Peking privat Bauchtanz und Bienenlarven

China entdeckt seine Minoritäten. Die Kunst und Folklore aus der Provinz ist auch in der Hauptstadt präsent - eine Rundreise durch die Nationalitäten-Küchen von Peking.
Von Stefan Schomann, Peking

Bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele repräsentierten 56 fesch kostümierte Kinder Chinas gesammelte Minderheiten. Wann immer von den Nationalitäten die Rede ist, wird diese Zahl gebets-mühlenartig wiederholt. 56! Nicht mehr, nicht weniger. Sie alle leben unter Chinas großen, schweren Dach, von der mandschurischen Taiga bis zu den Tropenwäldern Yunnans. In den letzten Jahren be-gegnete man dieser Zahl immer häufiger. China vermarktet seine Minderheiten - ihre Kunst und Folklore, ihre Landschaften und ihre Küchen.

Ein illustres Beispiel für diesen Trend bietet etwa der Nationalitätenpark im Norden der Stadt, direkt vis-à-vis des Olympiageländes, eine ebenso attraktive wie befremdliche großchinesische Völkerschau. Nur dass es dort leider nicht genug zu essen gibt. Gut, dass die ganze Stadt sich mehr und mehr zum Nationalitätenpark entwickelt. Auch wer lediglich Peking selbst besucht, kann hier einen Rundgang durch China unternehmen - mit dem Finger auf der Speisekarte.

Uigurische Küche

Was darf's denn sein? Geräucherte Pferdegedärme vielleicht? Oder ein kapitaler Schafskopf? Die uigurische Küche, aus Chinas Wildem Westen also, genießt seit je einen abenteuerlichen Ruf. Hammelpenis mit Schneelotus etwa stellt, seiner aphrodisiakischen Wirkung wegen, für die chinesische Kundschaft des "Afanti" eine gehörige Verlockung dar. In Urumtschi dagegen wird man dergleichen nur selten aufgetischt bekommen. "Afanti" - ist das nicht das Lokal, wo sie zum Kehraus auf den Tischen tanzen? Genau: eine stadtbekannte Attraktion, Erlebnis-Gastronomie auf Uigurisch. Kaum sind die letzten Teller abgeräumt, verwandelt sich die Speisehalle in eine wummernde Techno-Disco, und die bis dahin so züchtigen Serviererinnen springen juchzend auf die Bänke.

Auch andere uigurische Lokale wie das "Xi Yu Shi Fu" ("ein Restaurant aus westlichen Gefilden") oder das "Si Lu Yi Zhan" ("eine Karawanserei an der Seidenstraße") können in der multikulturellen Hauptstadt auf ein treues Publikum zählen: moslemische Chinesen, arabische Geschäftsleute, westliche Touristen. Die Gesichter der Angestellten spiegeln die ganze Bandbreite Eurasiens wieder, von ultraschmalen Schlitzaugen bis zu klassisch-antikischen Profilen. Auch die Speisekarten decken die komplette Seidenstraße ab. Lammfleisch dominiert, doch auch Pferde- und Rindfleisch gibt es reichlich. Fischgerichte oder Gemüsebeilagen dagegen stellen eher Zugeständnisse an die chinesische Kundschaft dar.

Augen und Ohren essen mit: Mal treten Trommler in Lederwesten und Stulpenstiefeln auf, mal wirbeln Bauchtänzerinnen in Glitzerkostümen durch die Reihen. Eine dieser orientalischen Augenweiden ist Pina. Stattlicher Busen, Hüften wie aus Gelantine, Kuller- statt Mandelaugen, das brünette Haar wild hochtoupiert. Erst nimmt sie die Bühne in Besitz, schlängelt sich dann zwischen den Tischen hindurch und angelt sich schließlich zwei verlegen grimassierende Opfer, die ihr auf der Tanzfläche Gesellschaft leisten müssen.

Nach Dienstschluss erzählt sie uns ihre Geschichte. Sie kommt aus einem Dorf im Süden Xinjiangs. Als ihre Eltern mitbekamen, dass sie in die Welt hinaus wollte, stellten sie sie unter Hausarrest. Eines Nachts verschwand sie trotzdem und landete schließlich als Bauchtänzerin in Peking. Mit ihren Verehrern geht Pina hart ins Gericht. Der ewigen Offerten müde, hat sie sich schließlich einen chinesischen Geschäftsmann geangelt. Was jedoch so manchen arabischen Kavalier nicht davon abhält, bis lange nach Feierabend vor dem Lokal auszuharren, um ihr seine Begleitung anzutragen.

Dai-Rezepte: Schweinefleisch in Palmblättern

Zu den kulinarisch am stärksten vertretenen Volksgruppen zählen die Dai, die vor allem in der an Laos und Burma angrenzenden Provinz Yunnan leben. Es gibt Dai-Lokale im großen Stil, wo Touristen busweise Exotik tanken. Wer wäre nicht neugierig auf Karpfenlippen mit Tofu, Huhn auf Gingko oder gebratenes Moos? Ganz zu schweigen von den knusprigen Bienenlarven für märchenhafte 500 Yuan (knapp 50 Euro) - dem Pendant zum Hammelpenis.

