Marokkos Königsstädte Prunkvoll, prächtig, zauberhaft


Von Hibiskus überwucherte Moscheen, der beste Minztee des Landes und die gewaltigste Festung Nordafrikas - die vier Königsstädte Marokkos sind perfekt, um arabische Kultur und Lebensart in allen Facetten kennen zu lernen.
Von Gesine Unverzagt

"Allaha akbar"! Der laute Ruf des Muezzin holt mich bei Sonnenaufgang aus dem Schlaf. Wie jeden Morgen beginnt der Tag der Gläubigen mit den rituellen Waschungen und dem ersten von fünf Tagesgebeten. Marrakesch erwacht. Eine bunte Menschenmenge beginnt die gewundenen Gassen zu füllen. Sie drängen in die Ben-Youssef-Moschee. Die prächtige Koranschule ist eine der bemerkenswertesten Sehenswürdigkeiten von Marrakesch.

Maurischer Luxus pur

Ich breche früh auf, um mit meinem Guide Mbark den Bahia Palast zu besichtigen, eine ehemalige Residenz der Großwesire Si Moussa und Ba Ahmed, Ende des 19. Jahrhunderts erbaut. Es ist ein riesiger labyrinthischer Palast mit Empfangssälen, Galeriehöfen, üppig bepflanzten Innenhöfen und Wohntrakten. Maurischer Luxus pur.

Von erlesenem Geschmack ist auch der Majorelle-Garten, nahe der Moschee Bab Doukkala gelegen. Eigentümer war der französische Modeschöpfer Yves Saint-Laurent - entsprechend geschmackvoll ist die Gartenanlage. Die knallblaue Fassade der Villa inmitten riesiger Bambussträucher, blau blühender Jocarandabäume, Yuccas, Papyrusstauden und Palmen - eine Symbiose von Architektur und Natur.

Blasmusik und Berberfrauen

Das Herz Marrakeschs und Ort der Begegnungen ist der Jemaa-el-Fna-Platz. Auf der Terrasse des "Café de Franc" habe ich einen Logenplatz bezogen, um das bunte Treiben auf dem Platz zu beobachten, denn am Nachmittag verwandelt sich dieser Platz in ein Freilichttheater. Gegen entsprechendes Bakschisch finden Aufführungen jeder Art statt.

Gaukler zeigen ihre Künste, Schlangenbeschwörer betören mit anhaltender Blasmusik. Berberfrauen malen den Touristinnen Hennaornamente auf die Haut, als temporäre Tätowierung. Neben den Zauberern, Musikern, Tänzern, Affenbändigern, Wunderdoktoren und Vorlesern sind die farbenprächtig gekleideten Wasserverkäufer zu bestaunen.

Riesige Orangenstände und Gemüse in farbigen Pyramiden

Riesige Orangenstände werden angekarrt. Köche beginnen Essensstände aufzubauen. Gemüse wird zu farbigen Pyramiden getürmt. Rauchschwaden ziehen über den Platz. Der köstliche Duft der Garküchen benebelt. Dampfend präsentiert sich der Platz in goldenem Abendlicht.

Am Stand Sieben verkauft Samir seinen Wundertee: eine Mischung aus Ginseng und Ingwer. Es soll ein Getränk mit aphrodisierenden Wirkung sein, behauptet er. Auf jeden Fall wirke der Tee bei ihm Wunder.

Stundenlanges Feilschen

Die Altstadt ist von einer mächtigen zwölf Kilometer langen und sechs bis neun Meter hohen Mauer aus rotem Lehm umgeben. Mit Mbark tauche ich ein in das Labyrinth der ausgedehntesten Souks des Landes. Bloß nicht stehen bleiben und Interesse zeigen, denn im Nu bin ich von mehreren Händlern umringt, die ihre Waren anpreisen. Ein gewisses Talent zur Schauspielerei ist bei einer Preisverhandlung von großem Nutzen, denn stundenlanges Feilschen um die Ware ist üblich.

Besonders bunt ist der Souk der Färber und der Teppichsouk, ein Wirrwarr vielfarbiger Stoffballen und riesiger Teppichhaufen. Im Souk für das Metallhandwerk beobachte ich die Messing- und Kupferschmiede bei der Arbeit. Fasziniert schaue ich den Holzschnitzern zu, wie sie mit Händen und Füßen Schachfiguren drechseln und schnitzen. Formvollendet sind die schönen Kästchen und Dosen aus Wurzelholz.

Gewürzschwaden von Safran, Kümmel, Ingwer

Alle Wohlgerüche Arabiens findet man auf den Märkten: Gewürzschwaden von Safran, Kümmel, Ingwer, Nelken und Orangenblüten. Nicht nur die aufgetürmten Oliven in unterschiedlichen Farbnuancen, sondern auch die Berge von Feigen, Datteln, Nüssen und Nougatstücken machen den Marktbesuch zu einem Fest der Sinne.

Nach einem ausgedehnten Soukbesuch bekomme ich Lust auf einen Pfefferminztee, den es überall in Marokko gibt. Heiß und süß, aus Silberkannen in hohem Bogen in kleine Gläser gegossen, schmeckt er köstlich und erfrischend.

Marokko ist auch ein Land der Gegensätze, in dem Teenager in Miniröcken gemeinsam mit tief verschleierten Mädchen Mofa fahren. In dem halbwüchsige Jungs lärmende Mopedwettrennen veranstalten, um anschließend den Gebetsteppich auszurollen und niederzuknien. Es ist ein Land, in dem Frauen als Ärztinnen, Rechtsanwältinnen und Professorinnen arbeiten, Polygamie jedoch legal ist.

