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Norwegen: In der Spur der Helden

Der Holmenkollen am Rand von Oslo zieht die Weltelite im Nordischen Skisport magisch an. Genauso wie Freizeitathleten, die hier ihren Idolen nacheifern.

Von Johannes Schweikle

Zwanzig Stunden vor dem Start legt Johnny Cash das erste Spanferkel auf den Grill. Zufrieden schaut er in die Runde. Gestern haben er und seine Kollegen sich diesen Platz am Wendepunkt der Strecke gesichert. Rund um den Grill haben sie vier olivgrüne Armeezelte aufgebaut. Jedes hat am Eingang einen Kältegraben, für die Nacht im Freien ist alles vorbereitet: Feldbetten, Schlafsäcke, Heizöfen.

Auf dem Stapel Brennholz liegen noch zwei rohe Spanferkel. Bei 15 Grad unter null halten die sich an der frischen Luft problemlos bis morgen, wenn am Mittag das Rennen startet.

Der Hüne mit der tiefen Stimme, der sich als Johnny Cash vorgestellt hat, heißt Asbj¿rn Larshus und verdient sein Geld als Rettungssanitäter in Oslo. Mit 30 Kollegen macht er eine Art Betriebsausflug zum Holmenkollen. Am zweiten Wochenende im März tragen die besten Skispringer und Langläufer hier ihre Weltcup-Wettbewerbe aus. Es gehört zu den Traditionen Norwegens, in diesen Nächten neben der Loipe zu zelten. Johnny Cash hat sich gewissenhaft auf die nordische Kombination vorbereitet: Die Paletten mit Bier und Schnaps sollten reichen bis zum 50-Kilometer-Rennen. Dreimal werden die Läufer am Grill auf der Lichtung von Ullevalseter vorbeikommen.

"Die Ski sind unser Geschenk an die Welt"

Am anderen Wendepunkt, im Skistadion, steht Karin Berg. Sie trägt ein schwarzes Trachtenkleid, eine weiße Bluse und traditionellen nordischen Silberschmuck. Sie ist 57 Jahre alt und strahlt so frisch wie ein Wintermorgen. Die Historikerin leitet seit 22 Jahren das Skimuseum am Holmenkollen. Hinter Glas liegen hier 1400 Jahre alte Bretter, mit denen Nordmänner im Winter auf die Jagd gingen.

"Die Ski sind unser Geschenk an die Welt", sagt Karin Berg, "und der Holmenkollen ist die älteste Sprungschanze der Welt, die noch immer in Gebrauch ist."

1892 fand hier der erste Wettkampf statt. Der Hügel (norwegisch: Kolle) war nach einem gewissen Dr. Holm benannt, der hier, in der gesunden Höhenluft oberhalb von Oslo, ein Sanatorium betrieb. Heute Morgen hat Karin Berg die norwegische Königin Sonja mit einem Staatsgast auf die verglaste Plattform geführt. Verschneite Berge und Hügel ragen aus dem Wasser, in den Tälern liegt Nebel, das Eis auf dem Seitenarm des Fjords schimmert silbern.

Kinder stets willkommen

Es ist nicht immer so ruhig hier. Eine Woche vor den großen Wettkämpfen findet der Holmenkollen-Kindertag statt. Da weht bei minus zehn Grad ein eisiger Wind über den Hügel, aber mehr als 7000 Kinder kommen. Alle mit Langlaufski, die jüngsten sind noch keine drei Jahre alt. Für sie ist die Häschen-Loipe präpariert: 250 Meter lang, alle 15 Meter steht ein Plüschhase neben der Spur. Ein Mädchen mit rot gefrorenen Backen bleibt träumend auf der Strecke stehen, eine jugendliche Helferin muntert es auf, im Ziel gibt's als Preis für jeden einen kleinen Rucksack.

Ein Bronzedenkmal zeigt König Olav (1903-1991) in Kniebundhosen bei seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Langlauf. Kinder turnen an Olavs Bronzeskistöcken, nebenan ist eine kleine Schanze gebaut. Ein Junge winkt seinem Vater zu, dann geht er in tiefer Hocke in die Anlaufspur und springt energisch vom 30 Zentimeter hohen Schanzentisch. In der Luft verheddern sich seine schmalen Langlaufski, auf dem Hintern rodelt er den Auslauf hinunter. Dann stapft er lachend wieder den Hügel hinauf und stellt sich an zum nächsten Sprung. Mütter mit Babys in Kinderwagen warten am Rand.

