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Deutscher Flugverkehr: "Onur Air" muss draußen bleiben

"Aus Sicherheitsgründen" hat das Bundesluftfahrtamt der türkischen Airline "Onur Air" die Einflugerlaubnis entzogen. Tausende deutsche Urlauber, die in die Türkei fliegen oder von dort zurückkehren wollten, sitzen fest.

Die private türkische Airline "Onur Air" darf deutsche Flughäfen ab sofort nicht mehr anfliegen. Das Luftfahrtbundesamt erteilte das Verbot aus nicht näher erläuterten "Sicherheitsgründen" - und zwar unbefristet. Das Unternehmen reagierte darauf mit Unverständnis. "Wir wissen nicht, was uns vorgeworfen wird", sagte Sprecher Ufuk Altun gegenüber stern.de. Onur Air werde seine Passagiere bei anderen Fluglinien unterbringen und gegen das Verbot rechtlich vorgehen. Nach Unternehmensangaben sitzen bis zu 20.000 niederländische und deutsche Touristen fest, die in den kommenden Tagen mit Onur Air fliegen wollten.Auslöser des Verbots - das im Fluggeschäft als ebenso drakonische wie selten angewandte Strafe gilt - war ein Verbot der niederländischen Flugaufsichtsbehörde: Nach Altuns Angaben wurde Onur Air gestern um 12 Uhr in Holland gesperrt und um 18 Uhr in Deutschland. "Die Deutschen haben das Verbot einfach ungeprüft übernommen", sagte Altun. Das Luftfahrtbundesamt war für eine Stellungnahme zu diesem Vorwurf bislang nicht zu erreichen.

Eher Mängel als Störungen

Handfeste Begründungen für das Verbot lägen dem Unternehmen nicht vor, so Altun. Bei "Onur Air" seien nur einige der im Luftfahrtgeschäft üblichen "Störungen" zu verzeichnen gewesen. Flugkapitän Markus Kirschnek, Sprecher der Pilotenvereinigung Cockpit, schätzt die Lage anders ein. "Wenn sich das Luftfahrtbundesamt schon zu einem Einflugverbot durchringt, dann müssen gravierende Mängel vorliegen" - wobei unter "Mängeln" vieles zu verstehen sei: schlecht gewartete Maschinen, unzureichend geschultes Personal, fehlende Versicherungspolicen und vieles mehr.Bei "Onur Air" scheint es sich häufiger um technische Probleme zu handeln. Die Datenbank des Fachautoren und Luftfahrtexperten Jan-Arwed Richter (www.jacdec.de) verzeichnet für Onur Air fünf Vorfälle in den vergangenen fünf Jahren - wobei sich drei allein in den Niederlanden abgespielt haben. Am 3. Mai musste ein Onur-Air-Flieger wegen eines vermuteten Triebwerksfeuers zum Flughafen Amsterdam zurückfliegen; am 17. Juni 2003 unterbrach ein Onur-Air-Pilot auf dem Flughafen Groningen aus ungeklärten Gründen den Start und raste mit der Maschine ins Feld. Am 29. Juli 2000 legte eine Maschine eine Notlandung in Istanbul hin - aus undefinierten "Sicherheitsgründen".

Verärgerung unter Passagieren

Jan-Arwed Richter sagte gegenüber stern.de, das Sündenregister der Onur-Air sei "nicht besonders auffällig" - auch wenn es Fluggesellschaften gebe, die ebenfalls seit zwölf Jahren am Markt seien und noch "eine weiße Weste" hätten. Allerdings gäbe es in den einschlägigen Internet-Foren häufig Beschwerden, dass Teile der Flotte überaltert seien - Onur Air setzt unter anderem noch den Airbus A300 und die Lockheed 1011 Tristar ein. Ein Sprecher des niederländischen Verkehrsministeriums erklärte, die Behörde habe der Fluglinie kürzlich eine "letzte Warnung" erteilt. Als am Dienstag erneut Mängel an einem Airbus festgestellt worden seien, habe man das Verbot ausgesprochen.

Insgesamt verfügt Onur Air nach eigenen Angaben über 25 Maschinen und fliegt 73 Flughäfen an. Die Gesellschaft ist die größte privat Airline der Türkei. Der Vorstandsvorsitzende Aybars Balabaner erkärte in Istanbul, das Verbot solle Verwirrung schaffen und einen Skandal auslösen. Der Justiziar Murat Aksoy streute in Düsseldorf die Vermutung, "wirtschaftliche Gründe" hätten das Verbot motiviert - und befürchtete zugleich, andere europäische Länder könnten Onur Air nun auch blockieren.

Lutz Kinkel

Wissenscommunity