Die Hauptstadt des Landes ist

Rabat

. Von hier aus regiert der König, wenn er sich nicht gerade in einem seiner anderen Paläste aufhält. Der Palast in Rabat ist der schönste und größte und wurde von Mohammed V. 1864 erbaut.

Ich stehe bewundernd vor dem Prunkbau und der Freitagsmoschee mit den schimmernden, grün lasierten Dachziegeln. "Die Farbe Grün ist nicht nur die Farbe des Propheten, sondern sie symbolisiert auch Autorität und Kraft", erklärt Mbark.

Am maurischen Hauptportal patrouilliert die Palastgarde. Diener in bodenlangen, weißen Djellabas und in gelben "Babuschen", den typischen Pantoffeln, schlendern über den Platz und verschwinden in kunstvoll geschnitzten Toren aus Zedernholz.

Verschmelzung von Kultur und Natur

Nach so viel Prunk genieße ich außerhalb der Stadtmauer die Stimmung in der verfallenen Meriniden-Nekropole Chellah, der antiken Römersiedlung Sala Colonia. Was im 14. Jahrhundert ein Friedhof war, ist heute eine einmalige Verschmelzung von Kultur und Natur.

Die Ruinen und die Moschee sind überwuchert von einer üppigen Vegetation. Rosarote Bougainvilleen, knallroter Hibiskus, zarte Mimosenbäume und großblättrige Feigenbäume haben sich wie ein grüner Teppich über die Totenstadt gelegt. In den Bäumen haben Tausende von Kuhreihern ihre Nester gebaut.

Für die musikalische Untermalung sorgen unzählige Störche mit ihrem Geklapper. Sie haben sich in den Ruinen und in den Bäumen zu Hunderten niedergelassen. Selbst das Minarett dient einer großen Storchenfamilie als Behausung.

Gewaltigste Festung Nordafrikas

Bevor ich Rabat verlasse, besuche ich die Kasbah des Oudaia, das idyllische Ursprungsviertel Rabats. In den engen Gassen sind die Mauern der weißen Häuser zur Hälfte mit einem dekorativen blauen Rand versehen. In dem prächtigen "Andalusischen Garten" besuche ich das "Maurische Café" mit dem einmalig schönen Ausblick auf die unterhalb gelegene Mündung des Flusses Bou Regreg mit Blick auf die Schwesterstadt Salé am gegenüberliegenden Ufer.

Durch das schönste Tor des Landes, dem Bab el-Mansour, gelangen wir nach

Meknès

. Der Zeitgenosse von Ludwig XIV., Sultan Molay Ismail, machte die Stadt zur gewaltigsten Festung Nordafrikas. Heute macht die mit Bastionen und dicken Mauern umgebene Medina eher einen beschaulichen Eindruck.

Besonders wohl fühle ich mich auf dem Platz el-Hedim, dem pulsierenden Herzen der Altstadt, von dem Tor Bab el-Mansour begrenzt. Auf dem Platz genieße ich Minztee, der hier besonders gut sein soll. Aus dem fruchtbaren Umland von Meknès kommen nicht nur die aromatischsten Oliven, sondern auch die beste Minze des Landes.

Auf Tuchfühlung mit den Anwohnern

Auf einer Anhöhe habe ich einen ersten herrlichen Blick auf

Fès

, mit 1000-jähriger Geschichte die älteste der Königsstädte und noch heute die Kulturhauptstadt des Landes. Eindrucksvoll ist die Grabmoschee des Moulay Idriss II, des Gründers der Stadt.

Von der Moschee und Universität Kairaouine bekommt der Nichtmuslime nur einen kleinen Einblick, jedoch bin ich von der Größe des Sakralbaus mit den grünen Dachziegeln beeindruckt. Dann verlieren Mbark und ich uns im Irrgarten der Medina von Fès, el-Bali, die von der Unesco 1976 zum Weltkulturerbe erklärt wurde.

In engen Gängen, auf Tuchfühlung mit den Anwohnern, wo nur Esel als Transportmittel von Waren und Müll in Frage kommen, verirre ich mich gänzlich. Aber da steht plötzlich Mbark wieder vor mir. Die alles beobachtenden Bewohner haben ihn informiert, wohin ich gegangen bin.

Häute von Hand gegerbt

Dankbar überlasse ich nun dem Guide die Führung durch das Gewirr der Gänge. Über eine enge, finstere Treppe führt er mich auf eine Terrasse über den Dächern, von wo aus wir den Gerbern bei ihrer schweren Arbeit zuschauen können. Noch immer werden die Häute von Ziegen und Rindern von Hand in riesigen Bottichen gegerbt und gefärbt, wegen der ätzenden Laugen eine stark gesundheitsschädliche Arbeit. In praller Sonne, bis zu den Knien in Bottichen, halten die schlecht bezahlten Männer diese harte Arbeit höchstens vier Jahre aus.

Über Beni Mellal geht die Fahrt zurück nach Marrakesch, wo ich auf dem Jemaa-el-Fna-Platz von Samir von Stand Sieben mit einem Glas Zaubertrank begrüßt werde. Ich berichte von meinen Erlebnissen und Eindrücken. "Wann kommst du wieder zurück nach Marokko?", will er wissen. "Nächstes Jahr, ganz bestimmt," antworte ich. Da hebt er den Blick zum Himmel: "Inshallah!"- so Gott will.


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