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Gefahr für den Luftverkehr: Drohnen erobern den Himmel: Darum sind die kleinen Fluggeräte ein Sicherheitsrisiko

Drohnen erobern den Himmel. Nicht nur die Blockade des Flughafens Gatwick und der heutige Zwischenfall in Frankfurt zeigen: Sie sind eine Gefahr für den Luftverkehr – bisher kaum beachtet von Passagieren und Politik.

In der Umgebung eines deutschen Flughafens: Eine private Drohne fliegt in knapp zehn Metern Flughöhe über einem Garten, als in weiter Entfernung ein Flugzeug zu sehen ist.

In der Umgebung eines deutschen Flughafens: Eine private Drohne fliegt in knapp zehn Metern Flughöhe über einem Garten, als in weiter Entfernung ein Flugzeug zu sehen ist.

DPA

Alexander Rüter sitzt an diesem Sommertag im Jahr 2016 am Steuer eines Airbus A320 der Air Berlin nach Düsseldorf. Das Wetter ist gut, die Abendsonne scheint sanft über den bewaldeten Hügeln des Ruhrtals. Rüter dreht in 1000 Meter Höhe auf die nordöstlich ausgerichtete Landebahn ein. Noch 20 Kilometer bis nach Hause.

"Ich konnte unter mir die Villa Hügel sehen", erinnert er sich. "Wir flogen eine Linkskurve. Hinter mir saß der Checkpilot, der mich überwacht hat." Solche Checks sind für Verkehrsflieger Routine: Regelmäßig werden die Arbeitsabläufe überprüft, damit sich keine Nachlässigkeiten einschleichen. Rüter ist ein erfahrener Pilot, hat gut 10.000 Flugstunden als Flugkapitän absolviert.

Doch an diesem Tag enden, von einem Moment zum nächsten, Alltag und Routine: "Plötzlich sah ich links vor mir einen orangefarbenen Punkt, der schnell näher kam. Ich erkannte, dass es die Abdeckung einer Drohne war. Ich konnte die schwarzen Ausleger mit den Propellern erkennen und rief so etwas wie 'Guck mal!'. Der Checkpilot sah sie auch. Nach zwei Sekunden war das Ding unter der linken Tragfläche durchgehuscht", erzählt Rüter. "Ich schätze, sie war so 50 bis 70 Meter entfernt."

Elektro-Flugschrauber

In den Weiten des Himmels: ein lebensgefährliches Nichts. Stille im Cockpit. "Ich hatte überhaupt keine Zeit zu reagieren", sagt Rüter. Der Jet fliegt zu diesem Zeitpunkt mit einer Geschwindigkeit von 230 Knoten, rund 420 km/h. Selbst wenn Rüter am Ruder zöge: In zwei Sekunden reagiert das etwa 50 Tonnen schwere Flugzeug kaum. Es ist reines Glück, dass die Drohne nicht in den Flieger kracht.

Die mehr als 100 Passagiere in der Maschine aber bekommen von alldem nichts mit. Für sie ist es ein ruhiger Flug.

Drohnen werden immer mehr zu einem Sicherheitsrisiko

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Das Erlebnis von Alexander Rüter ist leider keine einzigartig irre Anekdote. Tatsächlich häufen sich die Begegnungen von Flugzeugen mit Drohnen, vor allem beim Landeanflug. Im vergangenen Jahr verdoppelten sich die gemeldeten Fälle nach Angaben der Flugsicherung von 88 auf 158, und die Dunkelziffer, so heißt es, sei hoch. Weltweit geht die Zahl in die Tausende. Und bei über einer Million neu erworbener Geräte allein in Deutschland im Jahr 2018 wird sie weiter steigen.

Millionen neuer Hobbypiloten treffen auf einen Luftraum, der nicht auf die Drohnenflut vorbereitet ist: Bisher werden die kleinen Elektro-Flugschrauber weder von den Radaren der Flugsicherung erfasst, noch gibt es Vorschriften, die verlangten, Drohnen für bemannte Luftfahrzeuge kenntlich zu machen. Schon unvorsichtige Drohnenpiloten können deswegen zu einer ernsten Gefahr werden – ganz zu schweigen von jenen, die absichtlich das Risiko suchen.

Am 12. Dezember landete eine mexikanische Boeing mit aufgerissener Nase, nachdem sie ein Objekt im Flug getroffen hatte – vermutlich eine Drohne. Eine Woche nach diesem Vorfall musste der Flughafen Gatwick bei London für 36 Stunden geschlossen werden: Immer wieder waren Drohnen über dem Flugfeld gesichtet worden, die kurz darauf wieder verschwanden. Knapp 100 Augenzeugen meldeten sich. Die Sorge, dass eine Drohne ein Flugzeug gar zum Absturz bringen könnte, war so groß, dass die Flughafenbetreiber mehr als 1000 Flüge strichen und 140.000 Passagiere erst einmal festsaßen. Ein Millionenschaden. Inzwischen gehen Experten von einem koordinierten Angriff mit mehreren Fluggeräten aus. Die Täter konnten bisher nicht ermittelt werden.

