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Südseeparadies Bora Bora: Allein zwischen Hochzeitspaaren

Reisewarnung: Fahren Sie nicht nach Bora Bora! Zumindest nicht als Single. Autor Björn Erichsen hat das Flitterwochenparadies trotzdem besucht. Ein masochistischer Selbstversuch in der Südsee.

Bora Bora

Willkommen auf Bora Bora: Palmen, puderweißer Strand und eine Lagune zum Verlieben

Schon wieder so ein einsamer Tisch am Strand. Reich gedeckt mit Obst und Meeresfrüchten, Kerzenleuchter, bestes Geschirr. Ein Pärchen hat Platz genommen, sie trägt Rot und eine Hibiskusblüte hinter dem Ohr, er Bermudas und das Hemd vier Knöpfe offen, Mitdreißiger, sicher Amerikaner. Im Hintergrund sinkt die Sonne gemächlich hinter den Gipfel des Otemanu, vorn liebkost sanfter Wellenschlag den puderweißen Sand. Champagner prickelt, Kristallgläser klingen, ein endlos tiefer Blick: "I love you, honey", "I love you, too."

Das Ganze ist dermaßen romantisch, dass mir beinahe das Thunfisch-Carpaccio vom Mittag wieder hochkommt. Ich habe es satt, ständig anderen Leuten beim Glücklichsein zuzuschauen, immer allein den Strand entlang zu schlurfen. "So, bitte weitergehen", gibt mir nun auch der Maohi-Animateur zu verstehen, der die beiden Turteltauben gleich noch mit einer traditionellen Tanzeinlage beglücken möchte. Na klar, die beiden haben das "einsame Romantik-Dinner" gebucht, und dafür sicher eine Stange Geld bezahlt. Wie das nun mal so ist auf Bora Bora, der First Lady unter den Trauminseln.

Man kommt nicht umhin, den kleinen Klecks Land im Südpazifik, rund eine Flugstunde von Tahiti entfernt, ein Paradies zu nennen: Eine schroffe Vulkaninsel mit dichter Vegetation, umspült von einer kristallklaren Lagune, die je nach Sonnenstand in immer anderen Türkistönen schimmert. Vor den äußeren Koralleninseln, den Motus, mit ihren langen Sandstränden schweben Bungalow-Dörfer auf Stelzen über dem Wasser. Die Luft ist warm und weich und riecht nach Blumen. Bora Bora ist ein wahres Sehnsuchtsziel, vor allem für Verliebte: Rund 70 bis 80 Prozent der Gäste befinden sich mitten in den Flitterwochen.

Manche Paare füttern sich beim Essen


Für einen Single grenzt der Aufenthalt im Paradies dagegen an praktizierten Masochismus: Seit der Ankunft bin ich umringt von glücklichen Paaren, ist hier eigentlich irgendjemand nicht verliebt? Unter Palmen wird geknutscht, gebusselt und gekuschelt, was die junge Liebe hergibt. Manche hinterlassen "Just-married"-Muschelherzen im Sand, andere verfallen in Babysprache und füttern sich beim Essen. Als Paar auf Bora Bora hat man einfach überglücklich zu sein - und fest entschlossen, es jeden anderen wissen zu lassen.

Ignorieren hilft nicht, dafür ist die allgemeine Hormonausschüttung viel zu hoch: Beim Mittagessen erzählte ein kanadisches Pärchen im Plauderton von einer einsamen Nacht in einem Motu. Und als ich vorhin auf meine Terrasse kam, ließ sich das nette französische Paar aus dem Nachbarbungalow aneinandergeschmiegt in einem Einbaum vom Wind über die Lagune treiben. Ich rede mir seither ein, dass ich so etwas kitschig finde und dusche häufiger mal kalt.

"Bora Bora auf Tahiti hey!"


