Sydney Harbour Bridge Dem Kleiderbügel zum 75.


Eine "Eiserne Lady" ist nie leicht zu erobern. Das war in der Politik bei Maggie Thatcher so und das gilt auch für die Besteigung der Sydney Harbour Bridge, die heute ihren 75. Geburtstag feiert.
Von Andreas Srenk

Seit 1998 können Besucher ab 169 Dollar in den Genuss von Ausblicken der ganz besonderen Art kommen: Hafen, Oper und Skyline der Vier-Millionen-Stadt sehen von der Spitze der Stahlbrücke noch ein bisschen spektakulärer aus als ohnehin.

Will man der Sonne beim Aufgang 134 Meter näher sein (denn so hoch ist die Brücke), kostet das stolze 300 australische Dollar. Doch bevor es soweit ist, müssen erstmal ein paar kleine Hürden genommen werden: Das fängt mit einem Alkoholtest an. Wer ins Röhrchen pustet und mehr als 0,05% Restalkohol im Blut hat, wird nicht hochgelassen. Klettern mit Kater strengstens verboten. Und dann bringt Gary, unser Guide, die Trainingsanzüge, die jeder Besucher überziehen muss. Grau sind sie und nichts für eitle Menschen. Die Farbe wurde Ton in Ton mit den Brückenpfeilern gewählt, um die 200.000 Autofahrer, die sich jeden Tag über acht Spuren schlängeln, optisch nicht abzulenken. Neben der Blechkarawane, die sich ununterbrochen durch das Nadelöhr der Sydney Harbour Bridge zwängt, schätzen auch Bahnfahrer, Biker und Fußgänger die direkte Verbindung ans andere Ufer. Zur weiteren Ausstattung der Brückensteiger gehören Headsets, durch die in den kommenden drei Stunden Garys blecherne Kommandos tönen: "Achtung Stufe!" oder "Vorsicht Eisenpfeiler! Kopf einziehen!" Außerdem sind wir wie mit einer Nabelschnur durch einen Sicherungshaken an einer Führungsschiene befestigt. Niemand kann also ins Wasser plumpsen.

Freie Sicht auf den Swimming-Pool des Park Hyatt

Schon der Zugang zur eigentlichen 500-Meter-Brücke ist ein kleines Abenteuer: Über einen sogenannten Catwalk, der aus löchrigen Eisengittern besteht, geht es Richtung Pylon. Runtergucken bereitet selbst schwindelfreien Menschen ein Problem. Rechts unten am Wasser steht das edle Hyatt-Hotel, das immer für eine Anekdote gut ist. Erst kürzlich warf hier Sylvester Stallone - auf Promotionstour für seinen neuen Rocky-Film - verbotene Substanzen aus dem Fenster, als der Zoll an seine Zimmertür klopfte.

Will Smith war auch schon da und freute sich über den versteckten Pool auf dem Dach des Hotels. Diskretes Plantschen und Sonnen ohne aufdringliche Fans, das klang gut. Er hatte jedoch nicht mit den Brückenkletterern gerechnet, die quasi ins Schwimmbecken spucken können und den sichtlich genervten Hollywood-Star permanent auf seine schicke Badehose ansprachen.

Die Australier nennen sie liebevoll "Kleiderbügel"

Uns jedoch trennen noch einige Höhenmeter vom Dach der Brücke, der Aufstieg wird steiler: Über Eisenleitern geht es stetig nach oben. Auf beiden Seiten der Brücke gibt es jeweils zwei übereinanderliegende Bögen, die auf unterschiedlichen Touren erklettert werden können. Wir nehmen den östlichen höheren Bogen. Jetzt ist Konzentration gefragt: Man muss auf seine Füße und den Kopf achten, gleichzeitig den englischen Ausführungen von Gary lauschen, um nichts zu verpassen und versuchen, das sich langsam entfaltende Panorama einer der schönsten Städte der Welt in sich aufzunehmen.

