen Inder als Türöffner ein, als sich ein automatisches Garagentor zu kaufen, denn der Inder ist billiger.

Singapur ist ja auch berühmt für seine Verbote.

Das stimmt, aber ich hatte trotzdem nie das Gefühl beobachtet oder kontrolliert zu werden. Man sieht auch kaum Polizisten, vermutlich sind viele von ihnen in Zivil unterwegs. Es fiel mir auch nicht schwer, meinen Müll oder Zigarettenkippen immer in die Abfalleimer zu werfen, vermutlich, weil einem die Ordnung schon am Flughafen eingebläut wird. Das einzige Mal, wo mir die Strenge der Verbote richtig bewusst wurde, war als meine Mutter Kaugummi aus Deutschland mitgebracht hatte und die Haushilfe sie entsetzt darauf hinwies, dass Kaugummis in Singapur verboten sind. Außerdem beschränkt sich dieser Sauberkeitsfimmel auch aufs Zentrum - sobald man außerhalb ist, ist's auch nicht mehr so reinlich.

Hatten sie viel Kontakt zu anderen Deutschen in Singapur?

Singapur ist ein riesiges Handelszentrum, in dem viele deutsche Firmen ansässig sind: Bosch, Porsche, Siemens, die BASF. Es gibt eine deutsche Schule, in der deutsche Feiertage und Feste gefeiert werden. Viele andere Nationalitäten haben auch ihre Clubs, in denen sie sich treffen, nur die Deutschen haben keinen, die benutzen den Schweizer Club mit. Überhaupt ist die internationale Mischung eines der schönsten Dinge an Singapur: Es gibt Viertel, da wohnt nebenan eine chinesische Familie, im Haus dahinter Malaien und am Ende der Straße Kanadier. Da feiert jeder jeden Feiertag mit, die muslimische Familie lädt ihre christlichen Nachbarn ein, um das Ende des Ramadan zu feiern und wenn ein komischer Fischgeruch herüberweht, dann weiß man, dass die Chinesen gerade ihre Shrimp-Paste im Wok anbraten.

Was sollte man unbedingt vermeiden in Singapur?

Ich gehe nicht mehr zum Boat Quai. Dort ist es extrem touristisch, überlaufen und sehr nervig. Und wer im Sim Lim, einem riesigen Elektro-Markt, einkaufen möchte, sollte Geduld mitbringen, denn es kann ewig dauern, bis man den Preis eines ipods ausgehandelt hat.

Und was können sie empfehlen?

Einer meiner Lieblingsorte ist das "Asian Civilisations Museum", dort präsentiert sich jedes süd-ostasiatische Land. Abends gehe ich gern zum Clarke Quay ins "Indochine-Forbidden City", ein Club mit Restaurant und Lounge, dort kann man zu Livemusik aber auch Housebeats tanzen. Am Clarke Quay reiht sich ein Club neben den andern, zurzeit ist das "Ministry of Sound" besonders beliebt. Wer einfach nur durch die Straßen bummeln oder schön draußen sitzen möchte, dem empfehle ich die "Mohammed Sultan Road" im Arabischen Viertel.

Das Gespräch führte Claudia Pientka

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