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Galtür: Der Berg aus Stahl

Galtür ist das Dorf mit Eigensinn, das nicht jeden Trend mitmacht. Ganz am Ende des Paznautals wartet ein anspruchsvolles Skigebiet und das Alpinarium erklärt das Leben im Berg.

Von Gernot Kramper

Um im Winter bis nach Galtür zu kommen, muss man einiges hinter sich lassen. Weiter vorn im Paznautal liegt Ischgl - das weltbekannte Party-und Ski-Eldorado. Hier ist man nicht zimperlich, hier bleibt mancher Reisebus stehen. Ob das für die Wirte in Galtür bekömmlich ist, bleibt eine knifflige Frage. Für den Galtür-Gast ist der Urlauberfänger im Talgrund auf jeden Fall ein Gewinn. So kommt nämlich nicht jeder nach Galtür. Und man kann sicher sein, wer so weit, so hoch auf die Piste strebt, tut das zunächst wegen dem Wintersport.

Apres Ski bedeutet hier oben noch: nach dem Ski. Dann kann man auch feiern, nur volltrunkene Pistenleichen zirkeln nicht zu Humpa-Humpa den Hang hinab. Mit etwa 40 Kilometer Abfahrten ist das Ski-Gebiet nicht gerade klein. Erster Vorteil in Galtür: Es ist Raum für mehr. Für mehr Autos auf dem Parkplatz, für mehr Fahrer auf der Piste und für mehr Personen in den Liften. Während eines ganzen Samstags in der Hauptsaison wurde nicht ein einziges Mal länger als nur eine (!) Minute gewartet. Wo gibt es das schon?

Ohne Ski kein Urlaub

Die großen Zubringer im Gebiet auf Birkhahnkopf, Alpkogel, Ballunspitze und Saggrat sind moderne Liftanlagen bzw. Kabinenbahnen. Dazwischen versehen aber auch verschiedene Sessellifte ihren Dienst. Von den Mittelstationen ins Tal hinab, sind die Pisten breit und auch für Anfänger leicht zu fahren. "Schwarz" heißt hier nur, die Piste lässt eine hohe Geschwindigkeit zu, sie erfordert sie aber nicht unbedingt. Trotzdem sollte niemand übermütig werden. Von der Ballunspitze aus gestaltet sich die Abfahrt bei schlechter Sicht durchaus kniffliger. Wer nur autobahnbreite Pisten gewöhnt ist, kommt hier ins Schlucken.

Wer fahren kann und wem die endlose breit ausplanierten Pisten eher ein Gräuel sind, wird mit urwüchsigem Ambiente belohnt. Die Abfahrten schlängeln sich durch zwischen Felsen und Latschen. Tipp: Bei Orientierungsproblemen nicht über die richtige Abzweigung grübeln, einfach fahren. War es falsch, kommt man schon wieder rauf. Die beiden nicht präparierten Abfahrten sind für gute Fahrer ein Genuss. Bei schlechter Sicht sollte man auf eine persönliche Ersterfahrung aber verzichten.

Ansonsten gilt: Genial, wenn man es hier richtig krachen lässt, weiß man, was man drauf hat. Hier kann sich nicht jeder Depp darauf verlassen, dass an jeder Stelle fünfzig Meter Auslaufzone auf ihn warten. Hat man es nicht so drauf, sollte der Neuling die freundlichen Männer der Liftanlagen zu Rate ziehen. Nur Mut, trotz Schnurrbart beißen sie nicht. Und sie wissen am besten, wo jeder mit seinem Kenntnisstand am besten aufgehoben ist.

Kernige Höhen

Süß wie Alpenrahm und Gemsbartselig schunkelt die Umgebung in dieser Höhe ohnehin nicht mehr. Man spürt den rauen und herben Charme der Silvrettagruppe. Galtür ist eben keine Schneelandschaft im Disneyland-Look. Hier weit oben spürt man die Majestät der Berge. Grimmig sind sie zum Glück auch nicht. Für angenehmen Apres Ski und kleine Pausen sorgen rustikale Hütten mit viel versprechenden Namen wie "Weiberhimml", aber eine andere alpine Errungenschaft sucht man gottlob vergebens: Pilze und Dauerbeschallung mit Pisten-Krachern. Eine Wohltat.

Als Skigebiet ist Galtür denjenigen zu empfehlen, die zunächst am Alpinsport interessiert sind. Ob als Anfänger oder als Sportler. Man behält die Orientierung und bleibt verschont von Ballermanner-Stimmungskanonen und manchem faulen Marketinggag. Variantenfahrer finden ihre Bahn, ohne sich im Rudel den Hang hinabquälen zu müssen. Fortgeschrittene sollten sich nach den Skitouren der Bergführer erkundigen. Die Skischule genießt einen ausgezeichneten Ruf; trotz des anspruchsvollen Gebietes ist Galtür daher auch für Neulinge, ewige Anfänger und Wieder-Einsteiger sehr zu empfehlen. Obwohl Galtür kein kleies Gebiet ist, ist die Atmosphäre herzlich und persönlich. Regelmäßige Gäste werden wieder erkannt und werden rasch zu Freunden des Dorfes.

Wälle und Stahl

Wer sich dem Ort Galtür nähert, fährt vorbei an schrundigen Wällen, groß wie Zyklopenmauern - errichtet von Titanen. Erinnerung an die Lawinen-Katastrophe von 1999. Heute hat man den Grießkopf zur Strafe in Eisen gelegt. Endlose Armierungsstreifen ziehen sich über seine Flanke und Spitze. Neun Meter hoch sind die Stahlzäune mit ihren Betonankern, die den Schnee festhalten sollen. Nach dem Unglück bezweifelte man, dass jemals wieder Gäste nach Galtür kommen werden.

