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Westaustralien: Der Zauber von Oz

In Westaustralien treten sich die Menschen nicht gerade auf die Füße. Das Land ist groß, das Volk ziemlich lässig. Wer die vielen Sehenswürdigkeiten besucht, kommt mächtig herum - und findet unterwegs das Herz des Kontinents.

Von Wolfgang Röhl

Mit dem ersten Känguru ist es wie mit der ersten Frau. Du siehst es und bist hin und weg. Auch wenn es vielleicht nicht das imposanteste Exemplar seiner Art ist - egal, du wirst es nie vergessen.

Mein erstes Beuteltier traf ich im Outback, irgendwo in den Goldfeldern. Müde vom stundenlangen Chauffieren über schienengerade Straßen, hatte ich das Wohnmobil am Abend zuvor in einen Seitenweg gefahren; weit genug entfernt vom Lärm der gewaltigen, drei Anhänger langen Road Trains, die über den Highway donnerten. Es war totenstill und warm. Der Himmel hing voller Sterne. Ich trank ein Cascade-Bier (das mit dem tasmanischen Wolf im Etikett) und legte mich aufs Ohr. Als ich gegen sechs Uhr früh die Gardine zurückschob, stand es vor dem Camper in der Sonne.

Nein, nicht das Graue Riesenkänguru. Ein eher untermittelgroßes Tier. Rostrot das Fell, glaube ich. Kleine Vorderpfötchen. Als wir aus dem Wagen stiegen, um ein Foto zu machen, hüpfte es mit wunderbar fließenden Bewegungen von dannen. Unser erstes Kanga, wie der Aussie sagt! Nicht platt gefahren am Straßenrand, wie leider so oft, sondern springlebendig. Viele sahen wir allerdings nicht mehr auf unserem 4300-Kilometer-Trip.

Nach Australien ("Oz") waren wir aus den üblichen Gründen gekommen. Down under sommert's, während man bei uns Winterreifen fährt. In Westaustralien ginge es ziemlich entspannt zu, hatten wir gehört, denn die Leute treten sich dort nicht auf die Füße. Ganze 1,8 Millionen Menschen leben auf einer Fläche wie Westeuropa; 1,3 Millionen davon allein in der Hauptstadt Perth. Die Strände seien gigantisch, die Wälder zauberhaft. Und das Outback sei archaisch.

Auf den ersten Blick wie Amerika

Etwas enttäuschend also, dass sich Perth, die entlegenste Großstadt der Welt (Adelaide, die nächste Millionenstadt, ist fast 3000 Kilometer entfernt), auf den ersten Blick kaum von einer amerikanischen Metropole unterscheidet. Aus einem suburbanen Ozean von Bungalows, brutal gestutzten Rasenflächen und Doppelgaragen erheben sich die Wolkenkratzer der Banken, Versicherungen, Verwaltungen, Hotels. Schöne Lage am seeähnlichen Swan River, gewiss. Herrliche Parks, Strände ohne Ende. Doch nach Perth strömt einfach zu viel Geld aus der boomenden Montanindustrie. Die globale Nachfrage nach Erzen, Edelmetallen und Uran hat ein wahres Wirtschaftswunder angetreten. Da wird abgerissen, neu gebaut, höher gebaut, dass es kracht. Wir schauten uns im Westaustralischen Museum an, was alles passiert war, seit die ersten Siedler in der britischen Kolonie am Schwanenfluss 1829 landeten (keine Sträflinge, übrigens), und verließen die Stadt schnurstracks. Dass wir sie unterschätzt hatten, würden wir noch merken.

Das Schöne an WA, wie der Mega-Bundesstaat in aussietypischer Verkürzung heißt: Man fährt einfach einen halben Vormittag und landet in einem ganz anderen Film. Dreieinhalb Stunden nördlich von Perth liegen die Pinnacles in einer science-fictionartigen Dünenwüste, ein Szenario wie aus den Mad-Max-Movies mit Mel Gibson. Besonders morgens und abends wirkt der Platz total crazy, wie eine Mondlandschaft in Ockertönen, ein naturgemachtes Stone-henge des fünften Kontinents, gebettet in einen Nationalpark. Welche Pinnacles besonders schön seien? Die Frau am Kassenhäuschen lächelt selig: "Ach, eigentlich sind alle schön ..." Aussies lieben ihr Land.