Crash: die Nase einer Boeing 737 der Aeromexico in Tijuana im Dezember 2018

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Die Wirkung einer Drohne auf ein Flugzeug kann verheerend sein, besonders bei Treffern im Cockpit. Bei kleineren Maschinen oder Hubschraubern durchschlagen selbst leichte Drohnen regelmäßig die Scheiben. Auch die gehärteten Fenster von Verkehrsmaschinen halten dem Einschlag einer schwereren Drohne selbst bei niedrigerem Tempo oft nicht stand. Das zeigen Tests der britischen Luftfahrtbehörden. Der Aufprall einer Drohne gilt wegen der harten Bauteile, wie Elektromotoren oder Batterie, als etwa fünfmal so heftig wie die Kollision mit einem gleich schweren Vogel.

"Drohnenführerschein"

Auch die Jet-Triebwerke sind gefährdet: Forscher des Virginia Tech College of Engineering haben simuliert, was beim Einschlag einer Vier-Kilo-Drohne passieren würde: Triebwerksschaufeln rissen ab und zerlegten den Motor komplett. Studienleiter Professor Javid Bayandor sagt: "Wenn man weiß, was schon kleine, unbemannte Fluggeräte mit einem Passagierflugzeug machen können, dann können es Piloten kaum riskieren, im selben Luftraum unterwegs zu sein."

Und so sind sich Sicherheitsexperten inzwischen einig, dass der Staat dringend gesetzliche Regelungen finden muss, die die neue Gefahr am Himmel bannen. Zugleich aber dürfen die Möglichkeiten der neuen Technologie nicht zu stark beschnitten werden. Denn Drohnen sind nicht nur ein Spielzeug, sondern eine Erfindung mit gewaltigem Potenzial für die Zukunft. Längst forschen Amazon und andere Tech-Konzerne an Konzepten, um Waren mit ihrer Hilfe schnell bis an die Haustür zu liefern. In den USA soll die Drohnen-Wirtschaft in diesem Jahr bereits 13,6 Milliarden Dollar umsetzen und bis 2025 auf sagenhafte 82 Milliarden Dollar expandieren.

Auch Jasper Heyden sieht in der Drohnentechnik vor allem die Chance. Der Geschäftsführer der Firma DPH Drone Services ist professioneller Drohnenpilot und gibt bundesweit Kurse zum "Drohnenführerschein". Den brauchen alle, die unbemannte Flugobjekte über zwei Kilo Gewicht bedienen.

"Drohnen", so sagt der 38-Jährige, "bringen nicht nur im Filmbereich ungekannte Perspektiven." Er denkt da an Landwirte, die ihre Felder überwachen, um frühzeitig Krankheiten zu erkennen, an Windkraftbetreiber, die Anlagen inspizieren, an Feuerwehren, die im dichten Rauch nach Brandnestern suchen und, ja, auch an Paketdienste. "Deutschland", sagt Heyden, "ist prädestiniert, in diesem wachsenden Markt eine globale Rolle zu übernehmen." Voraussetzung dafür seien, so sieht es auch Heyden, verbindliche Regeln, selbst wenn sich viele Hobbypiloten daran störten. Dazu gehören "Aufstiegsgenehmigungen" der Luftbehörden, ohne die er vielerorts gar nicht abheben dürfe: 100 Meter rechts und links von Bundesstraßen oder Bahngleisen, rings um Industrieanlagen oder über Menschenansammlungen. Und selbstverständlich sind Drohnen über Rettungseinsätzen tabu.

Um gefährlichen Unsinn zu verhindern, installieren die Hersteller handelsüblicher Drohnen längst eine Software, die anhand von GPS-Daten Flugverbotszonen erkennt. Sobald man in ihrer Nähe fliegt, erscheint ein Warnhinweis, dann schlägt das sogenannte Geofencing zu: Die Drohne stoppt. Doch selbstverständlich lässt sich dieser virtuelle Zaun auch umgehen – illegal, durch Manipulationen an Hard- oder Software.

"Kopter-Drohnen-Forum"

Michael Stenger, professioneller Drohnenpilot im Siegerland und Administrator des "Kopter-Drohnen-Forum", befürchtet darum, "dass man bald alle Drohnen über 250 Gramm Gewicht nur noch mit Genehmigung fliegen darf". Es gebe zu viele Spinner, die sich über alle Regeln hinwegsetzten, "Extremfälle, denen alles egal ist". Wie dieser Typ aus dem Frankfurter Raum, der ständig über Autobahnen fliegt und hinein in Einflugschneisen. "Die Videos davon stellt er regelmäßig bei Youtube ein", sagt Stenger. Irgendwann hat er darum in seinem Forum eine Rubrik eingerichtet, in der Nutzer krasse Fälle melden können, etwa jenen Piloten, dessen Drohne im Januar vor zwei Jahren beinahe in die Kugel des Berliner Fernsehturms gekracht wäre. Manchmal schickt Stenger dann Anzeigen an Polizei oder Luftfahrtamt. Doch, und das ärgert ihn gewaltig: Eine Antwort hat er noch nie bekommen. "Bei jedem kleinen Vorfall gibt es riesige öffentliche Aufregung, aber wenn es ernst wird, passiert praktisch nichts."

