ITB Berlin Geld regiert die Reisewelt


Indien ist diesjähriges Partnerland der Berliner Reisemesse, doch beim Thema Vermarktung benötigt der Subkontinent noch Entwicklungshilfe. Zum Beispiel von Mallorca: Die Spanier rühren mit Claudia Schiffer und Boris Becker die Werbetrommel.
Von Claudia Pientka, Berlin

Letztes Jahr hielten lediglich ein paar grüne Balken den Stand beisammen, dazwischen saßen einige ratlos dreinblickende Inder, um sie herum waberte der Geruch halb gegessener Currygerichte. 2007 ist Indien das Partnerland der Internationalen Tourismusbörse (ITB) in Berlin, der Stand wurde herausgeputzt, doch der verwunderte Ausdruck in den Gesichtern der Aussteller ist ebenso geblieben wie der Essensduft. "Incredible India" lautet der Slogan der angeblich neuen Trenddestination Indien, doch das Einzige, das bisher schwer vorstellbar ist, sind deutsche Urlauber auf diesem überwältigenden Subkontinent.

Die Mitte fehlt

Ayurveda, Hennabemalungen und Wahrsager - das sind nicht nur die Klischees in den Köpfen der Menschen, sondern auch das Image, das Indien auf der ITB beschwört. Man kann sich den Handrücken bemalen oder aus seiner Innenfläche lesen lassen; jeder Elefantenbesitzer scheint einen eigenen Mini-Stand zu haben, aber so richtig zugänglich wirkt das ganze nicht. Große Ketten wie die luxuriösen Taj Hotels residieren hinter ausladenden Theken und beliebte Staaten wie das südindische Kerala schirmen sich mit einem Zaun vor ungebetenen Gästen ab. Ein wenig erinnert das System in Halle fünf ans echte Indien: Kleinstanbieter für Rucksack- und Individualreisende, große Namen und exotische Orte für Urlauber mit größerem Geldbeutel. Was fehlt ist die große Mitte, Pauschalangebote, große Reiseveranstalter, die den deutschen Reiseweltmeister in die neue Traumdestination karren.

Das Problem kennen auch die Vertreter der Reisebüros: "Wie kommt man denn von der Küste ins Hinterland", fragt eine Dame bei der Pressekonferenz von Maharastra, dem drittgrößten der 28 indischen Bundesstaaten. Die Frage legt den Finger in die Wunde: Wie schaffe ich meine Gäste von A nach B, wie zuverlässig sind Züge, wie sicher die Flüge, wie befahrbar die Straßen? Alles sei ganz einfach versichert der Tourismusdirektor Abhay Yawalker immer wieder, das meiste auch von Deutschland übers Internet buchbar. Doch wer jemals versucht hat, ein indisches Zugticket zu erwerben, weiß um die Schwierigkeit dieser Aufgabe. Nein, massenkompatibel ist ein Land wie Indien sicher noch nicht - trotz Wellness und Ayurveda.

Weltmeister der Vermarktung

In einer ganz anderen Liga spielen da die Balearen. Niemand lockt so professionell Urlauber ins Land wie Mallorca, Menorca, Ibiza und Formentera. Die vier Mittelmeerinseln haben nicht nur zwei Hallen ganz für sich allein, sie verdienen auch bereits jede Menge Geld, immerhin gehören sie zu den Lieblings-Urlaubsorten der Deutschen. Damit das auch so bleibt, scheuen sie weder Kosten noch Mühen, um ihre Eilande im hellsten Glanz erstrahlen zu lassen. Claudia Schiffer, Boris Becker, Carl-Uwe Steeb und Tim Mälzer treten im Viererpack auf, um für ihre Lieblingsinseln zu werben. Was sie an Mallorca und Co so mögen, müssen die Promis zwar vom Zettel ablesen, doch das tun sie im größten Blitzlichtgewitter. Die Aufmerksamkeit der Medien ist den Balearen gewiss - und dürfte ihnen auch sicherlich mehrere zehntausend Euro wert gewesen sein.

Auffallend, doch nicht protzig präsentieren sich auch Länder, die noch keine Besuchermassen wie die Balearen haben, aber gerne noch mehr Touristen ins Land locken würden. Allen voran die beiden Aushängeschilder der Vereinigten Arabischen Emirate, Dubai und Abu Dhabi. "Etwa sechs Millionen Besucher kommen jährlich nach Dubai", sagt René Pfingst, Tourismus-Vertreter Dubais, "allein in diesem Jahr öffnen zwanzig neue Hotels, alle im Vier- und Fünf-Sterne-Bereich". Und das sei auch dringend nötig, immerhin seien die bereits vorhandenen Unterkünfte zum Bersten gefüllt, dazu trugen 2006 auch 265.000 Deutsche bei.

Art sells

Auch der räumlich größere und, nach Ölvorkommen bemessen, reichere Bruderstaat Abu Dhabi investiert hunderte Millionen Euros in den Tourismus - allerdings legen die Scheichs hier ihr Augenmerk eher auf Kultur und Sport. Im Gegensatz zu Dubai hat Abu Dhabi derzeit nur ein großes Einkaufszentrum - in Dubai stehen vierzig - aber dafür bald zwei namhafte Museen: 2012 eröffnet das Guggenheim Museum eine Dependance im Wüstenstaat, entworfen von Guggenheim-Lieblingsarchitekt Frank O. Gehry. Es soll die größte Sammlung zeitgenössischer und moderner Kunst beherbergen. Nur einen Steinwurf entfernt und ebenfalls auf der Saadiyat-Insel soll in einigen Jahren auch ein Louvre stehen. Auch das französische Traditionshaus hat sich zu einer arabischen Abteilung überreden lassen und kassiert in den nächsten zwanzig Jahren 700 Millionen Euro für die Freigabe des Namens und die Leihgabe von Bildern.

Versteht sich von selbst, dass die beiden Emirate auch auf der ITB in kleinen Wüstenpalästen residieren, auf erhöhten Terrassen abgeschirmt vom Laufpublikum und mit schönen Hostessen in funkelnden Gewändern, die den Gästen gefüllte Datteln und Tee reichen. Von so einer professionellen und kostspieligen Vermarktung sind die Inder noch jahrelang entfernt. Vielleicht werden sie auch nie dorthin gelangen, schließlich müssen sie keinen Wüstenstaat anpreisen, sondern ein Land, das vor sozialen und kulturellen Schätzen überquillt.


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