Hotels - so schön wie Auffanglager

Cervantes, einziger Flecken in der Nähe, macht klar, weshalb man in Australien ein Wohnmobil braucht. Zwar gibt es hier, wie in größeren Orten und an Fernstraßen, ein paar Motels. Aber was man in WA für 65 $ bis 100 $ bekommt, hat bisweilen den Blues von Auffanglagern. Dabei kann froh sein, wer überhaupt ein Zimmer ergattert. Aussies reisen gern. Schon im Frühling, ab September, gehen Busladungen auf Achse. Dann ist Wildblumen-Zeit, und das Land liegt unter bunten Teppichen.

Ein Camper für zwei Personen ist nur ein Drittel teurer als ein mittelgroßer Mietwagen. 100-Liter-Wassertank, Dusche, Chemieklo, Kochnische, Klimaanlage - erspart die ewige Zimmersuche und bietet die schönsten Panoramen beim Aufwachen. Kenner meiden Campingplätze nach Möglichkeit. Umsonst und draußen, heißt die Devise.

On the road im ersten Sonnenlicht. Heute steht Wave Rock auf dem Zettel, eine irre Laune der Natur bei Hyden. Wir biegen bei Gingin vom Highway ab und umfahren Perth in südöstlicher Richtung. Rinderland, Getreideland, akkurat bestellt. Alle naslang ein Wasserloch, Billabong genannt. Hier, auf guten Böden, gelang den ersten Siedlern das Überleben. Man hatte sie mit Märchen aus England gelockt. Ein Garten Eden sei Westaustralien, reinstes Schlaraffenland, Schwachsinn von dieser Sorte. Wer aber einmal hier war, konnte nicht wieder zurück - viel zu teuer, die Schiffspassage.

Der sogenannte Wheatbelt - Weizengürtel - zieht sich durch den ganzen Südwesten. Er ist Segen und Fluch zugleich. Für die Landwirtschaft wurden die Wälder abgeholzt, die den Grundwasserstand niedrig gehalten hatten. Der steigt und steigt jetzt und löst Salze, die im Boden lagern. Das Land versalzt, wie abgestorbene Gräser, Büsche und Bäume auf manchen Flächen zeigen. Jetzt forsten sie auf wie die Weltmeister.

Eine glänzende Zukunft

Und das soll helfen? "No worries", sagt der Westaussie. Dieses Mantra kann allerlei heißen, eben auch wörtlich: Keine Sorge! Schaffen wir. Bangemachen gilt nicht in Down under. Einen "dramatischen Babyboom" meldete die Zeitung "The Australian" im September. Die Geburtenrate stieg auf 1,79 Kinder pro Frau, deutlich höher als die von Italien, Spanien, Japan, Deutschland. Grund, glauben Forscher, sei nicht nur die staatliche Unterstützung für Eltern. Viel mehr der Glaube an eine glänzende Zukunft Australiens, für die tatsächlich alles spricht. Arbeitslosigkeit auf Rekordtief, alle Systeme auf Grün.

Der Wave Rock ist ein Stück Granitberg, das wie eine kurz vor dem Brechen erstarrte Surferwelle wirkt. Vor uns sind wieder mal japanische Bustouristen angekommen. Gut so. Wenn sich die kurzen Söhne und Töchter Nippons für Fotos in die Welle stellen, wirkt das 14 Meter hohe Naturkunstwerk noch imposanter. In weiter Umgebung gibt es hier nichts zu sehen, außer einem Hundefriedhof bei Corrigin. Einzig der Wave Rock lockt die Leute, riesige Umwege durchs Nirgendwo zu machen. Und es lohnt sich! Mit leerem Magen, aber vollem Tageskilometerzähler stellen wir uns zur Nächtigung auf.

