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Shanghai: Es lebe der Fortschritt

Mit 431 Stundenkilometern gleitet der Transrapid vorbei an Reisfeldern und Bauernhütten. Shanghai boomt und nimmt wenig Rücksicht auf alte Traditionen.

Von Gesine Unverzagt

Es ist sechs Uhr morgens. Am Horizont beginnt zögerlich der Tag. Noch liegt der Morgennebel wie ein dichter Schleier über Shanghai. Verschlafen machen wir uns auf den Weg zum Bund, zur Uferpromenade, denn am Morgen wird die Flaniermeile zum Fitnesscenter. Die halbe Stadt scheint zu dieser für uns ungewohnten Tageszeit schon auf den Beinen zu sein. In kleinen Gruppen wird Tai chi und Gymnastik gemacht, Paare spielen Federball, Hausfrauen bewegen sich synchron, mit Fächern ausgestattet, zu schriller Musik. Alte Männer schauen entzückt in den rosa werdenden Himmel, wo ihre selbst gebastelten Drachen kreisen. Ein älterer Herr im hellgrauen Anzug bittet eine distinguierte Dame zum Tanz und los geht's im steifen Schritt zum Rhythmus eines Cha-Cha-Chas. Dazwischen joggen die Jungen, perfekt gestylt in schickem Nike-Outfit den Bund entlang. Morgenübungen haben in China Tradition, um Körper, Geist und Seele in Balance zu halten.

Hochhäuser auf Reisfeldern

In Shanghai am Bund hat sich die Kulisse in den letzten Jahren stark verändert. Während auf der einen Seite die historischen Prachtbauten aus der britischen Kolonialzeit den Hintergrund für das Frühspektakel bilden, ist der Blick auf Pudong mit modernster Architektur auf der gegenüberliegenden Seite des Huangpu Flusses spektakulär. Wo Bauern Anfang der 90er Jahre noch Reisfelder anbauten und rotte Hafenanlagen das Bild prägten, ragen heute Hochhäuser aus Glas, Stahl und Marmor in den Himmel. Prachtstück ist das 88 Stockwerke zählende Jin Mao Building, eine gelungene Mischung ost-westlicher Architektur. Von der Aussichtsplattform im achtzigsten Stock ist der Blick auf die eng besiedelte Megacity bei klarer Sicht gigantisch. Shanghais Wahrzeichen jedoch ist der Oriental Pearl Tower gleich nebenan, der kitschige Fernsehturm in rosarot. Um die in den letzten Jahren entstandenen Prachtbauten internationaler Stararchitekten zu bewundern, lohnt eine Bootstour auf dem Fluss. 6000 ausländische Firmen haben sich allein in Pudong niedergelassen. An den hypermodernen Gebäuden funkelt und blinkt die Leuchtreklame globaler Großkonzerne.

Mönche und die Marktwirtschaft

Obwohl die Marktwirtschaft boomt, haben auch die Tempel wieder Zulauf. Unser Guide Yu führt uns zu dem meistbesuchten Buddhaheiligtum Shanghais, dem Jade-Buddha-Tempel. Die kostbare Buddhafigur wurde nur durch einen Trick von der Zerstörungswut während der Kulturrevolution verschont. Kluge Mönche hatten die Figur mit Mao-Plakaten beklebt, die niemand abzureißen sich traute. Heute ist die Glaubensgemeinde wieder groß und reich, im Hof parkt der nagelneue BMW des Abtes. Ein von den Einheimischen gern besuchter Tempel, ist der "Tempel des ruhigen Friedens", Jing´An, direkt neben einem riesigen Einkaufszentrum, das mit großen Plakaten oberhalb des Tempels um Kunden wirbt. Hier sitzen Großfamilien und falten stundenlang Silberpapier, das Geld symbolisiert, das durch Verbrennen die Geister der Unterwelt beschwichtigen soll.

