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Kalifornien: Im Wilden Westen bei den Winzern

Wenn's hier kalt und grau ist, macht ein Trip durch Kalifornien doppelt Spaß. Weinliebhaber sollten das Santa Ynez Valley ansteuern.

Also, der Profi macht das so: Das Glas leicht kippen und gegen das Licht halten, schwenken und dann rein mit der Nase. Riechen. Der erste Eindruck: zitronig, mit einem bisschen Pfirsich. Und Apfel. Nein. Kein Apfel. Eher Feldsalat. Feldsalat?!? Kann ein Wein denn nach Feldsalat schmecken? Chris Burroughs grinst unter seinem imposanten Stetson. "Klar", sagt er, "Feldsalat. Warum nicht? Egal, was Sie rausschmecken, wichtig ist, ob Sie den Wein mögen oder nicht." Man muss kein Experte sein, meint der Graubart mit den langen Hippie-Zotteln, um einen edlen Tropfen zu erkennen. Wissensdurstige Amateure wie wir sind ihm allemal lieber als Weinsnobs, die ihre Geschmacksnerven für unfehlbar halten und das Verkosten zelebrieren wie einen Gottesdienst. Die kennt Chris Burroughs zur Genüge. Er ist Tasting Room Manager, Chef des Weinproberaums der Sanford Winery. Eine von gut 50 Winzereien im Santa Ynez Valley, zwei Stunden Autofahrt nördlich von Los Angeles.

Das weich gewellte Tal zwischen den zerklüfteten Santa-Ynez-Bergen im Süden und der Sierra Madre im Norden ist eine junge Weinregion. Die ersten Rebstöcke wurden Anfang der siebziger Jahre gepflanzt. Immer mehr Liebhaber entdecken die Santa-Ynez-Weine als eine bessere Alternative zu den bekannten Marken aus Napa und Sonoma im Norden Kaliforniens. Zur Weinprobe allerdings reisten bislang hauptsächlich Wochenendurlauber aus Los Angeles an. Von denen wiederum zog es einen Großteil nach Solvang. Das einst von dänischen Siedlern gegründete Städtchen sieht mit falschen Fachwerkfassaden und Windmühlenattrappen aus wie eine Dependance von Disneyland. Dann tauchten da noch sporadisch die Fans von Michael Jackson auf. Der hat sein Neverland-Reich hier errichtet, versteckt am Fuß des Figueros Mountain. Sein Prozess störte das lauschige Leben der Santa-Ynez-Valley-Bewohner nicht weiter. Genauso wenig die anderen Prominenten, die sich im Tal angesiedelt haben: der Pferdeflüsterer Monty Roberts zum Beispiel oder Radprofi Lance Armstrong, der hier regelmäßig trainiert. Es heißt, Brad Pitt habe sich auch schon nach geeignetem Bauland in der Gegend umgesehen.

Seit vergangenem Winter ergießt sich eine stetig anschwellende Touristenflut in das friedliche Tal. "Sideways" ist schuld, eine kleine Kinokomödie über zwei Freunde auf gepflegter Sauftour durch die Winzereien der Region, ausgezeichnet mit zwei Golden Globes und einem Oscar. Eine Szene von "Sideways" spielt an der Theke seiner Weinprobestube, und wie im richtigen Leben schenkt Chris Burroughs auch im Film den Wein aus. Ihn wundert, dass die Leute überhaupt den Weg zum Tasting Room der Sanford Winery finden. Von der kleinen Ortschaft Buellton muss man nämlich erst den Abzweig zur Santa Rosa Road finden. Die Landstraße schlängelt sich durch samtig grün überzogene Hügel, Erdbeerfelder und weiß umzäunte Pferdekoppeln.

Zur Winery biegt eine Schotterpiste ab, vorbei an akkurat aufgereihten Weinstöcken. Am Ende des Wegs gluckert im Schatten von Platanen und Weiden ein Bach, der Weinproberaum ist ein umgebauter Schuppen aus angegammeltem Holz und rosé-weinrot verputzten Lehmziegeln. An der halbrunden Theke, die aussieht wie frisch von einem skandinavischen Möbelhaus geliefert, ist Platz für sechs, sieben Trinkfreudige. In ein Regal sind Bücher gestopft über Wein und ökologischen Landbau, Architektur und die Subkultur der späten Sechziger. Spezialität der Winery ist Pinot Noir, Spätburgunder. Weingutgründer Richard Sanford, einer der Pioniere, wurde von den ansässigen Bauern und Pferdezüchtern für verrückt erklärt, ausgerechnet hier Wein anbauen zu wollen. Broccoli und Erdbeeren wachsen gut hier, aber Wein? Und dann auch noch Pinot Noir, die Mimose unter den Trauben, die Wetterumschwünge gar nicht mag? Es stellte sich jedoch heraus, dass die Lage des Santa Ynez Valley, das sich von Osten nach Westen zum Pazifik öffnet, ideal ist. Nebel und Meerbrisen sorgen für eine perfekte Temperatur. Fast jede Weinsorte gedeiht auf den Sand- und Lehmböden, freundlich beschienen von der kalifornischen Sonne.

