Serengeti Durch Afrika im Schritt-Tempo


Ein ganz heißer Tipp: Wandern unter sengender Sonne durch die Savanne Tansanias. Ein ungewöhnliches Abenteuer, bei dem der Gast aber nicht überall auf Luxus verzichten muss

Ein ganz heißer Tipp: Wandern unter sengender Sonne durch die Savanne Tansanias. Ein ungewöhnliches Abenteuer, bei dem der Gast aber nicht überall auf Luxus verzichten muss

Hier also hat der Mensch den aufrechten Gang gelernt. In diesem Land voll roten Staubes, wo das Auge Weite findet bis zum Horizont und immerblauer Himmel sich über grünen Hügeln wölbt. Auf einem dieser Hügel stehen wir und schauen auf die Savanne. Kein Asphalt, nirgends; keine Stromleitungen, Häuser, Zäune. In der Ferne streckt sich die Serengeti bis zum Viktoriasee, wie Riesenkegel erheben sich Vulkane zur Rechten und dahinter, wolkenverhangen, sieht man den Kilimandscharo.

Braune Tupfer zieren das Panorama; es sind die Dörfer der Massai, Trutzburgen gegen Raubtiere und Viehdiebe. Aus einem dieser Kraals kommen Samuel und Daniel, zwei junge Massai-Krieger, die uns durch das Land zwischen Ngorongoro-Krater und Serengeti führen sollen. Ihre Dorfältesten lassen ausrichten, wir sollten uns wohl fühlen im Land der Väter, am Fuße der Berge, wo Engai wohnt, der Gott der Massai. Er schenkt ihnen das Leben, schickt den Regen und den Donner.Samuel und Daniel warten auf uns am Rand des Ngorongoro-Kraters, dem Tierparadies in der Senke der Hochsavanne. Zwei schöne Männer mit fein geflochtenen Zöpfen; die rot karierten Hüfttücher wie eine Toga um die Schultern geschlagen. Sie tragen weder Weinkorken noch Filmdosen im Ohr, wie manche Massai in Kenia, die sich verkauft haben an den Massentourismus; in Tansania leben die Massai traditioneller. Nur ihre Füße haben sie dem Fortschritt angepasst, sie laufen auf Gummi aus alten Motorradreifen, das aussieht wie Siebenmeilensandalen. In Deutschland hatten wir "Wandern mit den Massai" gebucht, und nun stehen sie da, verlegen lächelnd, einen Speer in der Hand, ein Messer im Schaft. Es gibt wohl kein afrikanisches Volk, das so oft fotografiert und verklärt wird: Ebenmäßig sollen ihre Gesichter sein, jungen Göttern gleich, sehnig der Muskelbau. Samuel und Daniel sprechen kein Englisch und wir kein Suaheli. Was zu bereden ist, klärt Jörg Gabriel, unser Reiseleiter, der seit 34 Jahren in Afrika lebt und die Reise ausgearbeitet hat. Mit seinem breitkrempigen braunen Akubrahut erinnert der Diplomatensohn an den jugendlichen Finch Hatton aus "Jenseits von Afrika".