Die Harbour Bridge, die 1932 nach neunjähriger Bauzeit in Betrieb ging, wurde nötig, um die zeitraubenden Fährstrecken zu ergänzen und dem zunehmenden Autoverkehr zu begegnen. Heute verbindet die Bogenbrücke die City mit den nördlichen Stadtteilen. "Kleiderbügel" nennen die Ein- heimischen sie liebevoll aufgrund ihrer Form. Der "coat hanger" erscheint jedes Jahr zu Silvester auf vielen TV-Schirmen rund um den Erdball, da hier das berühmte Hafen-Feuerwerk zentral gezündet wird. Zwischen den Pfeilern stehen Bauarbeiter auf Gerüsten und pinseln um die Wette. "Seit der Eröffnung hat es keinen Tag gegeben, an dem nicht irgendwo der Rost beseitigt und neue Farbe aufgetragen wurde", erklärt Gary die Sisyphos-Arbeit. Wer einmal zur Brückenmannschaft gehört, hat offensichtlich einen ziemlich krisensicheren Job.

Wie bei so vielen Dingen in Australien spielen die Briten auch auf der Brücke eine wichtige Rolle. Die meisten der 39.000 Tonnen Stahl wurden auf der Insel gekocht und der Engländer John Bradfield gilt als Vater des Bauwerks. Um die Stahlschönheit hochzuziehen, ging er buchstäblich über Leichen. 800 Familien wurden zwangsumgesiedelt und niemals finanziell entschädigt. 1500 Arbeiter schufteten unter miesen Sicherheitsbedingungen bis zum Umfallen. 16 bezahlten das mit ihrem Leben. Gefährlich waren vor allem die Standorte auf den Stahlverstrebungen zwischen den Bögen. Dort balancierten die Männer todesmutig ohne Seil hoch über dem Abgrund und versuchten, kleinere Bauteile einzupassen, die die Kollegen ihnen zuwarfen. Schwere Verletzungen und tiefe Abstürze ins Wasser waren da an der Tagesordnung.

Schäfferstündchen der besonderen Art

Auch wir sind endlich oben. Gary breitet etwas theatralisch seine Hände aus und ruft: "Dies ist mein Arbeitsplatz - und es ist Sydneys schönster." Widersprechen mag ihm keiner. Noch ein paar Schritte, und die kleine Aussichtsplattform ist erreicht.

An diesem Tag herrscht Postkarten-Wetter. Weiße Wölkchen tanzen wie Wattebäusche im leichten Wind, ein Wasserflugzeug brummt in der Ferne und setzt zur Landung an. Einige der 70 goldgelben Stadtstrände glitzern in den nahegelegenen Naturbuchten. Vor dem Opernhaus kräuseln kleine Schaumkronen die Wasseroberfläche, die von den grüngelben Fähren stammen, die viele der Stadtteile miteinander verbinden. Hinter dem Fährterminal Circular Quai wachsen die Türme der Skyline dichtgedrängt in den Himmel. Unter uns rauscht der Verkehr. Hier oben könnte man ganze Tage verbringen. Wir fühlen uns wie nach einer alpinen Gipfelbesteigung und sind alle ein bisschen stolz. Um den erfolgreichen Brückenaufstieg auch zu dokumentieren, gibt's später für jeden noch eine Urkunde und ein Beweis-Foto.

Mancher Gipfelstürmer zieht jedoch die Anonymität vor: Für Sydneys Studenten stellt die Brücke eine Herausforderung der besonderen Art dar: Wer es schafft, trotz fast unüberwindlicher Absperrungen nachts hochzuklettern und sich nicht von der Polizei erwischen zu lassen, steigt in der Achtung seiner Kommilitonen mehr, als bei einem Prädikatsexamen. Das muss neulich wohl den Ehrgeiz zweier Studenten besonders beflügelt haben: Die Ordnungshüter fanden in der Nische der Brückenspitze eine Matratze, eine geleerte Flasche Schampus, zwei Gläser, ein Uni-Vorlesungsverzeichnis. Und ein benutztes Kondom.


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