Die Winzerbetriebe im Tal sind zum großen Teil Familienunternehmen. Es gibt ein paar größere wie die Fess Parker Winery oder das Weingut der Reifenerben Firestone. Sie haben Weinproberäume groß wie Kneipen, verkaufen nebenbei Souvenirs, Käppis und T-Shirts und können mehrere Busladungen gleichzeitig bewältigen. Typisch für das Valley aber sind die kleinen Winzereien. Zum Beispiel in Los Olivos. Das 1000-Seelen-Städtchen besteht im Wesentlichen aus einer Straßenkreuzung mit Flaggenmast, um die herum sich Holzhäuser im adretten Western-Stil scharen; jeden Tag ab elf Uhr morgens verwandelt es sich in eine Weinprobenmeile. Von einem Ende der Grand Avenue zum anderen lässt es sich bequem zu Fuß durch zehn Tasting Rooms trinken. Die meisten sind kleine Stuben mit Theke, wie die von Andrew Murray, 33. Er gilt als Hot Shot unter den Weinmachern des Tals. Nachlesen lässt sich das in den Artikeln, die eingerahmt an der Wand hängen. "Andrews Shiraz ist einmalig", sagt Jaymi Mantz, die brombeeräugige Schönheit hinter dem Tresen. Eigentlich kümmert sie sich um Murrays Marketing, aber Weinproben sind ja auch eine Art Produktwerbung. Der 2003er Shiraz Tous le Jour, den sie einschenkt, läuft sämig ins Glas. Wieder die Nase ins Glas: Ist da ein Hauch von Leder? Trotz der vielen Probierstuben, trotz der Kunsthandwerkläden und kleinen Galerien hat Los Olivos nichts Rummeliges. Liegt vielleicht am Geist des Weines, der wenig Trinkfeste oft schon nach der dritten Verkostung sanft umlullt. Oder es ist die schlurfige Lebenseinstellung der Leute im Valley, ihre rustikale Herzlichkeit, die den großen Touri-Auftrieb verhindert. Das ganze Tal hat sich einen schläfrigen Pioniercharme bewahrt.

Wer es nicht so hat mit dem Rebensaft, findet andere Vergnügungen. Etwa am Gaviota State Beach im Sand liegen und nach Delfinen Ausschau halten. Oder ein bisschen Wildwest schnuppern. Die Zucht edler Rosse hat Tradition im Santa Ynez Valley. Wie vor hundert Jahren stieben die Tiere über weite sattgrüne Weiden. Ein paar Rancher verdienen sich mit Reiterferien ein fettes Zubrot. Etwa die Alisal Guest Ranch oder die rustikalere Rancho Oso. Tagsüber hoch zu Ross alte Cowboypfade erkunden, über Bergkämme hinweg, durch Canyons und vorbei an klaren Bächen. Nachts in schlichten Holzhütten oder Pionier-Planwagen schlafen - perfekte Bonanza-Romantik. Manche Pferdekoppel ist allerdings inzwischen einem profitableren Golfplatz gewichen. Und mitten im stillen Santa Ynez Valley erhebt sich der Klotz des Chumash Casino Resort. Auf 28 600 Quadratmetern bimmeln einarmige Banditen, rollen Würfel, wird beim Poker geblufft und beim Blackjack verloren - sieben Tage die Woche, 24 Stunden lang. Angeschlossen sind ein Hotel und ein Wellness-Bereich, wo unter anderem eine indianische Steinmassage angeboten wird. Möglich macht dieses Klein-Las-Vegas ein Gesetz, das Glücksspiele in den Reservaten der amerikanischen Ureinwohner erlaubt. Nicht alle Talbewohner sind glücklich über den Casino-Trubel. Frank Ostini, ein korpulenter Kerl mit Seehundschnauzer, sieht das entspannt. Ob man tagsüber Geld verspielt, golft, Wein probiert oder auf Cowboy macht, "abends essen Sie bei uns im Hitching Post II". Ostini steht hinter der Bar und angelt sich zwei der bauchigen Gläser, die in Reihen über seinem Kopf hängen. Ab vier Uhr ist in seinem Restaurant an der Straße nach Solvang - was wohl? - Weinprobe. Wenn die Tasting Rooms zumachen, trinken die Leute bei ihm ihren Absacker und bleiben oft gleich zum Steakessen da. Mit dem ausgetretenen rot gemusterten Teppich und den robusten Resopaltischen erinnert der Gastraum an eine Dorfkneipe. Das Weinmachen war anfangs nur ein Hobby. 1979 kelterte Frank Ostini zusammen mit seinem Freund Gray Hartley den ersten Wein für Familie und Freunde. Heute stellen sie im Jahr knapp 5000 Kisten Pinot Noir und Shiraz her. "Das ist für uns immer noch Spaß, nicht so sehr Business", sagt Gray, ein hochgewachsener Mann mit lichtem Haar und sonnenheller Stimme. 28 Jahre lang, erzählt er, verbrachte er die Hälfte des Jahres in Alaska und fing professionell Lachse. Dann entdeckte er die Reben. Hartley brachte sich alles selbst bei: pressen, keltern, verschneiden. Weinmachen, sagt er, sei wie Musik komponieren. "Es ist doch so, wir machen den Wein zuallererst für uns selbst. Aber wir teilen ihn gern mit der ganzen Welt."

Anke Kapels / print

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