Es ist Kaum zu glauben, dass wir keine anderen Touristen treffen in einer der prächtigsten Landschaften der Welt, von der sich nicht nur Hemingway wünschte, dass sie endlich einmal von den größten Künstlern verewigt würde. Eine Landschaft wie zum Wandern bestellt. Keine zu steilen Anstiege, sondern ein sanftes Gehen in 1500 Metern Höhe bei wohltemperiertem Klima. Im Norden Tansanias, einem Teil des Great Rift Valley, dem großen ostafrikanischen Grabenbruch, ist der Weltenlauf bis heute zu besichtigen. Seit über 15 Millionen Jahren driftet die Erde auseinander, bis heute. In diesem gewaltigen Graben - 1000 Kilometer lang und 60 breit - finden sich große und kleine Seen und Savannen, und an seiner Flanke die höchsten Berge Ostafrikas. In einer Lavaschicht sind 3,7 Millionen Jahre alte Fußabdrücke konserviert, Schritte, die wahrscheinlich von einer Familie stammen, von Vater, Mutter, Kind - zu sehen in einem staubigen Museum oberhalb der Olduvai-Schlucht. Anfang des vergangenen Jahrhunderts war hier ein deutscher Schmetterlingssammler namens Kattwinkel über alte Knochen gestolpert und hatte so die Suche nach dem Anfang der Menschheit befeuert. Nach einem Vierteljahrhundert aufopfernder Buddelei fand das britische Anthropologenpaar Leakey fast zwei Millionen Jahre alte Reste des so genannten Nussknackermenschen, der Knochen durchbeißen konnte: eine Art Schimpanse auf zwei Füßen. Irgendwann machten sich seine Enkel über alle Berge und wurden, nun ja, eben auch Deutsche. Wir haben den umgekehrten Weg genommen und sind also auf so etwas wie Heimaturlaub. Ein Wildhüter begleitet uns, er muss nicht einen Schuss abgeben. Unsere Sorge, vielleicht Opfer hungriger Löwen zu werden, schwindet mit jedem Schritt. Im Ngorongoro-Schutzgebiet am Rande der Serengeti sind die wilden Tiere an Menschen gewöhnt: 38 000 Massai teilen sich das Land mit Zebras und Büffeln, Elefanten und Giraffen. Sie hüten Rinderherden, ihr ganzer Stolz, ihr ganzer Besitz. Weil die Massai nicht jagen, haben Raubtiere von ihnen wenig zu befürchten. Wir folgen den Spuren der Gnus und den Hufabdrücken der Zebras. Laufen auf von Büffeln ausgetretenen Pfaden durch Buschland und Dornwald, vorbei an riesigen Affenbrotbäumen, deren zerfurchte Rinde an Elefantenhaut erinnert. Ihr Umfang wächst in zweihundert Jahren um einen Meter. Wir wandern in einer Urlandschaft, von der Sonne gebleicht, vom Wind geformt. Und liegen träumend unter Akazien, während Daniel und Samuel sich zwanzig Meter weiter ins Elefantengras setzen und leise Lieder singen. "Sie singen von ihren Rindern", sagt Jörg.

