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Manú-Nationalpark in Peru: Im Regenwald auf Affenjagd

Der Manú-Nationalpark im Regenwald von Peru ist nicht nur wegen seiner Artenvielfalt einzigartig. In ihm darf sogar gejagt werden – aber nur mit Pfeil und Bogen.

Von Emma Marris

Mädchen vom Volk der Machiguenga

Ein Mädchen vom Volk der Machiguenga steht mit seinem Bruder am Fluss. Die knapp tausend Machiguenga im Manú-Park jagen bevorzugt Schwarzgesichtklammeraffen – allerdings nur für den Eigenbedarf. Manchmal werden die Affen auch als Haustiere gehalten, so wie dieser.

Elias gehört zu einer Gruppe von knapp tausend Machiguenga, die in dem riesigen Regenwaldareal im Amazonasgebiet leben. Sie haben sich vor allem am Ufer des Flusses Manú und seiner größten Nebenflüsse niedergelassen. Indigene Parkbewohner wie die Machiguenga haben das Recht, die Pflanzen und Tiere im Park für den Eigenbedarf zu nutzen. Aber sie sind nicht berechtigt, ohne Genehmigung Parkressourcen zu verkaufen, und sie dürfen für die Jagd keine Schusswaffen verwenden.

Elias baut mit seiner Frau auf einer Lichtung am Fluss Yomibato Baumwolle, Yucca und andere Pflanzen an. Ihre Kinder sammeln Früchte und Pflanzen. Elias fängt Fisch und fällt Bäume. Und er jagt: vor allem Schwarzgesichtklammeraffen und Braune Wollaffen, die Lieblingsspeisen der Machiguenga. Beides gefährdete Arten.

Klammeraffen in den Baumkronen

Nach fünf Minuten im Dschungel hören wir die Rufe von Rotbauch-Springaffen. Wir beachten sie nicht; Springaffen sind nicht mehr als eine Schießübung für Teenager. Wenig später entdecken wir eine Horde Kapuzineraffen. Elias hält inne, er legt sogar den Bogen an – und lässt sie dann doch in Ruhe. Er wartet lieber auf etwas, das noch mehr poshini ist, noch leckerer.

Wir kommen an Obstbäumen mit frisch abgefallenen Früchten vorbei. Hier waren Affen, aber jetzt sind sie weg. Da erhellt sich Thalias Gesicht. Osheto, flüstert sie – Klammeraffen. Jetzt sehen wir sie auch, 20, 30 Meter über uns. In vollem Tempo springen sie durch die Baumkronen.

Die Jagd beginnt – und ich stolpere über Wurzeln, verfange mich in Lianen, rutsche im Schlamm aus, laufe in Dornen und Spinnweben und muss gleichzeitig vor giftigen Schlangen auf der Hut sein. Elias und seine Familie bewegen sich flinker und geschickter, aber selbst für sie ist der Dschungel ein schwieriges Terrain. Auf dem Waldboden fette Weißbartpekaris zu jagen ist schwer genug. Aber um einen Klammeraffen zu erlegen, muss der Jäger ihm erst mal hinterherkommen und dann auch noch ein wild umherspringendes Ziel mehr als sechs Stockwerke über sich treffen.

Wir folgen Thalias Handzeichen; die dunklen, langgliedrigen Schatten hoch über uns flitzen davon. Elias läuft vorneweg, ist jetzt mit einem Weibchen gleichauf, zielt und schießt einen Pfeil ab. Daneben. Die Affen flüchten. Keine Chance für einen zweiten Schuss. Hätte er ein Gewehr gehabt, wäre der Affe jetzt wahrscheinlich tot.

Fernab jeglicher Zivilisation

Keine Gewehre, keine Straßen, kein Kaufen und Verkaufen: Manú mag bewohnt sein, aber es ist weit, weit weg von allem. Der beliebteste Weg zum Park führt zehn Stunden auf einer halsbrecherischen Straße durch die Anden, dann weitere fünf Stunden im Motorkanu über den Alto Madre De Dios bis zum Zusammenfluss mit dem Manú.

Mädchen im Manú-Nationalpark

Yoina Mameria Nontsotega hat einen treuen Spielgefährten. Beim Baden im Fluss Yomibato mitten im Manú-Nationalpark hält sich ihr zahmer Braunrückentamarin an den Haaren des Machiguenga-Mädchens fest.

Diese Abgeschiedenheit bietet Schutz vor illegalen Holzfällern und Goldwäschern. Nachhaltiger Tourismus ist zwar auch eine Einnahmequelle für den Park, aber pro Jahr besuchen ihn höchstens ein paar Tausend. Der Park erstreckt sich über das gesamte Wassereinzugsgebiet des Manú vom Grasland an der Ostflanke der Anden in 4000 Meter Höhe über moosbewachsenen Nebelwald bis zum Tieflandregenwald im äußersten Westen des Amazonasbeckens.

17.163 Quadratkilometer: eine Fläche fast so groß wie Sachsen

Eine üppige, extravagante, überwältigende Landschaft, in der sich Tapire tummeln, Aras und Schlangen. Den Nachthimmel teilen sich 92 Fledermausarten; 14 Primatenarten schwingen sich durch die Bäume, verfolgt von Harpyien mit zwei Metern Flügelspannweite. Es wimmelt von Schmetterlingen: Temenis pulchra in Kobaltblau und Tomatenrot, riesige Blaue Morphofalter, winzige durchsichtige Waldgeister. Es gibt tausend Baumarten in allen Größen, viele sind von dicken Lianen umschlungen.

Machiguenga-Kinder im Boot

Machiguenga-Kinder essen Fisch, der auf traditionelle Weise gefangen wurde, indem die Wurzeln von Barbasco-Pflanzen zerstampft und in den Fluss gerührt wurden. Das Wasser setzt den Giftstoff Rotenon frei und betäubt die Fische.


Feigenbäume sind besonders wichtig für das Ökosystem. Sie tragen das ganze Jahr über Früchte und sind für viele Tiere in der Trockenzeit eine wichtige Nahrungsquelle. „In einem einzigen Baum habe ich schon mal hundert Affen gesehen“, sagt der Ökologe John Terborgh von der Duke University. „Aber so lange die Machiguenga keine Schusswaffen für die Affenjagd benutzen, richten sie nicht viel Schaden an.“

Gekürzte Fassung aus National Geographic Deutschland, Ausgabe Juni 2016,


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