Ein Familienfoto wird mit der Drohne aufgenommen.

Es scheint, als fehlte den Behörden bislang jedes Konzept, den Gefahren im Alltag zu begegnen. Dabei drängen Zeit und technologische Entwicklung. "Es kommt eine regelrechte Drohnenwelle auf uns zu. Und inzwischen gibt es Hochleistungssysteme für ein paar Hundert Euro", sagt Jürgen Beyerer, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung in Karlsruhe. Mit seinen Kollegen arbeitet der Informatiker daran, Drohnen vollautomatisch zu erkennen, ihre Gefährlichkeit einzuschätzen und ihre Besitzer zu identifizieren. Dabei haben sie nicht nur übermütige Hobbypiloten im Sinn, sondern auch Kriminelle und Terroristen. "Unsere Infrastruktur ist sehr anfällig für Drohnen", sagt Beyerer. "Besonders bei Flughäfen hat man das bisher unterschätzt. Um heute einen Millionenschaden anzurichten, braucht man kein Gramm Sprengstoff mehr."

Doch Drohnen haben sich in den vergangenen Jahren, gerade im Nahen Osten, zu einer Art Luftwaffe des kleinen Mannes entwickelt. Ob die Terroristen des "Islamischen Staats" im Irak oder Huthi-Rebellen im Jemen: Sie alle haben schon Drohnen eingesetzt – zur Aufklärung per Kamera, aber auch als Stealth-Bomber, zu klein und leise, um wahrgenommen zu werden. Hunderte Menschen wurden im Irak bei Luftangriffen mit kleinen Granaten, die wie aus heiterem Himmel auf die Erde regneten, verletzt oder getötet.

Drohnenabwehrsystem

"Um möglichst leistungsfähige Systeme zu bekommen, muss man verschiedene Überwachungstechniken kombinieren: Radar, Funküberwachung, optische und akustische Sensoren", sagt Beyerer. Und gerade Letztere haben nur wenige Hundert Meter Reichweite. Und die Abwehr sei noch schwieriger als die Erkennung, schließlich könne man nicht einfach auf einem Verkehrsflughafen rumballern.

Ein Unternehmen, das eines der wenigen Drohnenabwehrsysteme auf den Markt gebracht hat, heißt ESG und sitzt in Fürstenfeldbruck bei München. Das "Guardion System" passt in einen größeren Lieferwagen und kostet, je nach Ausstattung, zwischen einer halben und zwei Millionen Euro. Es hat schon den G20-Gipfel in Hamburg vor zwei Jahren und zuletzt die Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober in Berlin gesichert. "Unser System hat sich im realen Einsatz gegen Drohnen bereits bewährt", sagt Entwickler Christian Jaeger. Genauer will er aber nicht werden, "sorry, geheim". Und leider habe erst eine einzige deutsche Landespolizei ein Guardion im Einsatz, "und an nicht staatliche Stellen dürften wir Jamming-Technologie, elektromagnetische Impulskanonen, Laser und andere Abwehrtechnik nicht einmal liefern", sagt Jaeger. Schließlich sei auch der Abschuss einer Drohne formal ein gefährlicher Eingriff in den Luftverkehr.

Im Umkehrschluss bedeutet dies: Deutschlands Infrastruktur ist bislang ungeschützt. Drohnenflüge werden nur registriert, wenn es Augenzeugen gibt – wie in Gatwick. Dort wurde auch erst nach dem Vorfall hektisch ein Abwehrsystem angeschafft.

Dringender Handlungsbedarf

Weil es gar nicht möglich ist, überall aktiv nach Drohnen am Himmel zu suchen, setzt Thilo Vogt, Projektleiter für unbemannte Systeme bei der Deutschen Flugsicherung, eher auf bessere Regeln zur Kennzeichnung. "Es kann nicht sein, dass man in Deutschland sein Mofa registrieren muss, eine Drohne aber nicht", sagt er. "Drohnen müssen in die Sicherung des Luftraumes eingebunden sein." Dafür testet die Flugsicherung zusammen mit der Telekom Mobilfunk-Transponder. Drohnen würden dann aktiv ihre Positionsdaten an die Computer der Flugsicherung melden. Kämen sie Flugzeugen in die Quere, könnten sie vollautomatisch in Ausweichmanöver geschickt werden.

An neuralgischen Punkten wie Flughäfen brauche man trotzdem noch die Detektionstechnologie, sagt Vogt. Schließlich sei nicht davon auszugehen, dass Kriminelle sich ausgerechnet beim Drohnenflug an die Gesetze halten werden. Aber zumindest Scherzbolde seien so abzuhalten. "Es besteht dringender Handlungsbedarf", so Vogt. "Sonst passiert bald wirklich etwas."

Der Artikel erschien erstmals am 3. Februar 2019

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kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(