Wenn sie nicht wären, müsste man glauben, die kleinen Norweger kämen mit Skiern auf die Welt.

Die fröhlichste U-Bahn der Welt

Es gibt keine andere Kultstätte in der Sportwelt, an der Breiten- und Leistungssport so eng verzahnt sind. Während des ganzen Winters trifft man in der Osloer U-Bahn Menschen aller Altersklassen mit Skiausrüstung. Ihre aufgekratzte Vorfreude auf den Schnee macht die Linie 1 zur fröhlichsten U-Bahn der Welt.

In einer guten halben Stunde führt sie vom Hauptbahnhof zum Holmenkollen. Sie windet sich aus dem Tunnel den Berg hinauf, vorbei an romantischen Holzhäusern und Villen im norwegischen Beverly-Hills-Stil. Am Holmenkollen beginnt das Loipennetz. 2600 Kilometer sind durch die Wälder gespurt: schmale Pfade zwischen den Bäumen, ebene Strecken über zugefrorene Seen, breite Doppelspuren, auf denen Paare sich beim Laufen gemütlich unterhalten. Eltern ziehen Kleinkinder im Pulka-Schlitten hinter sich her, in malerischen Hütten gibt's heißen Johannisbeersaft, und der Apfelkuchen auf der Aussichtsterrasse von Frognerseteren ist legendär.

In fünf Jahren wird hier noch einmal der große Skizirkus zu Gast sein. Dann findet am Holmenkollen die WM statt. Und die verlangt ein schmerzliches Opfer: Die alte Schanze genügt den Anforderungen des internationalen Skiverbandes nicht mehr; für 60 Millionen Euro soll eine neue Anlage gebaut werden, Windschutz inklusive. Karin Berg hat schon eine Geschäftsidee. "Wir werden die Teile vom alten Bakken als Souvenirs verkaufen, wie die Stücke von der Berliner Mauer. Dann können die Leute eine Erinnerung mit nach Hause nehmen."

Langlauf wie früher

Einstweilen muss auch der König noch mit dem alten Stadion vorliebnehmen, in dem er Wind und Wetter ausgesetzt ist. Im blauen Anorak verfolgt König Harald die Langlaufrennen, Schneeböen wehen ihm ins Gesicht. Die Deutsche Evi Sachenbacher wird Dritte und schwärmt hinterher: "Das ist Langlauf wie früher: Die Strecke geht noch richtig durch den Wald, und überall stehen Zuschauer, die dich anfeuern."

Das 50-Kilometer-Rennen der Männer wird auch für die Weltelite richtig hart. Tobias Angerer, der Weltcupsieger aus Bayern, quält sich mit fast zehn Minuten Rückstand ins Ziel. Hier geht es um die Langläuferehre, hinterher sagt er: "Am Holmenkollen gibt man nicht auf."

Der Italiener Pietro Piller-Cottrer führt mit großem Vorsprung. Als er nach der zweiten Runde durch das Stadion läuft, ruft der Streckensprecher: "Nur noch 16 Kilometer trennen ihn vom Sieg." Doch der Italiener hat seine Kräfte falsch eingeteilt. Als er zum letzten Mal an den Wendepunkt in Ullevalseter kommt, gleitet er so langsam wie ein erschöpfter Skiwanderer durch die Spur. Wenig später gibt er entkräftet auf.

Johnny Cash kriegt das Drama nicht mehr richtig mit. Er hat kräftig mitgeholfen, die Bier- und Schnapspaletten zu leeren. Sein Kumpel Attle ist in den Kältegraben gestolpert und hat sich am Ofen die Hand verbrannt. Jetzt hat er den Spott, aber auch die liebevolle Fürsorge der Kollegin, die ihn verarztet.

Als die Holmenkollen-Spiele am Sonntag ihren Höhepunkt erreichen, sind die Zelte in Ullevalseter bereits abgebaut. Doch die Camper haben dem Holmenkollen Respekt gezollt: Der Schnee ist zertrampelt. Aber nicht eine einzige Bierbüchse ist liegen geblieben.

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