Im größten Touristenrummel der Altstadt befindet sich das alte Wuxing-Ting-Teehaus in einem künstlichen Teich. Die Brücke, die zum Teehaus führt, wurde zur Abwehr der Geister im Zickzack gebaut. In der Oase der Ruhe wird zum Tee feines Gebäck gereicht. Schräg gegenüber ist die Moderne eingezogen. Neben "Lü Bo Lang", dem bekanntesten traditionellen Restaurant der Stadt, wo bereits Bill Clinton verwöhnt wurde, hat Starbucks eine ihrer Filialen eröffnet. Dort trifft sich das Jungvolk bei Latte macchiato. Schicke Cafés und Bars schießen aus dem Boden. Besonders beliebt ist die Gegend der ehemaligen französischen Konzession, wo sich französisches Flair vergangener Zeit mit dem geschäftigen, chinesischen Leben vermischen. Großzügig angelegte Straßen sind von Platanen gesäumt. Der von den Franzosen angelegte Fuxing-Park, ist China pur. Hier treffen sich alte Männer zum Kartenspiel und zum Plaudern. Hier wird getanzt, Tai chi gemacht, Kinder haben dort Platz zum Spielen.

Altstadt in Gefahr

Ganz anders lebt es sich in der Altstadt, wo noch das alte, gemächliche Shanghai herrscht. Die völlig maroden zweistöckigen Holzhäuser sind bereits zum Abbruch frei gegeben, was ein bestimmtes rotes Schriftzeichen aussagt. Hier wohnt man noch im ersten Stock und jeder hat darunter seinen kleinen Laden, wo Fahrräder repariert, Obst verkauft oder in einer Garküche dim sum angeboten werden. Herr Lee, einer der letzten Scherenschleifer der Stadt, hat hier großen Zustrom. Die hygienischen Bedingungen sind schlecht, fließend Wasser knapp und Strom kommt aus quer über die Straße hängenden Leitungen. Das Leben spielt sich vor den Häusern ab. Es wird mit den Nachbarn Karten gespielt, Frauen treffen sich zum Plauschen und Stricken, während die Kinder auf den Bürgersteigen spielen. Diese Stadtteile mit viel Flair müssen nüchternen Hochhäusern weichen. Bereits jetzt gibt es in der Innenstadt 2500 Häuser mit über 18 Stockwerken, weitere 2000 haben über zwölf. Die Stadtplaner haben ehrgeizige Pläne. Unter dem Slogan "Better city, better life" läuft der Countdown für die Expo 2010. Bis dahin will Shanghai sich mit Hilfe internationaler Architektenbüros ultramodern präsentieren. Um das Sprachproblem zu reduzieren, soll während der Wartezeiten in den U-Bahnhöfen Englischunterricht aus Lautsprechern tönen.

Speed mit Schumi und Transrapid

Doch schon jetzt hat die Zukunft Shanghai fest im Griff. Eindrucksvoll beweist dies die neue Formel 1 Rennstrecke vor den Toren Shanghais. Als ein chinesischer Schumianfan mit uns die kurvenreiche Rennstrecke im Höllentempo im roten Audi abfährt, sind wir begeistert. "Hier hat Schumi seinen Fehler gemacht", ruft er in rudimentärem Englisch, als wir durch eine besonders scharfe Kurve rasen. Der Abschluss unserer Shanghaireise wird ein weiterer Höhepunkt, denn der Transrapid bringt uns zum Flughafen. Mit 431 kmh, die Höchstgeschwindigkeit von 521 kmh ist auf der nur 30 km langen Strecke nicht zu schaffen, gleiten wir durch eine ursprüngliche Landschaft, wo Bauern ihre Felder bestellen und das Fortbewegungsmittel noch das Fahrrad ist.

Tipps und Informationen

Anreise: Mit der LTU ab Düsseldorf nonstop nach Shanghai.
Veranstalter:1 Woche Shanghai inkl, Ausflüge nach Suzhou und Tongli ab 990.-EUR buchbar bei China Tours Hamburg. Tel. 040-819738-0, Fax 040-819738-88 www.china-tours.de
Einreise: Es ist ein Visum erforderlich.
Geld:Die chinesische Währung heißt Renminbi(RMB), die Geldeinheit ist der Yuan. 1 Euro ist zurzeit ca. 10 Yuan.
Impfungen: Es sind keine Impfungen vorgeschrieben
Reiseführer: Das "Shanghai" Taschenbuch vom Dumont Verlag verfügt über detaillierte Informationen über die Megastadt

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