Aber die Dörfler sind eigensinnig, haben weitergemacht, neu angefangen - trotz der schmerzenden Verluste. In Galtür setzt man wie zuvor auf Urwüchsigkeit und Qualität und nicht auf das Rambazamba von Mega-Events mit kollektivem Komasaufen, denn Galtür ist auch heute noch eine Dorfgemeinschaft von etwa 800 Bewohnern geblieben. Natürlich gibt es auch große Häuser, vier Sterne mit einer Küche gut für mehr als fünf. Aber die meisten Häuser werden familiär geführt. Damit drei Sterne kein Nachteil sind, wurde eine große Wasserlandschaft für alle im Dorf errichtet. Im Hotel "Zur Post" speist man auf höchstem Niveau, in den "Tiroler Stuben" rustikal, gut und preiswert. Mitten im Ort steht das Alpinarium, angeschmiegt an eine 135 Meter lange Lawinenschutzmauer, die den Dorfkern schützt. Genau dort, wo der weiße Tod hineinkam. Ein Zeichen des Behauptens und des Lebens.

Das Lied der Steine

Im Foyer hängen 32 Tonnen Fels an der Decke. Massig und statisch. Aber nicht alles was so massiv und unbeweglich erscheint, bleibt es auch. Zwei, drei streichende Bewegungen und die 32 Tonnen beginnen, an ihren Seilen zu schwingen. Erst einzelne Stränge dann mehr und mehr. Die Steine drehen sich, stoßen sich, fangen an zu tanzen. Ein stummes unheilvolles Ballet. Man versteht, der Berg steht nie still, auf seine Art bewegt er sich zu einem unhörbaren Lied. Im Moment zeigt die Ausstellung "Die Mauer - Leben am Berg" die komplexe Symbiose von Mensch und Natur, von Einheimischen und Touristen. Die großartig gestalteten Räumen visualisieren komplexe Zusammenhänge so, dass auch Kinder die Ausstellung mit Gewinn besuchen.

"Wir wollen nicht nur die Intellektuellen ansprechen", erklärt Sabine Oberschmid - geborene Galtürerin. "Hier sind einzelne Lebewesen aus den Bergen mit ihren besonderen Eigenschaften, gegenüber im Regal finden wir die Dinge, mit denen der Mensch versucht sich entsprechend auszurüsten. Wo er von der Natur nicht so bedacht wurde." In der Tat, der Mensch braucht viel, um seine natürlichen Nachteile gegenüber der Gams auszugleichen. Ein weiterer Raum ist mit Aussagen und Statistiken tapeziert. In der Mitte schwebt eine gestrickte Berglandschaft. "Tirol handgestrickt" zeigt die wirtschaftlichen Verflechtungen im Hochgebirge. Große Probleme bereiteten die Schafe. "Den Ausstellungsmachern waren die Viecher nicht realistisch genug. Die waren überhaupt nicht zufrieden!", lacht Sabine.

Dörfliche Tradition gegen den Ungeist des "Immer größer"

Galtür ist ein Dorf mit Eigensinn, das nicht jeden Trend mitmacht, nur weil es gerade angesagt ist. Bis in die fünfziger Jahre hinein war das ganz anders. Galtür war das erste Dorf im Paznautal mit Skigebiet, dann kam man sogar auf die Idee, Rentiere aus Lappland zu importieren. Als Trendsport sollten sich die Gäste auf Skiern vom Rentier über die Almen ziehen lassen. "Aber das Problem fing schon damit an, dass die Rentiere eher störrische Esel waren, als sportliche Zugtiere", sagt Sabine. "Die sind meist nur ein paar Schritt weit gegangen und das war es dann."

Dennoch brachte das Galtür damals jede Menge Publicity und Prominenz. Nur für die Tiere ist der PR-Gag nicht gut ausgegangen. An nordische Flechten gewöhnt, vertrugen sie die fetten Kräuter auf der Alm nicht. Nach drei Jahren ist das letzte der zehn gestorben. 1976 wollte man nicht mehr touristischer Vorreiter sein. Damals haben die Galtürer beschlossen, kein Skigebiet im dorfeigenen Gletscher zu bauen. Auch wenn man mehr Gäste in der schneearmen Weihnachtszeit hätte anlocken können. Dafür sollte kein Lift das ewige Eis stören. Damals sagte man "Nein" zu Wahn des immer mehr und immer größer.

Dörfler unter sich

Am spannendsten im Alpinarium ist der Raum mit den Dingen, die man in Galtür macht, wenn die Touristen nicht dabei sind. Die nächtliche Totenwache, die hier noch gehalten wird. Das legendäre Enziangraben auf dem Gemeinbesitz, der Allmende in der Silvretta für den berüchtigten "Enzer". Ein Gebräu so selten, dass es Fremde fast nie und falls doch, dann nur unter verschwörerischen Umständen angeboten bekommen. Ein Elixier, das - so beschwören es die alten Bergler - gegen jedes Weh und Gebrechen hilft. Und das man kaum hinunterbekommt. Dazu sieht man Spezialitäten wie geschmortes Murmeltier nach Großmutters Art. Zum Glück findet man das Rezept in keinem Hotel auf der Karte, aber wie schön ist es, dort zu Gast zu sein, wo noch echte Menschen leben mit Eigensinn und Eigenart.

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