Vor dem Einschlafen ein Kapitel aus Bill Brysons "Frühstück mit Kängurus". Eine witzig-respektlose Liebeserklärung, die in jeden Koffer nach Oz gehört: "Australien ist die einzige Nation, die als Gefängnis anfing. Wenn man vor einer Zuhörerschaft freundlichster Australier aber nur den kleinsten Scherz über die Vergangenheit macht, fällt die Raumtemperatur um ein Erkleckliches."

Am nächsten Morgen nach Southern Cross. Die Erde rot wie im Reisekatalog. Auf den Akazienbäumen grüne Papageien. Und etwas Weißes ist immer da, das sich mit dem Great Eastern Highway nach Osten zieht, Kilometer um Kilometer: eine mannsdicke Pipeline auf Zementsockeln. Sie transportiert kein Öl, sondern Wasser. Und sie erzählt eine Geschichte. Nein, eine Tragödie.

Im September 1892 brach in der Nähe des heutigen Coolgardie ein Goldrausch aus, der Zehntausende Glücksritter ins glühende Outback zog. Die Digger wühlten unter unfassbaren Verhältnissen auf ihren Claims. Wasser war Mangelware, Tod durch Unfälle oder Erschöpfung alltäglich. Krankheiten wie Ruhr und Typhus rafften viele dahin. Wenige wurden älter als 35.

Irgendwo neben der Pipeline rostet eine Karosse, und eine Tafel daneben erzählt, wie es im Sommer 1895 war. "Die eine Hälfte von Coolgardie ist damit beschäftigt, die andere zu beerdigen", so ein zeitgenössischer Bericht.

Das Elend auf den Goldfeldern zwang die Regierung zum Handeln. Über eine 560 Kilometer lange Röhre sollte Wasser von Perth zu den Goldfeldern getrieben werden. Der kühne Bau dauerte nur drei Jahre, doch die hatten es in sich. Der Motor des Ganzen, Ingenieur Charles Y. O'Connor, nahm sich 1902, von ungezählten Widrigkeiten zermürbt, das Leben. 14 Tage später sprudelte das Nass aus seiner Leitung. In den Pumpstationen an der Pipeline erzählen freundliche alte Männer Einzelheiten des Dramas. Ein Bild des verehrten O'Connor hängt in jeder Station.

Raues Land. Typen durchkreuzen es in klapprigen Pick-ups, wie der wortkarge Keith Mader, der mit vergifteten Schlagfallen (Strychnin!) wilde Hunde meuchelt. Die Biester richten unter den Schafherden enormen Schaden an. Hier leben Kerle, die den Dingo notfalls mit der Hand würgen. Rednecks mit sonnengegerbten Gesichtern, die beim Grillen gern Outback-Storys von Leuten erzählen, die einen Motorschaden hatten und schließlich ihren eigenen Urin trinken mussten, um zu überleben. Oder auch nicht.

Mit Keith haben wir nicht gesprochen, nur in der Zeitung von ihm gelesen. Vielleicht besser so. Sonst hätten wir mutmaßlich höchstens die Hälfte seiner Geschichte mitgekriegt. Gesprochenes Australisch hat sich zumal im Outback von den Fesseln des Englischen weitgehend emanzipiert. Da fühlt sich der Fritz wie ein des Germanischen leidlich mächtiger Ausländer, der im hintersten Bajuwarien zu kommunizieren versucht. Verstanden wird er wohl, verstehen tut er nur Billabong. "Norks", schreibt Bill Bryson, bedeute a) ein Unterhemd, b) eine Wäschespinnenmarke oder c) weibliche Brüste. Er erwähnt auch die inoffizielle Nationalhymne "Waltzing Matilda", deren wirren Slang-Text nicht mal Einheimische dechiffrieren können. Echte Folklore.