Der Mythos Bora Bora vom einsamen Südsee-Paradies stammt noch aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Insel war damals eine wichtige US-Versorgungsbasis und häufiger mal im Fernsehen zu sehen. 5000 US-Soldaten waren hier stationiert, "friendly invasion" hieß das damals im Militärjargon. In Deutschland war es Schlagerbarde Tony Marshall, der Ende der 70er Jahre Fernwehgefühle auslöste, als er sang vom "Paradies im Sommerwind, wo alle Menschen glücklich sind. Bora Bora hey, Bora Bora auf Tahiti hey." Der Song wurde ein Hit, und Marshall 2008 zum Ehrenbürger der Insel ernannt.

Ein amerikanisches Pärchen auf Bora Bora: "Die Insel ist eine Once-in-a-lifetime-Erfahrung"

Ein amerikanisches Pärchen auf Bora Bora: "Die Insel ist eine Once-in-a-lifetime-Erfahrung"

"Einsam" kann man Bora Bora heutzutage nicht mehr nennen. Die Insel ist ein Jetset-Ort, in dem Promis wie Tom Cruise, Nicole Kidman oder Bill Gates ihre freien Tage verbringen. Es gibt einen Kleinflughafen, beinahe täglich liegen Kreuzfahrtschiffe vor Anker. In den letzten 20 Jahren haben sich gut ein Dutzend Hotels der gehobenen Luxuskategorie auf der kleinen Insel angesiedelt. Das Preisniveau ist exorbitant: Eine Nacht im Bungalow kostet etwa 800 Euro - ohne Frühstück.

Dafür zählt Romantik zu den Standard-Dienstleistungen: Wer ein Honeymoon-Package bucht, findet eine Spur von Blütenblättern im Bungalow, bekommt das Dinner auf Wunsch per Kanu gebracht. Für 55.000 Polynesische Franc, rund 460 Euro, gibt es "Romantic Rendezvous", eine gemeinsame Kokosmilch-Massage mit anschließender Regenschauerdusche und Champagner im separaten Sprudelbad. Viele Hotels beschäftigen auch Hochzeitsplaner, die für die Liebenden traditionelle polynesische Zeremonien organisieren.

Das Hochzeitsvideo ist schon online


"Wir haben direkt am Strand geheiratet", erzählt Lynn aus Seattle, seit neuestem Rechtsanwaltsgattin. "Es war so romantisch, mit all den Tänzern und Blumen um uns herum", schwärmt sie noch immer mit verklärtem Blick. Ja, meint auch ihr Mann Ian, Bora sei schon eine "Once-in-a-lifetime"-Erfahrung und jeden Dollar wert. Das Video von der Zeremonie hat er bereits ins Internet gestellt, "damit sich alle Freunde mit uns freuen können", erzählt er mir noch, während ich vergeblich darauf warte, dass sich ihr Glück als ansteckend erweist.

Den Tag auf Bora Bora bekommt man auch als Single ganz gut rum: Tauchen, Mantarochen füttern, eine Entdeckungstour über die Hauptinsel, alles wunderschön. Schwierig sind die Abende: Wenn eine Armada von funkelnden Sternen an das Firmament zieht, viel heller als in Europa. Und der Kellner mich besonders mitleidig fragt: "Für Sie nur ein Gedeck, Sir?". So etwas wie Nachtleben, zumindest im klassischen Sinne, gibt es auf Bora Bora nicht, die meisten Pärchen verdrücken sich bereits kurz nach dem Abendessen in ihre Bungalows.

Da bleibt viel Zeit zum Nachdenken: Darüber, wann ich wohl die Milchstraße das letzte Mal so deutlich gesehen habe, oder was das französische Pärchen von gegenüber an diesem lauen Südsee-Abend wohl so treibt. Und über Zwischenmenschliches, die wahre Liebe und inszenierte Romantik. Und was ist eigentlich von einer Insel zu halten, die Tony Marshall zum Ehrenbürger ernennt? Kurz vor dem Einschlafen beschließe ich, den Kellner, den mit dem besonders mitleidigen Blick, morgen mal zu fragen, ob sie das einsame Romantik-Dinner auch in der Single-Variante anbieten.

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