Fliegenfischen Die Sache hat einen Haken


Denken wie eine Forelle - das ist der Trick. Unser Autor Hans Zippert hat sich Gummmihosen angezogen und im Norden Sloweniens Fliegenfischen gelernt.
Von Hans Zippert

Immer von elf auf eins, sagt Björn, während er mir kopfschüttelnd zusieht, wie ich mit einer Angelrute in der Luft herumwedele. Dabei trage ich eine stramm sitzende Gummihose, die mir oben bis zur Brust reicht und unten durch zwei integrierte Gummistiefel verschlossen ist. Das hat nichts mit Inkontinenz zu tun, sondern mit der Tatsache, dass wir mitten im Wasser stehen. Björn ist mein Angellehrer und sieht in seinem Neoprenanzug etwas eleganter aus. Das Wasser, in dem wir stehen, gehört zum lebhaft dahinströmenden Fluss Sava Bohinjka, der in den Julischen Alpen entspringt, einen wunderschönen See speist und dann weiter ostwärts durch Slowenien fließt. Sein Wasser ist glasklar und bis zum Rand voll mit Regenbogen- und Bachforellen, Äschen und Döbeln, Quappen und Saiblingen. Ich war nicht ganz unvorbereitet in dieses Gewässer gestiegen, hatte mir den Film "In der Mitte entspringt ein Fluss" mit Brad Pitt angesehen. Dort warf man die Angel zwar ausdrücklich von zehn auf zwei, aber das konnte mit der Zeitumstellung zu tun haben, der Film spielt schließlich in Amerika. Es ist gar nicht so einfach, mit einer Angel die genaue Uhrzeit nachzustellen. Ich beginne zwar wie erwünscht auf elf, schwenke dann aber mindestens auf fünf, wenn nicht gar sechs zurück.

"Vorne sieht's gut aus, hinten nicht", sagt Björn nach einem kurzen Seitenblick. Ich soll es fühlen, wenn die Schnur hinter mir waagerecht in der Luft liegt und genau dann, besser noch kurz vorher, die Angel wieder nach vorne auf elf bewegen. Und wenn die Schnur dann waagerecht über dem Wasser steht, die Angel langsam absenken.

Den Fisch elegant überlisten

Von elf bis eins sind es genau zwei Stunden, und ungefähr so lange brauche ich auch, bis mein Angellehrer sagt: "Jetz' is' hinten auch gut." Ich versuche, das Fliegenfischen zu erlernen, worunter man nicht das Angeln von, sondern das Angeln mit einer Fliege versteht. Es geht nicht darum, einfach nur einen Fisch an die Angel zu kriegen, um ihn dann schnöde aufzuessen. Nein, der Fliegenfischer will den Fisch elegant überlisten, indem er dessen Verhalten genau studiert. Er versucht, sich in den Fisch hineinzuversetzen, um ihm im richtigen Moment das richtige Nahrungsangebot zu machen. Glaubt er, dass sich an dieser Stelle des Flusses gerade Fische befinden, denen der Appetit nach Insekten steht, die auf der Wasseroberfläche dahindriften, dann greift er natürlich zur Trockenfliege. Vielleicht ist dem Fisch aber mehr nach einem Insekt, das noch nicht geschlüpft ist, dann sollte man ihm eine Nymphe anbieten, die mithilfe eines Bleigewichts auch tiefere Stellen erreicht. Jeder Angler hat ein umfangreiches Sortiment an Fliegen in allen Farbschattierungen und Entwicklungsstadien dabei. Und wenn er seinen Sport ernst nimmt, beherrscht er natürlich auch die Kunst des "Fliegenbindens".

Wie so oft, wenn der Mensch sich wirklich ins Zeug legt, übertrifft er am Ende die Natur bei Weitem, die künstlichen Fliegen sehen um einiges besser und für den Fisch bestimmt verlockender aus als die echten. Sie wären eine Zierde für jeden Schaukasten. Man muss sich fragen, ob der Fisch nicht bald ausstirbt, weil er die unscheinbare natürliche Nahrung gar nicht mehr wahrnimmt.

Doch zurück zum Fluss, in dem ich noch immer stehe und zum ersten Mal mit einer Trockenfliege fischen darf. Wir sind nun zu dritt, denn inzwischen begleitet uns Marco, der an diesem Fluss aufgewachsen ist und von fast allen Fischen die Eltern persönlich kennt, weil er sie alle schon mal am Haken hatte. Er beobachtet meine Wurfversuche kopfschüttelnd und sagt: "Zu viel Kraft, morgen kannst du deinen Arm nicht mehr bewegen." Fliegenfischen ist nämlich wie Tennis oder Golf, da kommt es auch nicht auf die Kraft an, sondern auf die Bewegungskoordination. Das bestätigt meine Befürchtungen, ich könnte für das Fliegenfischen nicht geeignet sein, denn ich habe weder beim Tennis noch beim Golf jemals etwas gefangen. Man muss aber wirklich mit seinen Kräften haushalten, weil man die Angel fast im Minutentakt einholt und neu auswirft.

