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Simuliertes Reisen: Der total erlogene Urlaub

Reisen sind längst nicht mehr authentisch: Durch Dschungel führen Spazierwege, Bergvölker werden tausendfach geknipst. Ein Künstlerpaar schickt seine Gäste daher gleich auf eine Tour, bei der garantiert nichts echt ist.

Von Martin Spiess

Seien wir ehrlich: Wer in den Urlaub fährt, wird betuppt. Man zahlt zum Beispiel für eine Wandertour durch den Dschungel Thailands, um Bergvölker zu besuchen, die angeblich "noch nie Weiße" gesehen haben sollen - nur um dann vor einer Gruppe unmotivierter Eingeborener zu stehen, die offensichtlich erst Sekunden vor dem Eintreffen der Touristen den Fernseher ausgestellt haben. Wenn niemand den Reisenden die Wahrheit zeigen will - warum soll man überhaupt noch in ein Flugzeug steigen?

Das dachten sich auch die australischen Künstler Kat Barron und Lara Thoms. Sie veranstalten die Show "Holiday" in Melbourne. Für 10 australische Dollar kann das Publikum in nur 30 Minuten einen inszenierten Urlaub durchleben. Mit fast allem, was dazu gehört: Reiseleiter in geschmacklosen gelben Hemden, Souvenirshops und unappetitliche Flugzeugmenüs.

Die australischen Performancekünstler wollen mit ihrer Inszenierung unsere Reisekultur parodieren. "Ein großer Teil des Tourismus ist problematisch, weil er authentische Kultur ignoriert", sagen sie. "Touristen sehen oft falsche Versionen: Ihnen werden zum Beispiel australische Aborigine-Bumerangs angeboten, die aber in China hergestellt werden." Dies will das Künstlerpaar kritisieren. "Wir treiben portionierten Tourismus à la Europa in sieben Tagen‘ auf die Spitze, indem wir einen bizarren Urlaub inszenieren."

Diesen Kurzurlaub macht das Paar in einem großen Theaterraum im Melbourner Arts Center erlebbar - mit viel Liebe zum Detail. Vor der Show müssen die Besucher einchecken. Dann dürfen sie ihre Schuhe ausziehen und sich in ausrangierte Flugzeugsitze setzen. Wie in einem richtigen Ferienflieger erhalten sie eine kurze Sicherheitsbelehrung. Sie bekommen vom Flugpersonal Videobrillen aufgesetzt. Und dann geht es los.

Falscher Sand und der Duft nach Nudelsalat

Auf den Brillenbildschirmen wird der Start eines Flugzeugs eingespielt. Das Personal öffnet Behälter mit Nudelsalat und Chips, um sie den Fluggästen vor die Nase zu halten - damit diese den Geruch einatmen können. Während die Videobrillen Bilder eines Strandes zeigen, wird den Gästen Wasser und Sand über die Füße gekippt und mit einem Heizlüfter eine warme Brise ins Gesicht geblasen. Dazu hebt ein Audiokommentar auf ironische Weise die Vorzüge gegenüber einem echten Urlaub hervor: Der falsche Strand habe den Vorteil, dass einem das Salzwasser nicht in den Augen brenne. Künstlicher Regenwald laufe nicht Gefahr, abgeholzt zu werden.

Die Zuschauer können sich während der Show auch selbst sehen. Eine Livekamera nimmt die Besucher auf und überträgt die Bilder in die Videobrillen. Am Ende von "Holiday" gerät das Pseudoflugzeug in Turbulenzen, es riecht nach Rauch, und das Personal hilft den Passagieren auszusteigen. Am Ausgang gibt es einen Souvenirshop, in dem den Besuchern hässliche Muscheln und T-Shirts angeboten werden. "Das illustriert, wie viele touristische Angebote voll sind von Konsum", so die Künstler.

Zum ersten Mal war "Holiday" Ende Mai zu sehen, auf dem alle zwei Jahre stattfindenden Jugendfestival "Next Wave" in Melbourne. "Ganz unterschiedliche Menschen hatten Spaß an unserer Show. Von Kindern über echte Touristen bis hin zu Künstlern", erzählen die Veranstalter. Deshalb wollen sie die Performance weiter aufführen. Es gebe Anfragen aus anderen Städten - aber noch sei nichts konkret. "Wir sind bereit zu touren", sagen die beiden. Zudem hätten bereits Reiseagenturen angefragt, die von ihrer Homepage auf die Webseite des "Holiday"-Projekts verweisen wollen. Barron und Thoms amüsiert das sehr: "Die beste Werbung für den australischen Tourismus ist das nicht."

FTD
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