Dabei waren die Anfänge der Dai-Küche in der Hauptstadt eher unscheinbar, wovon das 1994 eröffnete "Chao Shan Dai Jia Lou" zeugt. An einer nordwestlichen Ausfahrtstraße gelegen, lässt es die tropische Heimat mit Bambusdach und Rattanstühlen allenfalls erahnen. Die Küche bietet statt schwerer Kost vorwiegend leichte, aromatische Speisen. Nie gesehene Wildfrüchte und Gemüse, die per Luftbrücke von Kunming eingeflogen werden, dazu Reis in allen Variationen. Als Teller dienen große Blätter.

Die höchste Dichte an Ethno-Lokalen weist eine Seitenstraße am Nationalitäten-Institut auf, an dem Angehörige der verschiedensten Volksgruppen studieren. Neben koreanischen, mongolischen und uigurischen Lokalen findet sich hier das "De Hong" von Liu Bao. Die Eulenbrille und die mürrische Attitüde weisen sie unschwer als die Chefin aus. Als sie vor 20 Jahren von Yunnan nach Peking kam und damit aus einer Reis- in eine Weizenkultur, fand sie die hiesige Küche ungenießbar. Und so haben sich ihre Dai-Rezepte unverfälscht erhalten. Im "De Hong" wird vieles in einer Art Gehäuse gekocht: Reis in der Ananas, Huhn im Bambusrohr, Schweinefleisch in Palmblättern. Der Koch wurde sogar schon von der deutschen Botschaft eingeladen.

Tibetisch: Buttertee und Yak-Käse

Vor 300 Jahren sah der 6. Dalai Lama, Tshanyang Gyatso, eine Schönheit in ein Gasthaus treten. Seither spukt die Traumfrau als Makye Ame in den Köpfen der Tibeter. Eine bessere Patronin ließe sich kaum finden. Neben dem Stammhaus in Lhasa gibt es seit 2001 eine Dependance in Peking. Diese Erfolgsgeschichte verdankt sich einer Romanze zwischen der Chinesin Rebecca Mou Xianghui und dem Tibeter Tsering Wang Qing. Ein Traumpaar der hauptstädtischen Schickeria: sie trotz ihrer Jugend schon ganz professionelle Gastgeberin, er ein kräftiger, langmähniger Himalaja-Yuppie.

Schon wenn man die Treppe zum Lokal emporsteigt, röhren und scheppern einem tibetische Klänge entgegen. Fast die gesamte Einrichtung wurde aus Lhasa herbeigeschafft: die Teppiche aus Yak-Wolle, die bronzenen Räucherbecken, die verzierten Truhen und selbst die alte Steinschlossflinte. Seit der Eröffnung, berichtet Rebecca, sei bereits ein Gutteil der etwa 2000 Tibeter in Peking hier gewesen. Daneben zählen Schauspieler und Fernsehprominenz zu ihren Gästen, Funktionäre, Studenten, Botschaftspersonal und Lonely-Planet-Leser. Die beiden verstehen ihr Etablissement als ein "Fenster für Tibet". Das Regal mit einschlägigen Büchern und Zeitschriften findet regen Zuspruch, besonders bei jungen Chinesen, die sich zusehends für tibetische Kultur, Natur und Religion interessieren.

Neben den hohen Preisen stellen die vielen Milchprodukte für Chi-nesen eine Hemmschwelle dar. Buttertee etwa wird als Brechmittel angesehen und Tsampa mit rohem Hackfleisch als Barbarei. Doch auch bei der internationalen Klientel gilt die tibetische Küche nicht gerade als delikat. Weshalb das "Makye Ame" auch nepalesische und nordindische Gerichte offeriert. Zu den Spezialitäten zählen Amdo-Suppe, geröstete Wildpilze, Yak-Käse und Yak-Mark. Beim Anblick des in Nordindien beliebten Palak Paneer durchzuckt es die deutschen Gäste: schwimmt doch auf dieser sämigen Spinatsuppe aus der mythischen Heimat der Arier ein sahneweißes Hakenkreuz.

Auch im "Makye Ame" betätigt sich das Personal zugleich als Folkloretruppe. Jeden Abend spulen Pekings Ethno-Lokale so ein kleines Kulturfestival ab. Gastronomisch bilden die Minderheiten die Würze Chinas, ohne welche die vorherrschende Kost auf Dauer eintönig wäre. So auch im Falle von Pekings exotischster Minderheit, deren Shangri-La im Hotel Kempinski zu finden ist: ein Paulaner Bräuhaus mit Biergarten, das Leberkäs, Weißwürste und Schwarzwälder Kirsch kredenzt.


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