Gegen Brot kommt keine Fliege an

Entweder glaubt der Fisch die Nummer mit der Fliege nämlich sofort oder gar nicht. Oder er hat keinen Hunger, weil er gerade unter einer der vielen Brücken durchgeschwommen ist, von denen Spaziergänger gern Brot herunterwerfen. Dagegen kommt keine Fliege an. Jedenfalls wartet man nicht lange, sondern wirft immer wieder neu aus, versucht immer wieder andere Stellen ganz gezielt anzusteuern. Der Virtuose sieht oder ahnt den Fisch, wählt blitzschnell und mit Kennerschaft den richtigen Köder, den er mit einem brillanten Wurf in genau der richtigen Entfernung platziert, und der Fisch kann einfach nicht anders als danach schnappen.

Marco holt beiläufig eine Forelle nach der anderen aus dem Fluss, und dabei telefoniert er auch noch. Ruft er die Fische an, oder wird er etwa von ihnen angerufen? Der Fliegenfischer will die Forelle nicht fangen, um sie zu essen, er will ihr einfach nur zeigen, warum der Mensch es in der Evolution weiter als sie gebracht hat. Anders betrachtet: Fliegenfischen ist eigentlich eine Art Anwesenheitskontrolle im Fluss. Man möchte nur mal nachschauen, wer dort alles herumschwimmt, und sobald man den Fisch einmal in der Hand gehalten hat, lässt man ihn wieder frei.

So waagerecht meine Schnur in der Luft liegt, so verlockend meine Trockenfliege auch auf der Wasseroberfläche glitzert, so wenig will irgendjemand anbeißen. Ich zweifle, ob überhaupt Fische im Wasser sind, ich sehe jedenfalls keine. Im Gegensatz zu Björn und Marco. Die tragen allerdings auch polarisierende Spezialbrillen, mit denen sie einem Fluss direkt ins Bett gucken können. Und da erkennen sie angeblich überall Forellen, Äschen und Döbel.

Doch mal abgesehen vom ausbleibenden Anglerglück ist das Fliegenfischen ein überwältigendes Erlebnis. Man darf mitten in einem Fluss stehen, watet von einem Ufer zum anderen, wirft die Angel auch mal unter einer Brücke aus, durchquert schäumende Stromschnellen, wobei man vorsichtig sein muss, denn nach einem unbedachten Schritt haben sich der Wasserpegel des Flusses und der meiner Gummihose sehr schnell angeglichen. Doch das stört kaum, um mich herum glitzern die Berggipfel der Karawanken verführerisch in der Herbstsonne, und mein ganzer Körper wird durchdrungen von den Geräuschen des Wassers, die an einem Wehr oder an Stromschnellen besonders laut sein können. Bussarde ziehen ihre Kreise, ein Buchfink blinzelt von einem Ast herüber, und auf der Brücke stehen etwa ein Dutzend Menschen und schauen mir interessiert dabei zu, wie ich versuche, den Angelhaken aus dem Gebüsch hinter mir zu befreien. Zum Glück rauscht hier das Wasser besonders laut, sodass ich nicht hören kann, ob sie lachen, aber ich habe den unbestimmten Eindruck, als sei ich an diesem Samstag die größte Sehenswürdigkeit der Gegend, die landschaftlich nun wirklich einiges zu bieten hat. Nur wenige Kilometer von hier stürzt der eindrucksvolle Savica- Wasserfall in die Tiefe, und man könnte herrliche Wandertouren durch den Triglav-Nationalpark oder auf den Gipfel des Vogel (1922 m) unternehmen. Anscheinend ist es aber interessanter, einen Fliegenfischerlehrling dabei zu beobachten, wie er verzweifelt fuchtelnd versucht, seine Schnur zu entwirren, die sich auf geheimnisvolle Weise etwa 26-mal um seine Angelrute gewickelt hat.