Auf dem Highway runter zur Küste könnten wir Picknick machen, so wenig ist da los. Bevor der nächste Road Train angebrettert käme ("Damen aufgepasst: Meiner ist 53,5 Meter lang"), wären wir fertig. Auf derlei Pisten ist der Hoon aktiv, der australische Bruder unseres Mauerschmierers. Hooning heißt das hirnrissige Hobby, per Auto oder Motorrad kreis- oder wellenförmige Gummispuren auf den Asphalt zu radieren. Weil Hoons dauernd Crashs bauen, ist die Polzei hinter ihnen her. Was sie aber erst recht heiß macht. Je entlegener die Gegend, desto mehr Hooning. Offenbar ein Verzweiflungssport für junge Leute, die in Kaffs wie Gibson hausen. "190 Einwohner", steht auf dem Ortsschild. Eine Tanke, ein Reifendealer, ein Supermarkt. 300 Kilometer zu nächsten Disco. Da kann einer zum Hundejäger werden. Oder zum Hoon.

Fünf Stunden Fahrt gen Süden. Ab Esperance läuft der Film "Meer & more". Hier beginnt die Perlenkette der Superstrände, der kühn geformten Felsküsten, Nationalparks, Buchten und Häfchen. Wirklich, im Strandvergleich mit Oz kann sich die hochgerühmte Hula-Hula-Südsee gehackt legen.

Nur einer sei genannt unter Hunderten von Beautys, die sich von Esperance bis Perth erstrecken: Lucky Bay im Nationalpark Cape Le Grand. Wenn der Begriff Traumstrand je einen Sinn hatte, dann hier. Der Sand blendend weiß und staubfein; Wasser, Brandung und Himmel eine Farborgie in Blautürkisweiß. Am Ostende der Bucht liegt die zu Recht berühmte Kartoffel, ein wellenumspülter Monolith verblüffenden Ausmaßes. Wer hier kein Foto macht, knipst keines mehr.

Je weiter es die Küste entlang nach Westen geht, desto zivilisierter wird das Land. In Städtchen wie Esperance, Albany, Augusta oder dem alternativ angehauchten Denmark tischen sie, anders als im Outback mit seiner Chips and Burgers"-Kultur, richtiges Essen auf. Aber für Wein oder kulinarischen Schnickschnack fliegt man nicht 8000 Meilen. Für den Tree Top Walk schon eher.

Kein Witz: Ausgerechnet Australien, der neben der Antarktis baumärmste Kontinent, besitzt im Südwesten ausgedehnte Wälder mit bis zu 90 Meter hohen Karris, Jarrahs und Rot-Tingles. Man kann sie im Valley of the Giants erwandern und auf einem stählernen, schwankenden Laufsteg in 38 Meter Höhe durch ihre Wipfel streifen, eine clevere Konstruktion. Die Touristen haben sie begeistert angenommen. Darunter so mancher Inländer, der Bäume nur aus dem Kino kennt.

Zurück in Perth, treffen wir das letzte Känguru auf dieser Reise. Die Stadt, im Schwitzkasten einer Warmfront, scheint plötzlich wie aufgedreht. Die Innenstadt vibriert vor Lebenslust. Kein leerer Platz in den Szenelokalen von Subiaco und Northbridge. Und plötzlich merken wir, wie quirlig, vital und multikulturell Perth ist. Hier sitzen die Ethnien und Rassen auch nach der Arbeit gemeinsam am Tisch. Ausgeschlossen, wie immer, die Aborigines. Aber das ist ein anderes Kapitel.

So viele Physiognomien, die nicht aus Britanniens Genpool stammen. Doch alle sprechen Englisch, no worries. Viele sind australische Staatsbürger. Ein Viertel der 20 Millionen Aussies stammt von Eltern ab, die beide nicht in Australien geboren wurden. Es ist wahr, das Land hat eine harte Tür. Es lässt nicht jeden rein, der will. Nur den, der zu ihm passt. Scheint aber zu funktionieren.

Ach ja, unser letztes Känguru. Das war in einem Lokal in der Hay Street. Schön mager mit etwas Knoblauch gebraten. Man könnte sich dran gewöhnen. Bye-bye, kleines Kanga. Wir werden dich so schnell nicht vergessen.

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