Formel 1 Sportart ohne Sport


Stimmt ja: Lewis Hamilton hat in Shanghai seinen WM-Titel fast perfekt gemacht. Man hat es beinahe nicht bemerkt. Wieder einmal gab es im Formel-1-Zirkus wichtigere Themen als den Sport: Kosten, Strafen und Kollegen-Schelte. Die Formel 1 ist dabei, den Kontakt zur Basis zu verlieren.
Ein Kommentar von Jens Fischer

Ach, wie ist das schön beim guten alten Fußball: Da lässt es sich einfach prima diskutieren, da gibt es nach den Spielen in den Medien und an den Stammtischen immer etwas zu besprechen. War der Elfmeter berechtigt? Die rote Karte war ein Witz! Und überhaupt: Die Leistung des einen oder anderen Lieblings war mal wieder eine Katastrophe. Beim Fußball gibt es nur Experten, denn das Spiel ist purer Kampf und daher auch des Volkes Glück. Fußball symbolisiert den Sport so wie er sein soll: Emotional, kontrovers und verständlich für jedermann.

Anders die Formel 1. Das hat das millionenschwere Motoren-Spektakel in den vergangenen Wochen leider wieder eindrucksvoll bewiesen. Mitten im eigentlich nervlich aufreibenden Weltmeisterschafts-Finale wird von den beteiligten Protagonisten ein Mega-Theater abseits des Sports veranstaltet. Anstatt sich über die Aura und die zweifelsohne starken Performances eines hoch talentierten Youngsters wie Lews Hamilton zu freuen, wird dieser medienwirksam in den letzten Tagen von allen Seiten nach Strich und Faden in die Enge getrieben.

Hamiltons Fahrweise sei ungestüm und unfair, er wäre ein Pisten-Rambo und an der nötigen Reife würde es ihm sowieso mangeln. Nichts weiter als ein Beau und Arrogantling sei der Engländer im Diensten von McLaren-Mercedes. Da wurden Vergleiche mit Michael Schumacher gezogen, ebenfalls (auf Grund seiner Erfolge?) im Fahrerlager nicht gerade der Beliebteste. Auffällig dabei: Gerade Fahrer wie Nick Heidfeld oder Fernando Alonso stellen sich bei dieser Kollegen-Schelte gerne vor die Kameras. Haben die genug nicht mit sich selbst zu tun? Jetzt hat Hamilton souverän und locker in den Grand Prix von China gewonnen - eine perfekte Antwort.

Apropos Heidfeld, apropos Alonso: Sie waren in diesem Jahr Musterbeispiele dafür, wie unwichtig der Sport in der Sportart Formel 1 geworden ist. Unzählige Male durfte Alonso darüber erzählen, wie unzufrieden er doch bei Renault wäre und er dringend wechseln möchte. Nur wohin und wann wollte er bis heute nicht preisgeben. Mittlerweile ist das auch egal, es langweilt einfach nur noch. Oder Heidfeld: Montelang stand er vor dem Rauswurf bei BMW. Oder doch nicht? Bleibt er jetzt oder geht er? Er bleibt. Soll er doch.

Fast nie wird in der Formel 1 darüber gesprochen, welche Fähigkeiten ein richtig guter Fahrer haben muss. Wie wichtig die Mechaniker sind. Oder ob es Teams gibt, die mit ganz besonderen Talenten gesegnet sind. Der Sport hat sich vom Publikum entfernt und ist zum Spezifikum für Insider geworden.

Oder wie ist es zu bewerten, dass sich rund um das vorentscheidende Rennen in Shanghai zum x-ten Male alles um das Thema Kostenersparnis drehte. Während die Piloten ihren Sport ausübten, wurde (auch in den Medien) diskutiert um Einheitsmotoren, neue Strafmaßnahmen oder eine andere Punkteverteilung. Sicher Themen, mit denen die Formel 1 leben muss. Aber keine Themen, die wichtiger sind als der Rennausgang im Reich der Mitte.

Es ist schade um die Formel 1. Und es ist traurig für die vielen Fans. Denn die wollen einfach nur heiße Duelle auf der Strecke sehen. Die wollen sich begeistern an den Leistungen eines Lews Hamilton, sie wollen mitfiebern im WM-Finale. Und sie wollen mit ihren Freunden und Bekannten, am Stammtisch oder sonst wo, darüber diskutieren, was sie am letzten Formel-1-Rennen eigentlich so spannend fanden. Um das Thema Kostenersparnis wird es sich dabei kaum handeln.


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