Heilbutt angelt man mit Revolver

Ich bin irgendwie erleichtert, als Björn das Zeichen zum Aufbruch gibt. Zeit zum Abendessen, am nächsten Tag werden wir erneut unser Glück versuchen. Warum sollte es mir dann nicht gelingen, schließlich angelt man niemals zweimal in dem gleichen Fluss. Ich bestelle geräucherte Forelle, Björn nimmt lieber Hühnchen in Sahnesauce, Fische hat er den ganzen Tag nun wirklich genug gesehen. Nach dem Dessert zeigt er mir Bilder von spektakulären Fängen, die er in den verschiedensten Gewässern der Welt gemacht hat. Außerdem erfahre ich, warum man immer einen Revolver bei sich haben sollte, wenn man Heilbutt angelt. Der kann nämlich mit Schlägen der Schwanzflosse ganze Boote versenken, und deshalb muss man ihn erst erschießen, bevor man ihn an Bord nehmen kann. Ich weiß jetzt auch, wie man Aale ohne Reuse überlistet, und erfahre zu meiner Beruhigung, dass Björn schon mal drei Tage lang hintereinander keinen einzigen Fisch gefangen hat. Das war allerdings in Norwegen, hier in der Sava Bohinjka ist es wirklich ganz leicht, so viele Fische hat er noch nie in einem europäischen Fluss gesehen.

Nachts träume ich, wie ich mit einer Pistole Aale angle, und erwache schweißgebadet, weil sich meine Schnur im Kopfkissen verheddert hat, während auf der Brücke ein Dutzend Regenbogenforellen in Trainingsanzügen stehen und sich die Bäuche vor Lachen halten. Nach dem Frühstück schlüpfen wir in unsere Gummihosen, überqueren einfach die Straße vor dem Hotel, steigen in den Fluss und waten etwa 100 Meter stromabwärts bis zu der Stelle, wo Sava Bohinjka und Mostnica zusammenfließen. Björn entscheidet sich nach kurzer Betrachtung der Wasserverhältnisse für Nymphen mit Bleigewicht und gibt mir die Anweisung, die Schnur einfach nur auszuwerfen und den Fluss hinabtreiben zu lassen, bis der Köder tief genug gesunken ist. Dorthin, wo Forellen und Äschen nur darauf warten, von mir überlistet zu werden. Er stapft mit Marco die Mostnica hinauf, wo es "für dich zu schwierig ist", weil man wegen der überhängenden Bäume nur wenig Raum hat, die Angel auszuwerfen.

Zu geschockt fürs Glück

Sie haben mich zum Glück an einer sehr romantischen Stelle zurückgelassen, man muss hier wirklich nichts fangen, es reicht, einfach nur dazustehen und in die beiden Flüsse zu starren. Genau in diesem zenbuddhistischen Augenblick tut es einen Ruck an meiner Schnur. Ich fasse es nicht, es hat einer angebissen. Und ausgerechnet jetzt sind Björn und Marco nicht da. Ich kurbele den Fisch heran, und sobald er Widerstand zeigt, gebe ich ihm wieder Schnur, bis der Fisch müde ist; ich versuche, mich an alles zu erinnern, was mir meine Angellehrer für diesen historischen Moment eingeschärft haben. Nach gefühlten drei Stunden Kampf mit der Riesenbestie hole ich eine etwa 30 Zentimeter lange Bachforelle aus dem Wasser - und glücklicherweise ist auch ein Fotograf in der Nähe, um das Schauspiel zu dokumentieren. Verkrampft lächelnd, präsentiere ich meine Beute, die nur ganz leicht zappelt. Das ist der wichtigste Moment, nicht umsonst sind alle Angelmagazine voll mit Bildern von erfolgreichen Fliegenfischern, die ihre Beute stolz in die Kamera halten. Bei mir sind Körperhaltung und Gesichtsausdruck durchaus verbesserungsfähig, irgendwie stehe ich wohl noch zu stark unter Schock, um uneingeschränktes Glück zu empfinden. Außerdem wartet jetzt der schwierigste Teil der Unternehmung auf mich.

Ich muss die Forelle vom Haken bekommen, und das ist gar nicht so leicht, weil ich nicht weiß, was man ihr zumuten darf. Ich hoffe nur, dass Björn mich nicht belogen hat, als er behauptete, am Maul sei der Fisch praktisch schmerzunempfindlich. Irgendwie gelingt es, und ich staune nur, wie lange ein Kiemenatmer außerhalb des Wassers existieren kann. Hat man den Fisch vom Haken geholt, darf man ihn nicht einfach ins Wasser werfen, sonst verliert er die Orientierung. Man stellt ihn in die Strömung und hält ihn so lange vorsichtig an der Schwanzflosse fest, bis er nicht mehr zu halten ist. Es dauert eine halbe Minute, dann ist die Forelle abgetaucht. Mein erster selbst gefangener und selbst freigelassener Fisch. Und es soll nicht mein letzter bleiben, kurz danach habe ich eine Äsche am Haken und am Abend noch mal eine Bachforelle. Habe ich tatsächlich gelernt, wie ein Fisch zu denken? "Kann schon sein", sagt Björn beim Abendessen, "aber eigentlich kann hier nun wirklich jeder was fangen."

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