"Keserian ingera? Keserian ingishu?" Wenn sich zwei Massai begegnen, begrüßen sie sich mit der Frage, wie es den Kindern, wie es den Rindern gehe. Sie glauben, ihr Gott Engai habe ihnen alle Kühe der Welt geschenkt. Bereits Kinder und Jugendliche lernen, den Tieren vorzusingen. Die Massai leben von Kuhmilch und trinken in der Trockenzeit Tierblut, dann ritzen sie mit einer Pfeilspitze Halsschlagadern auf. Immer wieder kommen wir an Hirten vorbei, die ihre Tiere, es war Trockenzeit, in höher gelegene Täler getrieben haben. Samuel und Daniel pflücken eine Art Gummi von den Bäumen und geben es uns zum Kauen. Gut für die Zähne, bedeuteten sie uns. Manchmal sehen wir Giraffen, die ihre langen Hälse in die Kronen der Akazien strecken, manchmal eine Horde Büffel. Sie nehmen Witterung auf, schauen kurz in unsere Richtung und galoppieren dann davon. Im samenschweren Gras traben Perlhühner und Impalas. Thompson-Gazellen, Lieblingsfutter der Geparden, flüchten in weichem Zauberlicht. "Vor ein paar Wochen bin ich mit Freunden zehn Meter an einer Gepardenpärchen vorbeigelaufen", erzählt Jörg. "Es hat uns nicht beachtet. Wir Menschen passen nicht in ihr Beuteschema." Wir genießen das Privileg, die Wildnis körperlich zu spüren. Geduldet zu sein, wo Menschen sich unterordnen müssen, nicht Tiere. Einmal entdecken wir Elefanten. "Lass uns mal gucken, was die so machen", sagt Jörg. Sich den Tieren zu nähern, wird zu einer Selbstverständlichkeit, wir verlieren die Scheu. Und irgendwann die Massai. Samuel und Daniel verabschieden sich, wie sie gekommen sind. Ohne großes Aufheben, irgendwo im Staub der Savanne unter einer mächtigen Akazie. Vielleicht haben sie ein Auto angehalten, vielleicht sind sie auch zu Fuß zurück in ihr Dorf.Aber die Reise kann noch eine Steigerung vertragen, und das ist die Begegnung mit Menschen, die ihre Haltung zum Leben über Jahrtausende nicht geändert haben. Es sind die Buschleute der Hadzabe, die uns am meisten beeindrucken, Tansanias letzte Jäger und Sammler. 800 von ihnen leben am Rande der Serengeti in kleinen Gruppen von 15 bis 20 Erwachsenen und Kindern. Wir fahren mit dem Geländewagen bis zu einem Außenposten des Nationalparks und wandern von dort weiter. Die Hadzabe haben keine Häuptlinge, betreiben keine Landwirtschaft. Sie halten kein Vieh und schlafen auf dem Boden.Sie besitzen wenig außer Pfeil und Bogen. Ihre Bögen dehnen sie überm Feuer und stutzen sie am Ende mit den Zähnen zurecht. Die Frauen stampfen Früchte mit Steinen und graben Wurzeln und Knollen aus dem Boden. Den Segnungen der Zivilisation können die meisten Hadzabe nichts abgewinnen. Einer seiner Freunde, erzählt Jörg, habe einem Buschmann seine Taschenlampe schenken wollen. Was soll ich damit, antwortete der. Das Wesen der Hadzabe ist Sein, nicht Haben. Sie kennen keine Wörter für Vergangenheit und keine für Zukunft. Als wir die Hadzabe treffen, sitzen sie im Schatten einer Akazie. Wir geben den Männern die Hand, sie setzen sich wieder hin. Wir geben den Frauen die Hand, sie setzen sich wieder hin. Wir setzen uns auch und sehen ihnen zu, wie sie Gras aus einer Pfeife rauchen, die reihum geht. Die Männer husten kräftig. Kleine Jungen schnitzen Pfeile, ihre großen Brüder machen Feuer. Sie reiben hartes auf weiches Holz, wir holen uns Schwielen dabei. Ein kleiner Junge, vielleicht fünf Jahre alt, fordert uns zum Bogenschießen heraus. Er trifft besser als wir. Nach Stunden in stummer Runde steht einer der Jäger auf. Gehen wir, zeigt er an, und die Männer nehmen ihre Bögen und Pfeile. Zwischen den Bäumen sehen wir Giraffen. Großes Fleisch, sagt einer der Jäger. Das große Fleisch galoppiert davon. Plötzlich bleiben die Männer stehen und spannen die Bögen. Sie schießen ein kleines Äffchen oben aus dem Baum. Die Frauen in unserer Gruppe stöhnen mitleidig, machen dann aber doch Fotos. Abends wird die halbgare Beute mit Haut und Haaren gegessen.Während wir den Hadzabe folgen, stellen wir uns vor, dass es so ähnlich schon vor zehntausend Jahren gewesen sein muss. Wie damals sind die Jäger nur unterwegs, wenn sie der Hunger treibt. Wir haben es einfacher: Abends erwarten uns Diners unterm Leinenzelt und Betten mit Wärmflaschen, während der Wind kühl weht. Wir hören Tiere brüllen, zetern und liegen in unserem Zelt, in dem neben dem Waschbecken ein Bademantel hängt. Allein das ein Vergnügen, mit Gabriels Wanderzirkus durch Afrikas Mitte zu touren: Innerhalb weniger Stunden sind die Zelte auf- und abgebaut, am Abend kommt ein Kellner mit weißem Hemd und Fliege ans Feuer und verkündet, die Bar sei eröffnet. Was für ein Luxus, nach anstrengender Wanderung in einer Freiluftdusche dem verschwitzten Körper 20 Liter Wasser zu gönnen, das über Holzfeuer erhitzt wurde. Der Zimmerjunge bügelt und sagt im feierlichen Ton: "Mister, I am in charge of your tent."Wer in der Dunkelheit sein Zelt verlassen will, und sind es nur die hundert Meter bis zum Lagerfeuer, muss über Lichtsignale oder Walkie-Talkie einen bewaffneten Begleiter rufen. Nicht jeder weiß, dass man Löwen, wenn man denn dazu noch die Gelegenheit hat, einfach auf die Nase boxen sollte, ihrem empfindlichsten Körperteil. Das ist ein uralter Massai-Trick. Wir aber werden vorsichtig mit der Zeit, achten auf Schlangen und Skorpione und lernen die Geräusche der Nacht zu entschlüsseln. Eines Abends bekommen wir es doch noch mit der Angst zu tun. Wir sitzen am Lagerfeuer, als Jörg Gabriel plötzlich Gras rascheln hört. Im schwachen Licht seiner Taschenlampe sehen wir zwei Löwinnen, einen Katzensprung von uns entfernt. Sie lassen uns ein paar Sekunden an das Ende denken, dann ziehen sie weiter. Wahrscheinlich sind sie genauso erschrocken wie wir. Als wenig später Zebras bellen, verzweifelten Eseln ähnlich, und eine aufgebrachte Herde durch die Nacht bebt, dürfen wir entspannen. "Die Räuber haben besseres Fleisch gefunden", sagt Jörg.Richtig gut schläft danach niemand. Hyänen heulen, irgendwo in den Bäumen sitzt ein Black Boubou, ein Schwarzwürger, er gurrt die ganze Nacht. Wir fühlen uns ausgeliefert wie die ersten Menschen. Vor dem aufrechten Gang.

Ulli Hauser

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